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Uniklinik KölnEuropas erstes Krankenhaus mit neuer Behandlungsmethode für Parkinson

Lesezeit 5 Minuten
20.12.2023; Parkinson-OP in der Uniklinik Köln

Das Team um Prof. Veerle Visser-Vandewalle (r.), führt den Eingriff an der Patientin durch – erstmalig in Europa. 

Bei einer Parkinson-Erkrankung sind Nervenzellen im Gehirn geschädigt. Die Uniklinik Köln setzt als erstes Klinikum in Europa einen neuen Stimulator bei der operativen Behandlung der Krankheit ein. 

Das unkontrollierbare Zittern ihres Körpers und massive Krämpfe bestimmen ihren ganzen Alltag. Alle zwei Stunden muss sie Medikamente nehmen: Seit mittlerweile sieben Jahren leidet Elisabeth Müller (Name geändert) unter den Folgen ihrer Parkinson-Erkrankung. Trotz andauernder Medikation und ärztlicher Betreuung bessern sich ihre Symptome nicht. Deshalb unterzieht sich die Mitte-50-Jährige jetzt einer neuartigen Gehirnoperation, um ihr weiteres Leben so wenig wie möglich von der Krankheit einschränken zu lassen. 

Bei der OP handelt es sich um eine sogenannte „tiefe Hirnstimulation“ (THS), die die Symptome dauerhaft unterdrückt und ihr damit eine höhere Lebensqualität schenkt. Das Verfahren selbst ist schon seit mehreren Jahrzehnten in Gebrauch. Doch das Besondere am Fall Müller: Sie ist die erste Patientin in ganz Europa, bei der ein neu entwickeltes System der tiefen Hirnstimulation eingesetzt wird. Die mehrstündige OP übernahmen in dieser Woche die Ärztinnen und Ärzte an der Uniklinik Köln. Nach Japan ist das Klinikum damit das erste weltweit, das die Operation mit der neuen Technologie bei einer Patientin anwendet. 

Was ist das Krankheitsbild von Morbus Parkinson?

Die Erkrankung beginnt schleichend und individuell. „Bis zu 20 Jahre vorher können Frühzeichen auftreten, ohne dass man diese Parkinson zuordnen kann“, sagt der Oberarzt der Uniklinik für Neurologie, Univ.-Prof. Dr. Michael T. Barbe. Er hat Elisabeth Müller als geeignete Patientin für die Operation  ausgewählt. Zu den Frühsymptomen zählen bestimmte Schlaf-, Riech- oder Verdauungsstörungen. 

20.12.2023; Parkinson-OP in der Uniklinik Köln

Dr. Pablo Andrade führt die letzten Vorbereitungen am „stereotaktischen Rahmen“ für den Eingriff durch.

Zu den typischen Anzeichen der Erkrankung gehört auch das bekannte Zittern - im Fachjargon „Tremor“ - und andere Bewegungsstörungen. Weil es sich bei Parkinson um eine neurodegenerative Krankheit handelt, sterben die Nervenzellen im Gehirn im Laufe der Zeit ab. Daher nehmen die Beschwerden im Krankheitsverlauf zu, neben den motorischen auch nicht motorische Symptome, wie Depressionen, Gedächtnisstörung oder Schmerzen. Laut der „Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen“ sind in Deutschland ungefähr 400 000 Menschen von der Krankheit betroffen. „Europaweit haben aktuell ungefähr 1 Prozent aller Über-65-Jährigen Parkinson“, erzählt die Direktorin der Stereotaxie Univ.-Prof. Dr. Veerle Visser-Vandewalle, die den chirurgischen Eingriff bei Elisabeth Müller vorgenommen hat. 

„Die Ursache für die Erkrankung bleibt bis heute ungeklärt“, sagt Prof. Barbe. „Fakt ist aber, dass in einer bestimmten Hirnregion - in der sogenannten ‚schwarzen Substanz‘ - die Nervenzellen, die für die Produktion des Botenstoffs Dopamin zuständig sind, bei den Parkinsonpatienten absterben“, erklärt er weiter. 

Was sind die bisherigen Behandlungsmethoden?

Wenn zu wenig Dopamin vorhanden ist, dann gibt man mehr dazu. Das ist nur logisch. So funktioniert auch die medikamentöse Methode.  Die Ärztinnen und Ärzte verschreiben den Betroffenen „Levodopa“, ein Vorläufer von Dopamin, der sich im Gehirn zu Dopamin umwandelt. „Zu Anfang zeigt das Medikament meistens eine gute Wirkung“, sagt Prof. Visser-Vandewalle. Aber nach drei bis vier Jahren tauche dann häufig eine „Wirkfluktuation“ auf. Das bedeutet, dass Krankheit und Medikamente bei der Betroffenen, wie Elisabeth Müller, abwechselnd Bewegungsarmut und Überbeweglichkeit wie Zappeln verursachen.

