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Interview

FC-Trainer Gerhard Struber
„Das ist unser Spannungsfeld“

Lesezeit 9 Minuten

Gerhard Struber (47) feilt derzeit im Trainingslager in Bad Waltersdorf am Feinschliff für eine erfolgreiche Saison mit dem 1. FC Köln.

Der neue FC-Trainer Gerhard Struber spricht über den Spagat zwischen Entwicklung und Erfolgsdruck sowie seine Herangehensweise bei der Arbeit mit der jungen Spielergeneration.

Herr Struber, wie ist Ihr erster Eindruck von Köln?

Die Stadt gefällt mir richtig gut. Es gibt mir ein gutes Gefühl, durch Köln zu gehen. Und inzwischen habe ich auch eine passende Wohnung gefunden. Das war eine Herausforderung (schmunzelt).

Wie begegnen Ihnen die Menschen?

Sehr offen, sehr positiv dem FC gegenüber und sehr hoffnungsvoll. Man spürt die große Verbundenheit vieler mit dem FC. Es ist ein Club mit großer Strahlkraft, viel Begeisterung und vielen Emotionen.

Spüren Sie das auch beim Training am Geißbockheim?

Das sind Dimensionen, die speziell sind und die mir ein Gefühl dafür geben, dass es viele Unterstützer gibt, die es gut meinen mit dem Verein. Gleichzeitig nehme ich es als etwas sehr Schönes wahr, wenn sich so viele Menschen so sehr mit dem FC identifizieren.

Wie waren Ihre ersten Wochen beim FC?

Im Verein laufen die Dinge sehr professionell ab. Dazu konnte ich von Beginn an sehr tief in die Mannschaft eintauchen. Nach dem Abstieg war es wichtig, die Köpfe der Spieler freizukriegen, Erfolgserlebnisse zu schaffen und die Jungs in die Spielidee mitzunehmen. Es fühlt sich alles richtig gut an. Ich verspüre eine große Vorfreude auf den Start.

Das hier beim FC ist deshalb so speziell, weil wir so eine enge Bindung zu den Menschen haben, die mit unglaublich viel Herz hinter dem Verein stehen. Da so nah dran zu sein, ist schon etwas Neues für mich – das macht richtig Laune.
Gerhard Struber

Wie nehmen Sie das Arbeiten am Geißbockheim wahr?

Das Geißbockheim gefällt mir sehr gut. Gefühlt trainieren wir hier in einem Park. Mit dieser Atmosphäre steigt gefühlt die Lebenserwartung. Das sind Rahmenbedingungen, die mir als Trainer sehr guttun und die mir sehr gut gefallen.

Geht bei Ihrem ehemaligen Club RB Salzburg alles etwas distanzierter zu?

RB bietet fantastische Bedingungen, um Spieler entwickeln zu können. Der Weg ist ein anderer, es läuft dort in komplett anderen Strukturen ab. Das hier beim FC ist deshalb so speziell, weil wir so eine enge Bindung zu den Menschen haben, die mit unglaublich viel Herz hinter dem Verein stehen. Da so nah dran zu sein, ist schon etwas Neues für mich – das macht richtig Laune.

Sie sind in einer komplizierten Phase aus Abstieg und Transfersperre zum FC gekommen. Haben Sie länger überlegt?

Als Trainer denkt man immer genau drüber nach, wenn man sich für einen Club entscheidet. Am Ende gibt es logische Aspekte, aber es gibt auch ein Bauchgefühl. Mein Bauchgefühl war trotz all dieser Themen vom ersten Moment an sehr, sehr gut.

Sehen Sie die Transfersperre auch als Chance?

Wichtig ist, mit welcher Perspektive man draufschaut. Es ist überhaupt nicht die Zeit, um zu jammern. Meine Herangehensweise lautet, dass das Glas halb voll ist. Wir gehen die Saison mit den Jungs an, die da sind. Wir haben junge, aber auch erfahrene Spieler. Es gibt einen guten Mix im Kader. Und: Wir können uns auf die Jungs verlassen, die schon viel Erfahrung mit dem FC haben. Wir verlieren keine Energie mit Integrationsthemen.

Haben Sie sich vorab bei Ex-FC-Trainer Peter Stöger und seinem damaligen Assistenten Mani Schmid erkundigt?

Das habe ich tatsächlich gemacht. Es war mir wichtig, ein paar Informationen einzuholen. Peter und Mani tragen den FC im Herzen. Das merkt man in jedem Satz, mit dem sie über den FC sprechen. Sie haben nur Positives berichtet und mir einen guten Dienst erwiesen.

Es war schon spürbar in der ersten Phase, was der Abstieg mit den Spielern, aber auch mit dem Club und den Mitarbeitern gemacht hat.
Gerhard Struber

Wie schätzen Sie den Leistungsstand Ihrer Mannschaft ein?

