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Gespräche über SozialtarifvertragBei Ford in Köln laufen die Warnstreiks

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ARCHIV - 27.11.2024, Nordrhein-Westfalen, Köln: Neuwagen stehen vor dem Ford Verkauf einem Parkplatz.

Köln: Neuwagen stehen vor dem Ford Verkauf einem Parkplatz. (Archivbild)

Bei den Kölner Ford-Werken führen geplante Stellenstreichungen zu Warnstreiks. IG Metall fordert Abfindungen und ein insolvenzgeschütztes Sicherheitsnetz.

Bei den Ford-Werken werden die Gespräche über einen Sozialtarifvertrag von Warnstreiks begleitet. Am Dienstagabend hatten bereits alle rund 250 Mitarbeitenden in der Nachschicht die Arbeit zeitweise niedergelegt und mit Fackeln am Kreisel, in der Mitte des Werkteils in Köln-Niehl protestiert, so IG Metall-Vertrauenskörperleiter David Lüdtke. An diesem traditionellen Ort für Versammlungen bei Warnstreiks und Streiks kamen am Morgen rund 6000 Mitarbeitende der Frühschicht zusammen, die Spätschicht versammelt sich um 16.oo Uhr am Kreisel.

Bislang gab es zwei Gesprächsrunden zwischen Arbeitnehmervertretern und dem Management, eine am Donnerstag, eine Anfang dieser Woche. Dabei habe der Arbeitgeber hat die Forderungen der IG Metall mit Nachdruck zurückgewiesen, so Kerstin Klein, 1. Bevollmächtigte der IG Metall Köln-Leverkusen, die die Verhandlungskommission der Arbeitnehmerseite führt. „Das hat uns nicht wirklich überrascht“, so Klein.

Köln: Ford plant Abbau von 2900 Stellen

In Verhandlungen anlässlich des von Ford geplanten Abbau von 2900 Stellen allein in Köln verlangt die IG Metall etwa für Abfindungen für das Ausscheiden aus dem Unternehmen einen Sockel von 200.000 Euro. Weitere Komponenten können die Summe vervielfachen. Da sind etwa ein Drittel des Bruttojahresentgelts für jedes Beschäftigungsjahr, 10.000 Euro für jedes Kind oder Zahlungen entsprechend dem Grad für Behinderungen. Abfindungen soll es auch für die geben, die wechseln, weil ihre Tätigkeit aus den Ford-Werken ausgelagert wird. Und die, die bleiben, sollen einen Anspruch auf das Gesamtpaket bekommen – und zwar bis 2033.

Betriebsrat und IG Metall geht es um ein Sicherheitsnetz für alle Mitarbeitenden. Sie sind durch eine Betriebsvereinbarung bis Ende 2032 vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt. Dieser Schutz würde aber im Falle einer Insolvenz entfallen, so die Arbeitnehmervertreter.

„Wir konnten jedoch weitere Verhandlungstermine vereinbaren, in denen wir versuchen wollen, gute Lösungen für die drängenden betrieblichen Probleme zu finden“, so Klein. Acht Termine gibt es bis zum Ende der Osterferien. Dabei soll durch weitere Warnstreiks der Druck auf die Arbeitgeberseite hochgehalten werden.

Köln: Warnstreiks am Donnerstag

Terminiert sind schon Warnstreiks am Donnerstag in der Früh- und der Spätschicht im Entwicklungszentrum, im Ersatzteilzentrum und in der Ersatzteilfertigung. Weitere könnten folgen. Und auch eine Urabstimmung wird laut IG Metall vorbereitet. Die erlaubt dann tageweise Streiks oder auch unbefristete Arbeitsniederlegungen.

Angesichts der geplanten Restrukturierungen und der Kündigung der Patronatserklärung durch die Ford Motor Company – eine Bürgschaft, die die deutsche Tochtergesellschaft vor einer Insolvenz schützt - fordern der Betriebsrat und die IG Metall eine Zukunftsstrategie sowie ein insolvenzgeschütztes Sicherheitsnetz für alle 11.500 Beschäftigten.

