AboAbonnieren

Kölner RosenmontagszugFestkomitee stellt Persiflagen vor - Zugleiter äußert sich erneut zum „Missbrauchs-Wagen“

Lesezeit 4 Minuten
Der Persiflagewagen zum Thema Missbrauch in der Kirche steht beim Richtfest des Kölner Rosenmontagszuges in der Wagenhalle.

Der Persiflagewagen zum Thema Missbrauch in der Kirche steht beim Richtfest des Kölner Rosenmontagszuges in der Wagenhalle.

Beim Richtfest in der Wagenhalle des Festkomitees stand ein Wagen im Mittelpunkt. Im Vorfeld hatte es scharfe Kritik von Vertretern der Kirche gegeben.

Ein Wagen stand beim Richtfest für den Rosenmontagszug im Mittelpunkt. Er hatte die Diskussion rund um den Zoch in den vergangenen Tagen bestimmt: der „Jesus liebt Dich“-Wagen, auf dem der Arm eines Priesters ein Kind im Messdiener-Gewand in den Beichtstuhl bittet. Neben einer Gruppe von CDU-Politikern hatten auch Vertreter der katholischen Kirche die Darstellung scharf kritisiert. Und Stadtdechant Robert Kleine kam in seiner Rolle als Segensbringer für den Zoch nicht darum herum, ein paar Worte an das Kreativteam des Festkomitees um Zugleiter Marc Michelske zu richten. „Der Wagen legt den Finger zurecht in die Wunde“, sagte Kleine. „Ich hätte mir aber eine eindeutigere und nicht mehrdeutige Darstellung gewünscht, die viele Jecke am Rand des Rosenmontagszugs in ihrer Komplexität vielleicht nicht erfassen können.“

Sein Segen bedeute nicht, dass er die Darstellungen der Motivwagen absegne oder gutheiße. Bei der Segnung ginge es vielmehr um die beteiligten Menschen im Zug und drumherum. „Voller Freude“ sprach Kleine daher gemeinsam mit Bernhard Seiger seinen Segen aus, „obwohl es so manche Aufforderung an mich gab, es in diesem Jahr explizit nicht zu tun“.

Konflikt um „Missbrauchs-Wagen“

Als Vertreter der evangelischen Kirche äußerte sich Seiger nicht kritisch zum „Missbrauchs-Wagen“. „Menschen haben in unserer Kirche gelitten. Das ist eine Wahrheit. Und deswegen ist es wichtig, dass das ausgesprochen und ausgehalten wird.“ Der Karneval trage dazu bei, Wahrheiten auszusprechen.

Donald Trump nimmt die Freiheitsstatue und Justicia, die Göttin der Gerechtigkeit, an die Kette.

Donald Trump nimmt die Freiheitsstatue und Justicia, die Göttin der Gerechtigkeit, an die Kette.

Zugleiter Marc Michelske hatte den Wagen bereits in der vergangenen Woche verteidigt. Nicht die Darstellung des Missbrauchs sei geschmacklos und peinlich, sondern vielmehr der Missbrauch selbst und der Umgang damit. Im Rahmen des Richtfests sagte Michelske, er sei froh darüber, dass der Wagen einen Konflikt ausgelöst habe, um Aufmerksamkeit auf die stockende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle weltweit zu lenken. „Uns geht es im Endeffekt darum, dass über Jahrzehnte dieses Vertrauen und die schöne christliche Botschaft missbraucht worden ist für etwas ganz Schreckliches.“ Es sei definitiv nicht gedacht gewesen, konkret Gott oder Jesus zu diffamieren.

Genau das hatten Vertreter des Erzbistums kritisiert. „Es wird suggeriert, dass Jesus selbst im Beichtstuhl sitzt und den Messdiener durch Handzeichen dort hineinziehen will“, schrieb der Amtsleiter des Erzbischöflichen Generalvikariats, Frank Hüppelshäuser. Auch der frühere Dompropst Gerd Bachner äußerte sich in einem Schreiben an die Rundschau: „Dass die Aussage ,Jesus liebt Dich‘ mit verbrecherischem Handeln in Zusammenhang gebracht wird, ist nicht akzeptabel.“

Die Verkehrswende in Köln ist „fürn Arsch“, findet das Kreativteam des Festkomitees.

Die Verkehrswende in Köln ist „fürn Arsch“, findet das Kreativteam des Festkomitees.

Unabhängig von dem dominierenden Thema freute sich Zugleiter Marc Michelske über sein erstes Richtfest in neuen Position. „Den Menschen endlich das zu enthüllen, was wir über Monate lang geplant und gebaut haben, ist ein ganz besonderes Gefühl.“ Das Kreativteam stand in diesem Jahr vor besonderen Herausforderungen. Die finanzielle Lage des Zochs ist angespannt, dementsprechend reduzierte das Festkomitee die Zahl der Persiflagewagen von 25 auf 19. Und das in einer Zeit, in denen hierzulande aber auch weltweit so viele Wunden klaffen, in denen die Jecken gerne ihren Finger legen würden.

Rosenmontagszug in Köln: Liebe als roter Faden

Entstanden ist trotz aller Sparmaßnahmen eine kritisch-bunte Mischung. Die Themenvielfalt beginnt mit dem Köln-Teil und der „Abschiedstour“ von Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die ihrem Nachfolger oder ihrer Nachfolgerin einen Hermelin-Mantel voller unvollendeter Projekte überlässt: Oper, Geißbockheim, Historische Mitte oder Großmarkt. Ihr Fett weg kriegen auch die Platzvergabe für Kitas und Schulen („Bildungslotto“), die Verkehrswende („fürn Arsch“) oder die mit Bergen von Müll gesäumte Innenstadt („Willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands“). Überschrieben ist der Kölner Teil mit dem Titel „Liebe deine Stadt“.

Selensky brät Putin eins über - mit einem großen Herz.

Selenskyi brät Putin eins über - mit einem großen Herz.

Die Liebe ist in Anlehnung an das Sessionsmotto „FasteLOVEnd – wenn Dräum widder blöhe“ der rote Faden, der sich in den Titeln aller Wagen durch den Zug zieht. Ihre „Liebesmüh“ hat die von Schrammen übersäte Friedenstaube nach ihren vergeblichen Bemühungen, Liebe auf der Welt zu verbreiten. „Liebesgrüße aus Moskau“ sendet Putin an Alice Weidel und Sahra Wagenknecht und Karl Lauterbach versucht das von Personalmangel und Lieferengpässen gezeichnete Gesundheitssystem mit einem kostengünstigen Rezept zu retten: „Liebe ist die beste Medizin“.

Im internationalen Teil nimmt US-Präsident Donald Trump die Freiheitsstatue und die Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit an die Kette („Amour Fou“) und Ukraines Präsident Selenskyi zieht seinem russischen Widersacher Putin eins über – mit einem großen roten Herz („Make Love not War“).

Zugleiter Marc Michelske.

Zugleiter Marc Michelske.

Marc Michelske fährt mit seinem Zugleiterwagen, einer jecken Lokomotive, vorne weg. Der Motor („Der Antrieb des Kölner Karnevals“) sind die dem Festkomitee angeschlossenen Gesellschaften.