Im Kölner Dom entsteht ein neues Kunstwerk, das das christlich-jüdische Verhältnis thematisiert. Nach einem Wettbewerb mit internationaler Beteiligung wurde jetzt der Siegerentwurf gekürt.
Christlich-jüdische GeschichteWas es mit dem neuen Kunstwerk für den Kölner Dom auf sich hat

Das künftige Wandbild für die Marienkapelle des Kölner Doms wird das Fundament des Thoraschreins aus der mittelalterlichen Kölner Synagoge zeigen.
Copyright: Hohe Domkirche Köln
Dass das geplante Kunstwerk für den Kölner Dom Fragen aufwerfen wird, dessen war man sich in der Jury sofort bewusst. Sein erster Eindruck sei gewesen, „mein Gott, was werden die Leute sagen“, meinte Weihbischof Rolf Steinhäuser bei der Vorstellung des Siegerentwurfs. Es sei, „als ob irgendwas Extraterrestrisches in diese Kapelle fliegt und auf diesen Altar zu stürzt oder über ihm steht“, fasste der Domkapitular die Wirkung des Wandgemäldes zusammen, das im nächsten Jahr in der Marienkapelle der Kathedrale entstehen soll – direkt über Stefan Lochners „Altar der Stadtpatrone“, dem wohl bekanntesten Kunstwerk im Dom.
Malen wird es die Berliner Künstlerin Andrea Büttner, 1972 in Stuttgart geboren, Professorin für Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste München. Sie hat sich bei einem Kunstwettbewerb, den das Kölner Domkapitel im August 2023 ausgelobt hatte, unter 15 Teilnehmenden und vier Finalisten durchgesetzt. Einstimmig kürte das 13-köpfige Preisgericht ihr Werk ohne Titel und empfahl es zur Umsetzung.
Siegerentwurf für neues Kunstwerk im Kölner Dom vorgestellt
Ziel des Wettbewerbs war es, ein Kunstwerk zu schaffen, das, so das Domkapitel, „im Bewusstsein der christlich-jüdischen Geschichte den Blick auf Gegenwart und Zukunft richten soll“. Anlass für das im Jahr 2020 begonnene Projekt sind die antisemitischen Darstellungen im und am Dom, von denen einige erst vor kurzem entdeckt wurden (siehe Infotext). Über den richtigen Umgang mit solchen historischen Zeugnissen in Kirchen wird in vielen deutschen Städten gestritten.
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In Köln entschied sich das Domkapitel dafür, diese antijüdischen Schmähwerke nicht zu verhüllen oder gar zu entfernen. Sie lediglich mit Erklärtafeln einzuordnen, sah man als unzureichend an. Stattdessen will man dem Antisemitismus früherer Generationen mit einem Kunstwerk etwas entgegensetzen.
Andrea Büttner hat dafür eine bestechende Idee entwickelt. Sie will auf die Stirnwand der Marienkapelle im südlichen Chor ein Bild malen, das das Steinfundament des Thoraschreins aus der ehemaligen Synagoge im mittelalterlichen jüdischen Viertel Kölns zeigt. Und zwar auf schwarzem Grund in seiner originalen Größe von rund 211 Zentimetern Länge und 85 Zentimetern Höhe. Das Fragment des Fundaments war 2014 im Rahmen der Bauarbeiten für das jüdische Museum „MiQua“ geborgen worden und soll in Zukunft in dem Museum ausgestellt werden. Sie wolle es fotorealistisch malen und das Bild auf Fernwirkung auslegen, sagte Büttner.
Es geht um eine Gewaltgeschichte und darum, diese sichtbar zu machen.
Was manchem Betrachter zunächst wie ein Meteorit im Weltall erscheinen mag, ist in Wahrheit also ein Stück Kölner Geschichte, das wie kein zweites das Verhältnis zwischen Christen und Juden in der mittelalterlichen Stadt verdeutlicht.
Im Pogrom von 1349, als der größte Teil der Kölner Juden ermordet wurde, war auch der Thoraschrein beschädigt worden. 1424 vertrieb der Stadtrat die gesamte jüdische Bevölkerung aus der Stadt. Die einstige Synagoge wurde zur Ratskapelle „St. Maria in Jerusalem“ umgewidmet und 1426 geweiht. 16 Jahre später schuf Stefan Lochner seinen „Altar der Stadtpatrone“ für ebendiese Ratskapelle. Das im Mittelteil 285 Zentimeter breite Werk ersetzte den Thoraschrein auf der Ostseite der Synagoge und stand auf dessen Fundament, das man erweitert hatte. 1810 wurde der Altar, der als Lochners Hauptwerk gilt, in den Dom überführt.