„Wir zeigen dem Arbeitgeber mit diesen Warnstreiks, dass die Belegschaft geschlossen hinter den Forderungen der IG Metall und des Betriebsrates steht. Wir wollen eine faire Gesamtlösung für alle Beschäftigten und erwarten, dass die Geschäftsführung sich in den Verhandlungen nun deutlich auf uns zu bewegt“, ergänzt Frank Koch, Vertrauenskörperleiter beim Ersatzteilzentrum.

Nachhaltiges Zukunftskonzept für Köln gefordert

„Wir fordern nach wie vor ein nachhaltiges Zukunftskonzept für die Kölner Standorte und den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze, aber wir brauchen auch ein Insolvenz-geschütztes Sicherheitsnetz“, ergänzt David Lüdtke. Die Ford-Mitarbeitenden sind tief verunsichert, sagte Kerstin Klein. Stellenstreichungen waren in einer Mail des Europamanagements bereits im Sommer angekündigt worden. Konkrete Zahlen gab es dann im November. Von den 2900 Mitarbeitenden, die die Stelle verlieren sollen, arbeiten 600 im Entwicklungszentrum, 1000 Stellen sollen in der Verwaltung wegfallen in Bereichen wie Marketing, Einkauf, Finanzen, IT oder Personal. Ebenfalls 1000 Mitarbeiten sind vom Abbau in produktionsnahen Dienstleistungen betroffen. Sie erledigen Arbeiten von der Elektrizitätsversorgung bis zur Abwasserentsorgung, darunter Reparatur und Wartung der Fertigungsanlagen, die ausgelagert werden könnten.

Die Kündigung der Patronatserklärung hat laut Betriebsratschef Benjamin Gruschka das Vertrauen der Mitarbeitenden in das Unternehmen nachhaltig erschüttert.

„Während das Unternehmen bemüht ist, verloren gegangenes Vertrauen durch eigene Informationsveranstaltungen zurückzugewinnen, sehen viele Kolleginnen und Kollegen die derzeitige Situation als bedrohlich an. Eine mögliche Insolvenz wird von der Geschäftsführung als nur geringfügiges Risiko dargestellt, jedoch angesichts fehlender Details über einen zukunftsfähigen Geschäftsplan fällt es vielen schwer, daran zu glauben“, so Benjamin Gruschka.

Ford lautet unter E-Flaute

Ford leidet unter der Flaute der E-Mobilität und eigenen Fehlern. Der Autobauer will die Marke höher positionieren und setzt auf größere und teurere Autos, die auch noch amerikanischer in der Anmutung daherkommen sollen. Die Kölner E-Autos Explorer und Capri auf Basis einer VW-Plattform verkaufen sich aber nicht so wie erhofft.

Bis Ende Dezember wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt 2426 Explorer in Deutschland neu zugelassen. Und vom Capri kamen 440 Wagen als Eigenzulassungen auf die Straßen. Seit dem Capri-Verkaufsstart im Januar wurden weitere 279 Autos des Modells in Deutschland zugelassen. Außerdem kamen 799 Explorer neu auf die Straßen. Zahlen für Europa nennt Ford nicht. Die dürften ungefähr fünfmal so hoch sein, da eine Exportquote um die 80 Prozent für die Ford-Werke üblich ist. Gefertigt könnten aber weit mehr Autos. Auch noch nachdem die Tagesbaurate im laufenden Jahr von 630 auf 480 Autos gesenkt wurde.

Schon Mitte November schon hatte Ford Kurzarbeit angekündigt. Bis zu den Weihnachtsferien wurde nur jede zweite Woche gearbeitet. Im laufenden Jahr ruht bis Ende April an insgesamt 40 Tagen die Arbeit. Dabei gibt es kollektiven Urlaub rund um Ostern ab Donnerstag kommender Woche.