Deswegen sei eine operative tiefe Hirnstimulation meist sinnvoll, weil die Symptome dadurch geschwächt würden, sagt Prof. Visser-Vandewalle. Ausschließlich Erkrankte des geläufigen idiopathischen Parkinson-Syndroms können auf diesem Wege behandelt werden. Bei der Operation werden zwei Sonden in die Hirnregion „Nucleus subthalamicus“ gelegt, an deren Spitzen sich Elektroden befinden. Diese erzeugen feine Stromkreise, die die Aktivität in dieser Hirnregion hemmen, sodass die Patienten sich wieder besser bewegen können.

Der Strom entsteht in einem Generator, den die Chirurginnen und Chirurgen auf Brusthöhe unter der Haut einsetzen. Kabel, die ebenfalls unter der Haut verlaufen, verbinden Sonden und Generator. „Seit 1988 führen wir am Klinikum diese Implantationen bis zu 80 Mal jährlich durch“, sagt Prof. Visser-Vandewalle.

Wie funktioniert der neue Stimulator der THS?

Das System der Stromerzeuger ist bisher noch nicht vollends ausgereift. „Manche Generatoren werden immer noch mit Batterie betrieben, sodass diese nach vier bis fünf Jahren wieder ausgetauscht werden müssen“, sagt Prof. Barbe. Deswegen werde an wiederaufladbaren Geräten permanent geforscht. Der Generator, der jetzt Elisabeth Müller zugute kommt, habe vielversprechende Neuerungen und sei sehr zukunftsträchtig. Der Generator lädt sich auf mithilfe einer Induktionsplatte, die Müller einmal die Woche für zwei Stunden auf die Stelle über den Generator legen muss. Außerdem ist der Generator MRT-fähig. Wegen der geringen magnetischen Flussdichte kommt sich der Generator mit dem Kernspintomografen im Gegensatz zu anderen elektrischen Schrittmachern nicht in die Quere. 

20.12.2023; Parkinson-OP in der Uniklinik Köln

Parkinson-OP in der Uniklinik Köln

Neben dem aktualisierten Generator gibt es weitere Neuerungen bei Müllers tiefen Hirnstimulation. Mithilfe des sogenannten „Brain-Sensing“ wird ihre Hirnaktivität gemessen und aufgezeichnet. So können die Neurologinnen und Neurologen nun bei der Auswertung Stromrichtung und -intensität individuell einstellen. Das System gilt als Vorstufe für die finale „closed loop“-Technologie. Sobald diese in Deutschland zugelassen ist, nimmt die Software die bedarfsgerechten Einstellungen eigenständig vor. 

Wie wird Elisabeth Müllers Leben nach der OP aussehen?

„Die Operation ist für einen routinierten Chirurgen kein großer Aufwand. Auch die Risiken einer Hirnblutung oder einer nachträglichen Infektion sind nicht groß“, sagt Prof. Visser-Vandewalle. Bereits drei Tage nach der OP könne sie die Stimulation der Sonden bei Müller einstellen. Nach weiteren sieben Tagen werde die Patientin das Krankenhaus verlassen. Müller möchte anschließend sofort nach Hause, für viele andere sei ein Aufenthalt in einer Reha-Klinik üblich. „Nach ihrer Entlassung wird sie im ersten Jahr nach drei, sechs und zwölf Monaten wieder zu uns kommen“, sagt Prof. Barbe. Danach sei eine halbjährliche Untersuchung angedacht.

„Durch die OP können wir 50 Prozent ihrer Medikamente reduzieren“, erzählt er. „Durch die tiefe Hirnstimulation werden auch andere Symptome gelindert wie Schlafstörungen, Apathie oder Depressionen“, ergänzt Prof. Visser-Vandewalle. Das gibt Elisabeth Müller ein großes Stück Lebensqualität zurück. 

Das neue System der tiefen Hirnstimulation wird künftig in anderen Kliniken europaweit eingesetzt. Prof. Visser-Vandewalle plädiert auf die OP: „Viele Betroffene lassen die Operation nicht durchführen, weil sie entweder die Risiken überschätzen oder nichts von der Möglichkeit wissen.“