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Viele SperrungenWarum im Mai bei der Bahn im Rheinland kaum noch was geht

Lesezeit 6 Minuten
Die Signale stehen auf „Rot“: Im Mai werden rund um Köln linksrheinisch viele Zugstrecken gesperrt.

Die Signale stehen auf „Rot“: Im Mai werden rund um Köln linksrheinisch viele Zugstrecken gesperrt.

Umfangreiche Sperrungen kündigt die Bahn für Anfang bis Mitte Mai an. Auf der linken Rheinseite werden im ganzen Rheinland kaum noch Züge unterwegs sein. Ein neues elektronisches Stellwerk wird eingerichtet, das künftig für zuverlässigere Verbindungen sorgen soll.

Es ist ein Projekt der Superlative: Ab Anfang Mai geht für mehr als zwei Wochen auf der linken Rheinseite rund um Köln bei der Bahn fast gar nichts mehr. Pendler und Fernreisende werden vergeblich auf Züge warten, müssen lange Umwege in Kauf nehmen oder sind auf Ersatzbusse angewiesen. Die Deutsche Bahn AG will das elektronische Stellwerk für das Linksrheinische in Betrieb nehmen, und dafür sind umfangreiche Vorarbeiten nötig. Von 2. bis 19. Mai wird es deshalb umfangreiche Streckensperrungen geben.

„Wir haben ein in die Jahre gekommenes, störanfälliges Netz“, erklärt Bahn-Pressesprecher Dirk Pohlmann zu dem ehrgeizigen Projekt: „Aber die Kunden wollen Bahn fahren.“ Damit das auch in Zukunft möglich ist, müssten die zum Teil maroden Strecken im Rheinland auf einen modernen Stand gebracht werden. Dafür, so Pohlmann, müssten die Kunden Zumutungen in Kauf nehmen. Das gilt auch für Anwohner der entsprechenden Strecken: Obwohl modernste Arbeitsgeräte eingesetzt würden, werde Baulärm nicht zu meiden sein, heißt es von den Verantwortlichen.

Uns ist bewusst, dass das eine massive Herausforderung und Belastung für unsere Fahrgäste wird.
Marcel Winter, Go Rheinland

Am schwierigsten jedoch wird das Fortkommen der Menschen aus dem oder ins Rheinland sein. „Linksrheinisch wird so gut wie gar nichts fahren“, beschreibt Marcel Winter die Situation für den Sperr-Zeitraum. Er ist Geschäftsführer des Verbund Go Rheinland, in dem die regionalen Verkehrsunternehmen zusammengeschlossen sind, die die S- und Regionalbahnen koordinieren. „Eine solche Sperrung gab es in dieser Intensität im Kölner Raum noch nicht“, betont Winter: „Uns ist bewusst, dass das eine massive Herausforderung und Belastung für unsere Fahrgäste wird.“

Konkret bedeutet das, dass die zentrale Bahnstrecke zwischen Köln und Koblenz vom Freitag, 2. Mai, um 21 Uhr bis zum Montag, 19. Mai, um 5 Uhr morgens komplett gesperrt wird. Im Fernverkehr werden keine ICE zwischen Aachen und Köln fahren. Züge aus und nach Brüssel werden über Krefeld umgeleitet und brauchen dafür bis zu 75 Minuten länger.

Überblick über die Sperrungen

Überblick über die Sperrungen

ICE aus oder nach Amsterdam werden in dem Zeitraum nicht am Kölner Hauptbahnhof halten, sondern zum Bahnhof im rechtsrheinischen Deutz umgeleitet. Ausnahmsweise wird die Umleitung am 10. und 11. Mai allerdings weitgehender über Venlo abgewickelt – das bedeutet, dass die Züge an dem genannten Wochenende nicht in Mönchengladbach halten, dafür aber ausnahmsweise trotz Sperrung den Kölner Hauptbahnhof anfahren werden.

Die Züge, die von Köln aus nach Berlin fahren oder von dort kommen, werden bis auf die Sprinter-Verbindungen trotz Sperrmaßnahmen wie gewohnt ab Hauptbahnhof fahren. Ähnliches gilt für Fernzüge, die über Frankfurt in die Domstadt steuern. Falls sie von dort aus weiterfahren, werden sie jedoch über Deutz umgeleitet. Alle ICE und IC von und nach Bonn, Koblenz oder Mainz werden über die rechte Rheinseite umgeleitet. Deshalb werden neben den Hauptbahnhöfen in Köln und Bonn auch die Stationen Remagen und Andernach nicht angesteuert.

Größte Herausforderung im rheinischen Nahverkehr

Wer Anfang bis Mitte Mai nach Norddeutschland will, wird von den Baumaßnahmen kaum betroffen sein. Fernzüge von und nach Bremen, Hamburg und Norddeich werden nach Angaben der Deutschen Bahn wie gewohnt fahren. Nur am 8. Mai fallen die IC aus oder nach Norddeich auf dem Abschnitt zwischen Köln und Düsseldorf aus.