Visualisierung des geplanten Kunstwerks über dem Lochner-Altar in der Marienkapelle des Kölner Doms.
Copyright: Hohe Domkirche Köln
Mit ihrem geplanten Gemälde setzt Andrea Büttner nun dieses christliche Kunstwerk, das für sich genommen keine antijüdischen Motive enthält, in Bezug zu seiner Vorgeschichte. „Es geht um eine Gewaltgeschichte und darum, diese sichtbar zu machen“, sagte Büttner der Rundschau. Der Lochner-Altar sei „eines der wichtigsten Kunstwerke“ und „eine materielle Spur von jüdischer Geschichte im Dom“. Und dass diese Geschichte bisher nicht erzählt worden sei, das sei das Spannende für sie. Diese Idee habe sie erst entwickelt, nachdem sie sich sehr lange mit dem Dom beschäftigt habe. „Ich bin mit großer Offenheit hier reingegangen und habe viel mir angeschaut, viele Leute getroffen“, berichtete Büttner.
Zum Wettbewerb waren 15 Kunstschaffende eingeladen
Dompropst Guido Assmann sagte, das Domkapitel habe dem Tag der Verkündung des Siegerentwurfs „wirklich entgegengefiebert“. Er dankte der Kölner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Kölner Synagogengemeinde für ihre Unterstützung in dem Prozess. Die Vorsitzender der Jury, Professorin Andrea Wandel, betonte, die Teilnehmer des Wettbewerbs hätten „ganz unterschiedliche und sehr eindrückliche Konzepte für das neue Kunstwerk im Kölner Dom vorgelegt. Und das dabei gezeigte große Engagement und auch die Bearbeitungstiefe hat uns im Preisgericht begeistert.“

Die Künstlerin Andrea Büttner vor ihrem Siegerentwurf.
Copyright: Thomas Banneyer
Zu dem internationalen Wettbewerb waren zunächst 15 Künstlerinnen und Künstler eingeladen. Vier von ihnen wurden ausgewählt, ihre Vorentwürfe weiter auszuarbeiten. Darunter war das Projekt „Staub zu Licht“ der österreichischen Künstlerin Azra Aksamija, die eine hängende Installation für das Nordquerhaus entworfen hatte. Der Düsseldorfer Künstler Christoph Knecht wollte die leeren Arkadennischen in der Nordquerhauswand mit spiegelnden schwarzen Flächen versehen, der israelische Künstler Roy Mordechay plante eine Neugestaltung des großen Fensters im Nordquerhaus mit einem Farbverlauf von Gelb nach Rosa. Alle drei zogen am Ende gegen Büttner den Kürzeren.
Den ikonischen Altar der Kölner Stadtpatrone wird man in Zukunft nicht mehr ohne dieses Bild sehen und auch nicht mehr denken können.
Sie erläuterte ihr Konzept mit den Worten: „Mein geplantes Kunstwerk wird es auf unmittelbare Weise möglich machen, die Ersetzung eines Thoraschreins durch einen christlichen Altar und die Präsenz jüdischen Lebens in Köln zu erzählen. Das Bild des Fundaments ist oberhalb des Altars platziert. Es stellen sich Fragen über historische Schichtungen und Überschreibungen, Fragen über Alt und Neu, oben und unten. All diese Bezüge sind historisch, theologisch und politisch relevant.“

Entwurf für ein Dom-Kunstwerk von Azra Aksamija
Copyright: Hohe Domkirche Köln, Azra Aksamija
Der Leiter des Kolumba-Museums, Stefan Kraus, beschrieb seinen ersten Eindruck von dem Werk mit den Worten: „Ich war sprachlos.“ Der Vorsitzende der Synagogengemeinde, Abraham Lehrer, lobte, dass das Kunstwerk Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des christlich-jüdischen Verhältnisses thematisiere. Steinhäuser sagte: „Der Thoraschrein und das Altarbild beruhen auf dem gleichen Fundament. Historisch gesehen, aber auch ganz praktisch. Und dieses gemeinsame Fundament ist der Glaube an den einen Gott.“ Malen will die Künstlerin ihr Bild ab Frühjahr 2026, die Arbeiten sollen rund ein Jahr dauern. Es wird das erste neue Werk im Dom seit dem Richter-Fenster sein und die Kathedrale verändern. Dombaumeister Peter Füssenich betonte, man werde den ikonischen Altar der Stadtpatrone in Zukunft „nicht mehr ohne dieses Bild sehen und auch nicht mehr denken können“.
Antisemitische Darstellungen im Kölner Dom
2023 beschrieb Domführer Harald Schlüter im Kölner Domblatt die antijüdische Bildsprache im Petersportal, das rechts neben dem Haupteingang der Kathedrale liegt. Hier wird die Geschichte des Apostels Petrus gezeigt, inklusive seiner Kopfüber-Kreuzigung in Rom. Zu sehen ist auch der erste Häretiker der Kirchengeschichte, Simon Magus, der sich von seinen Anhängern als Gott verehren ließ. Begleitet wird er von Männern mit gehörnten Hüten – eine Kopfbedeckung, die sie als Juden ausweist. Laut Schlüter werden Juden hier als Handlanger des Teufels diffamiert, die auf den Tod des Apostels hinarbeiten. Es war der jüngste antisemitische Fund im Dom.

Darstellung eines Mannes mit Judenhut am Petersportal des Kölner Doms
Copyright: Harald Schlüter
2018 entdeckte Robert Boecker, Chefredakteur der Kirchenzeitung, dass sich im sogenannten „Kinderfenster“ des Doms, das erst in den 1960er-Jahren entstanden ist, eindeutig antisemitische Motive befinden. Das war zuvor nicht aufgefallen, beziehungsweise ignoriert worden. Schon länger bekannt ist die Darstellung einer so genannten „Judensau“ im Chorgestühl des Doms – ein Motiv, das sich in vielen mittelalterlichen Kirchen findet. Es zeigt, wie ein als Jude gekennzeichneter Mann an der Zitze eines Schweins saugt. Die Schnitzerei wurde 1311 vollendet – 38 Jahre später wurde die jüdische Bevölkerung Kölns bei einem Pogrom zum größten Teil ermordet. (fu)