Wir haben wahnsinnig viel investiert. Der Trainingsrhythmus hat die Jungs auf ein sehr gutes körperliches Level gebracht. Jetzt geht es darum, die taktischen Dinge zu verfeinern. Da sind wir auf einem guten Weg. Ich sehe im Training, dass wir mehr und mehr synchron unterwegs sind. Wir sind sehr stabil in der Gruppe und als Mannschaft zusammengewachsen.

Ist die Schwere des Abstiegs abgeschüttelt?

Mittlerweile schon. Es war schon spürbar in der ersten Phase, was der Abstieg mit den Spielern, aber auch mit dem Club und den Mitarbeitern gemacht hat. Wir haben versucht, über Training und Spiele den Glauben und die Hoffnung wieder reinzubekommen, über welche Power wir verfügen. Ich erlebe eine Mannschaft, die ein gewisses Selbstvertrauen hat, das jetzt natürlich untermauert werden muss mit Leistungen und Ergebnissen in der Liga. Nur das hält uns stabil.

Wie schwierig ist der Spagat zwischen Erfolgsdruck auf der einen Seite und Entwicklung auf der anderen?

Das ist das Spannungsfeld, in dem wir uns befinden. Wir wollen in diesem Jahr junge Spieler entwickeln, aber auch für Ergebnisse stehen, um so schnell wie möglich in die Bundesliga zurückzukehren. Es wird vielleicht nicht immer alles superstabil sein, es wird Auf und Abs geben. Wichtig ist, den Jungs in jeder Phase Unterstützung zu geben und jede Phase richtig einzuordnen, nie in Aktionismus und ins Negative zu verfallen. Es geht einfach darum, den Jungs einen stabilen Anker und Sicherheit zu geben.

Wie können Sie ehemaligen Leistungsträgern wieder auf die Sprünge verhelfen?

Erfolgserlebnisse werden ganz wichtig sein. Wenn ein Spieler ins Toreschießen und Verteidigen kommt, dann sorgt das für ein gutes Gefühl. Dieses Gefühl müssen wir immer wieder pushen und nach oben bringen, im Training und natürlich in den Spielen, um die Jungs dran glauben zu lassen. Wir führen viele Gespräche, um den Jungs die Idee, wie wir erfolgreich Fußball spielen, näherzubringen, so dass jeder mit dieser Dosis umgehen und sie mitnehmen kann. Jeder sitzt im Boot, jeder weiß, was zu tun ist, daran arbeiten wir. Wenn uns das gelingt, dann können wir eine richtig gute Rolle spielen.

Passt Ihr Pressingfußball zum Kölner Kader?

Wir müssen das schon entwickeln. Es gibt Jungs, die definieren sich anders. Wir müssen daher schauen, möglichst gut zueinander zu finden. Man merkt, dass sich jeder im Training richtig gut einbringt. Jetzt geht es darum, das Vertrauen in unsere Spielidee zu festigen.

Was wir nicht tun dürfen, ist, immer nur die Ergebnisse heranzuziehen. Dazwischen muss Inhalt sein. Dann bekommen wir eine höhere Wahrscheinlichkeit hin, Spiele zu gewinnen. Das ist der Weg.
Gerhard Struber

Müssen Sie Ihren Anspruch hier und da zurückschrauben?

Die Mannschaft lernt gut und schnell. Das spricht für ihr Potenzial und unsere Talente. Es wird in den nächsten Wochen Siege, aber sicherlich auch mal Niederlagen geben. Was wir nicht tun dürfen, ist, immer nur die Ergebnisse heranzuziehen. Dazwischen muss Inhalt sein. Dann bekommen wir eine höhere Wahrscheinlichkeit hin, Spiele zu gewinnen. Das ist der Weg.

Wer ist für Sie der Favorit?

Der Hamburger SV. Weil er die meiste Erfahrung in der Zweiten Liga hat und eine Mannschaft, die schon sehr reif ist. Das Umfeld wirkt auf mich mittlerweile gefestigt. Dazu konnten sie sich mit gezielten Transfers verstärken.

Was reizt Sie an der Arbeit mit jungen Spielern?

Mich reizt es einfach, junge Burschen zu entwickeln. Darin habe ich viel Erfahrung. Ich habe mein Know-how in den letzten Jahren massiv erweitern können. Ich bin aber kein romantischer Trainer, der nur an Entwicklung denkt. Wir sind im Profigeschäft. Wir wollen am Wochenende Punkte holen. Wenn du positive Ergebnisse hast, ist das wie ein Turbo für die Entwicklung. Diesen Einfluss auf die Spieler zu haben, macht den Job als Trainer super interessiert.

Stellt es für Sie eine große Umstellung dar, mit Spielern aus einer ganz anderen Generation zu arbeiten?