Die größte Herausforderung wird es unterdessen im Nahverkehr geben. Zwölf Regionalbahn-Linien sowie die S-Bahnen 12, 19 und 23 (Bonn – Euskirchenl) werden von den Sperrungen betroffen sein. Details nennt die Bahn noch nicht, sie sollen später im Internet unter zuginfo.nrw mitgeteilt werden. Fest steht aber, dass mit großem Aufwand ein Schienenersatzverkehr organisiert wird. Mehr als 100 Gelenkbusse wurden für den Zeitraum von der Bahn geordert, sie sollen während der Maßnahme gut 700.000 Kilometer zurücklegen. Grundsätzlich ist es in den Ersatzbussen nicht verboten, Fahrräder mitzunehmen. „Wir haben uns dagegen entschieden, das ausdrücklich zu untersagen“, erklärt Marcel Winter: „Man sollte Fahrräder aber bitte nur im absoluten Notfall transportieren.“ Im Sinne der Gemeinschaft gelte es Rücksicht zu nehmen, weil Fahrräder eben mehr Platz benötigen als Menschen. Während der Sperrungen wünsche er sich, dass Nutzer zum Beispiel auf Leihräder in den Städten zurückgreifen.

Insbesondere im Nahverkehr soll bei der „größten Sperrung, die es hier jemals gab“, so Go Rheinland-Geschäftsführer Winter, umfassend informiert werden. „Wir haben das aus unserer Sicht gut vorbereitet“, erläutert der Verantwortliche: „Aber wir können nicht alles einplanen. Wir sind für unsere Kunden jederzeit ansprechbar, wollen lernen und gegebenenfalls situativ nachsteuern.“

Inbetriebnahme ist ein komplexer Prozess

Das elektronische Stellwerk, das bald zentral von der Kölner Innenstadt aus gesteuert wird, gilt als zentraler Baustein für die Zukunftsfähigkeit des rheinischen Bahnknotens. Es kann nicht einfach über Nacht angeschlossen werden, die Inbetriebnahme ist ein komplexer Prozess. So gibt es rund um Köln insgesamt neun verschiedene technische Systeme, über die bisher der Bahnverkehr gesteuert wird.

Um das künftig elektronisch zu machen, müssen die Übergänge eingerichtet und getestet werden. Bereits vor Beginn der entsprechenden Baumaßnahmen wird das Bahn-Personal dafür geschult. Im Brügelmannhaus nahe der Kölner Messe wird die Steuerung über das elektronische Stellwerk bereits mit Simulationen geübt. „Das ist wirklich eine komplette Umstellung für die Kollegen“, beschreibt Bahn-Sprecher Pohlmann. Seit fünf Jahren wird die Installation des elektronischen Stellwerks nun schon vorbereitet, ohne dass die Bahnkunden direkt etwas davon bemerken. So wurden rund 400 Kilometer Kabel verlegt, 200 neue Signale wurden installiert.

Ursprünglich sollten die jetzt anstehenden Arbeiten nicht im Rahmen einer vollständigen Sperrung etlicher Strecken erledigt werden, sondern als einzelne Maßnahmen innerhalb des ersten Halbjahres. Letztlich habe man sich aber entschieden, die Einschränkungen für die Kunden auf einen vergleichsweise kurzen Zeitraum zu konzentrieren, heißt es von der Bahn.

Während der Sperrungen im Mai werden nun Schritte unternommen, die im laufenden Betrieb nicht möglich sind: Derzeit noch betriebene Signale vollständig abräumen, mehr als 100 neue aufbauen, die moderne Technik mit den übrigen, alten Stellwerken in der Region verbinden.

Sanierungen werden neu organisiert

Neben diesen Arbeiten wird die umfangreiche Ruhephase für den Bahnverkehr rund um Köln auch dazu genutzt, andere notwendige Baustellen auszuführen. So werden auf der Strecke nach Remagen Vorbereitungen für ein elektronisches Stellwerk in Bad Godesberg getroffen, und zwischen Brühl und Sechtem wird die Oberleitung erneuert.

Obwohl die Einrichtung des elektronischen Stellwerks für das Linksrheinische schon länger geplant ist, ist die umfangreiche Sperrung Teil eines Konzepts, mit dem die Deutsche Bahn derzeit bundesweit ihre Sanierungen neu organisieren will. Statt mehrerer kleiner Streckenschließungen soll es Zeiträume geben, in denen Bauarbeiten gesammelt ausgeführt werden. „Wenn das hier rund um Köln gut läuft, und davon gehe ich aus, wird das sicher auch eine Art Modell für andere Regionen sein“, meint Jens Schäfer, bei der Bahn in Köln zuständig für Infrastrukturvorhaben.

Doch auch im Rheinland wird das Großprojekt nicht das Ende dessen sein, was die Verantwortlichen selbst als Zumutung für die Kunden bezeichnen. Um die Bahnen in ferner Zukunft weniger störungsanfällig fahren zu lassen, ist noch einiges zu tun. So muss auch am Kölner Hauptbahnhof demnächst ein elektronisches Stellwerk eingerichtet werden. Dafür ist eine weitere Sperrphase vom 14. bis 24. November 2025 eingeplant.

Und im kommenden Jahr steht eine Generalsanierung auf der mehr als 65 Kilometer langen Strecke von Hagen über Wuppertal nach Köln an. Sie soll im ersten Halbjahr 2026 für ganze fünf Monate gesperrt werden. Im zweiten Halbjahr ist dann eine weitere Generalsanierung mit monatelangen Sperrungen auf der Strecke von Troisdorf über Koblenz nach Wiesbaden geplant.

Deutlich später sollen dann die Digitalisierung der Bahnsteuerung und die Einrichtung sogenannter Hochleistungskorridore in Angriff genommen werden. Dann werde wohl auch in der Region wieder mit langen Sperrungen zu rechnen sein. „Wir üben mit dem jetzigen Projekt schon mal ein wenig dafür“, erklärt Jens Schäfer.