Meine RegionMeine Artikel
AboAbonnieren

„Überragender Schulterschluss mit den Fans“Gerhard Struber erlebt beim 1. FC Köln eine neue Fußballwelt

Lesezeit 4 Minuten

Bedingungslose Unterstützung: Die FC-Fans auf der Südtribüne des Rhein-Energie-Stadions.

Vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC Berlin schwärmt der Österreicher von den Fans des 1. FC Köln. Gemeinsam soll am Samstagabend der nächste Schritt Richtung Aufstieg gelingen.

Als Gerhard Struber im Sommer 2024 seine Arbeit am Geißbockheim aufnahm, musste sich der Österreicher erst an ein paar Dinge gewöhnen. Zum Beispiel daran, dass die Trainingseinheiten des 1. FC Köln öffentlich zugänglich sind. Ebenjene Nähe zu den Fans war Struber fremd aus seiner Zeit im Fußball-Universum des Brauseherstellers Red Bull, wo hinter verschlossenen Türen hochmoderner Trainingszentren alles etwas distanzierter zugeht. Rund ein Jahr später hat Struber Gefallen gefunden an der Wucht, die der Geißbock-Club mit all seinen Begleiterscheinungen versprüht. Die leidgeprüften FC-Fans haben ihrem Herzensverein auch nach dem von einer Transfersperre begleiteten siebten Bundesliga-Abstieg der Vereinsgeschichte die Treue gehalten und stellen im Kampf um den Wiederaufstieg ein Faustpfand dar.

Gerhard Struber schwärmt von einem „überragenden Schulterschluss mit den Fans, wir erleben das jeden Spieltag, hier zu Hause und auswärts“. Der 48-Jährige wirkt sichtlich angetan, als er offen einräumt: „In meiner Welt des Fußballs habe ich das in dieser Form noch nicht erleben dürfen. Die Stimmung ist schon sehr intensiv.“ So wird es auch am Samstagabend (20.30 Uhr/Sky und Sport 1) wieder sein, wenn der 1. FC Köln als Spitzenreiter der 2. Bundesliga Hertha BSC Berlin zum Topspiel des 28. Spieltags unter Flutlicht empfängt. Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass das Müngersdorfer Stadion mit 50.000 Zuschauern einmal mehr ausverkauft sein wird.

Hertha wird uns alles abverlangen, der Kader bringt von der individuellen Qualität her sehr viel mit.
Gerhard Struber, Trainer 1. FC Köln

Das Hinrundenduell der ehemaligen Bundesligisten hatte eine Art Völkerwanderung in der Domstadt ausgelöst. „Im Hinspiel waren fast 20.000 Kölner in Berlin“, erinnert sich Lizenzspielerleiter Thomas Kessler an die sagenhafte Fan-Unterstützung in der Hauptstadt. Ähnlich viele Anhänger werden sich auch am 27. April zum Spiel bei Hannover 96 aufmachen, ein weiteres Duell zweier Traditionsclubs. „Auch in Paderborn, wo unser Kontingent nur bei 2500 Karten lag, war es unfassbar wichtig, dass uns die Fans nach vorne gepusht haben – gerade nach dem Rückstand. Am Ende hat es sich fast wie ein Heimspiel angefühlt“, blickt Thomas Kessler auf den jüngsten 2:1-Sieg beim direkten Verfolger zurück. Der Ur-Kölner ist dankbar für den außergewöhnlichen Rückhalt von den Rängen: „Ich kenne es auch aus meiner eigenen Zeit als Spieler: Es ist einfach etwas Besonderes, hier unterstützt zu werden. Die Menschen folgen uns überall hin.“

Pyro-Exzesse bilden die Schattenseite beim 1. FC Köln

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Pyro-Exzesse wie beim Pokalspiel gegen Hertha BSC im Dezember 2024 dem finanziell nach wie vor nicht auf Rosen gebetteten 1. FC Köln teuer zu stehen kommen. Es droht eine Rekordstrafe, das Urteil dürfte nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Zuletzt rumorte es auch im Umfeld. Die Kritik an den wenig ansehnlichen Darbietungen der vergangenen Monate ist den Verantwortlichen am Geißbockheim nicht verborgen geblieben. „Es gibt natürlich auch eine Erwartungshaltung, der wir versuchen wollen zu entsprechen. Wir wollen uns entwickeln in der Art des Fußballspielens“, erklärt Gerhard Struber, der nach der Gegentorflut zu Saisonbeginn auf einen defensiveren Stil umgeschwenkt war. Das war selten schön anzusehen, doch der Erfolg gibt dem Österreicher recht.

Nach dem unter schwierigen personellen Bedingungen errungenen Sieg im Schlüsselspiel gegen Paderborn gibt es nun die berechtigte Hoffnung, dass es in der entscheidenden Phase des Aufstiegskampfes doch noch etwas werden könnte, mit dem einen oder anderen zusätzlich erzielten Tor. „Wir gehen Schritt für Schritt unseren Weg. Auf der einen Seite sind wir selbstkritisch mit uns. Auf der anderen Seite wussten wir, dass unser Spiel mit der Zeit besser werden wird. Das war ein Ausrufezeichen von unserem Kader und zeigt eine hohe Verlässlichkeit in der Breite“, lobt Struber den Auftritt in Ostwestfalen.

Dennoch ist der FC-Trainer natürlich froh darüber, gegen zuletzt zweimal in Folge siegreiche Berliner mit Dominique Heintz, Julian Pauli und Dejan Ljubicic auf drei Kader-Rückkehrer zurückgreifen zu können. Struber erwartet schließlich eine knifflige Aufgabe: „Hertha wird uns alles abverlangen, der Kader bringt von der individuellen Qualität her sehr viel mit.“ Es wird also auch auf die FC-Fans ankommen. Wieder einmal.

Voraussichtliche Aufstellungen: 1. FC Köln: Schwäbe; Schmied, Martel, Heintz; Thielmann, Ljubicic, Huseinbasic, Pacarada; Waldschmidt; Rondic, Lemperle. – Hertha BSC: Ernst; Gechter, Leistner, Klemens; Kenny, Demme, Zeefuik; Cuisance, Maza; Reese, Scherhant. – SR.: Jablonski (Bremen).