Das ist eine tolle Herausforderung. Es ist eine Generation, die aus meiner Sicht viel mehr das persönliche Gespräch sucht wie noch vor einigen Jahren. Mein Trainerteam und ich versuchen permanent, mit den Jungs immer in Kontakt zu sein, sie abzuholen und zu schauen, wie es ihnen geht. Das sind Jungs, die sehr, sehr viel in die Waagschale werfen. Ich merke in jedem Training, wie sie versuchen, ihr Bestes zu geben. Daher verdienen sie auch die Zeit, die ich ihnen gebe.

Die Jungs heutzutage wachsen mit ihren iPhones auf. Ein persönliches Gespräch, in dem es um die Jungs geht, um ihre Zukunft, um ihre Ängste und Sorgen, um ihre Visionen und Ziele, ist dagegen etwas ganz anderes.
Gerhard Struber

Worauf führen Sie die gewachsene Bedeutung persönlicher Gespräche zurück?

Die Jungs heutzutage wachsen mit ihren iPhones auf. Ein persönliches Gespräch, in dem es um die Jungs geht, um ihre Zukunft, um ihre Ängste und Sorgen, um ihre Visionen und Ziele, ist dagegen etwas ganz anderes. Dieses Persönliche scheint in unserer Gesellschaft ein bisschen abhandengekommen zu sein. Deshalb ist es so wichtig, tief einzutauchen. Wenn du heute als Trainer draufkommen willst, wo die Motivationsknöpfe sind, musst du hinterfragen.

Was lässt Sie aus Ihrer aktiven Karriere noch auf die heutige Zeit anwenden?

Wir waren Meister mit einer Mannschaft, von der keiner geglaubt hat, dass wir Meister werden. Was wir entwickelt haben, war ein spezieller Spirit. Disziplin und die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, waren ein Riesenthema. Das ist etwas, was heute nicht anders ist als vor 20 Jahren. Es geht um Vertrauen, Klarheit und Wille. Darum, die Resilienz und Ausdauer aufzubringen, dranzubleiben. Wenn es mal gut läuft, nicht davon zu fliegen. Und wenn es mal schlecht läuft, locker und im Prozess zu bleiben.

Was haben Sie aus Ihrer Zeit in New York mitgenommen?

Amerikaner träumen viel mehr wie wir. Bei uns ist alles realistisch. Wir reden über Ziele, die Amerikaner von Visionen. Sie haben auch mit Scheitern kein Problem. Wenn der Amerikaner scheitert, dann scheitert er. Dann geht die nächste Tür auf. Wir Europäer ticken da ganz anders. Wir haben Gewissensbisse. Der Amerikaner hat nicht dieses Neidempfinden, das in unseren Breiten extrem stark ausgeprägt ist. Das habe ich in den USA sehr genossen: Als Fußballtrainer zu arbeiten, der sich voll auf Inhalt konzentrieren kann.

Dabei hatten Sie dem Fußball zwischenzeitlich schon den Rücken gekehrt.

Nach meiner aktiven Zeit habe ich eine Karriere in der Versicherungsindustrie eingeschlagen, da gab es wenig Zeit für Fußball. Zwei, drei Jahre war der Fußball überhaupt kein Thema für mich. Dann geriet mein Heimatverein, der SV Kuchl, in Abstiegsnot und die Verantwortlichen redeten auf mich ein, ob ich in dieser schweren Phase nicht helfen könnte. Ich stellte ein Verkaufsteam ein, um Dinge delegieren und abends trainieren zu können. Und dann gab es dieses Freundschaftsspiel gegen Salzburg. Es war ein gutes Spiel von uns. Ralf (Rangnick, damaliger RB-Sportdirektor; Anm. d. Red.) schaute zu, auch Christoph (Freund, damaliger RB-Sportkoordinator) war dabei. Ralf fragte mich dann, ob ich mir nicht vorstellen könnte, wieder in die Red Bull-Akademie einzusteigen. Ich konnte nicht Nein sagen.

Zur Person

Gerhard Struber, geboren am 24. Januar 1977 in Kuchl im Salzburger Land, ist seit 1. Juli 2024 Trainer des 1. FC Köln. Sein Vertrag läuft bis 2026. In der vergangenen Saison war Struber als Chefcoach von RB Salzburg tätig, wo er im April als Tabellenführer von seinen Aufgaben entbunden wurde. Weitere Stationen waren Red Bull New York, der FC Barnsley, der Wolfsberger AC und der FC Liefering. Seine Wurzeln liegen in der Nachwuchs-Akademie von RB Salzburg. Als Spieler gewann der frühere Mittelfeldmann mit den „Roten Bullen“ 1997 den österreichischen Meistertitel. Struber ist verheiratet, er hat zwei Kinder. (tca)