Meine RegionMeine Artikel
AboAbonnieren

Taschendiebstähle steigen starkMit diesem Trick werden Kölner Rolltreppen zum Tatort

Lesezeit 4 Minuten
Taschendiebe Symbolbild

Vorsicht auf der Rolltreppe: Taschendiebe sind derzeit vor allem in den Zwischenebenen von Haltestellen aktiv. (Symbolbild)

Köln – Geschlossene Geschäfte, abgesagte Großveranstaltungen und Menschen mit Bedürfnis nach möglichst großem Abstand haben Taschendieben seit Beginn der Corona-Pandemie das Leben erschwert. Nun ist die Zurückhaltung der Täter offenbar beendet, die Polizei verzeichnet im Vergleich zum Vorjahr eine Verdopplung der Fallzahlen. Die Entwicklung im Überblick:

Blockierte Rolltreppen an Haltestellen

Innerhalb eines Monats registrieren die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) zum Teil mehr als 600 blockierte Rolltreppen an ihren Haltestellen (wir berichteten). Ein Großteil der Fälle geht auf das Konto von Taschendieben, es auf Fahrgäste auf den Rolltreppen abgesehen haben. „Häufig suchen sich die Täter Menschen mit Kinderwagen, Rollator oder mit Gepäckstücken als Opfer“, beobachtet Günther Korn, Leiter des Kriminalkommissariats zur Bekämpfung von Diebstählen. Zum Teil legen die Täter die Rolltreppen auch direkt lahm und bieten sich dann an, um älteren oder stark bepackten Menschen die Tasche zu tragen.

Entwicklung beim Taschendiebstahl

14.059 Taschendiebstähle hatte die Polizei im Jahr 2014 registriert – absoluter Rekord in Köln. Voriges Jahr waren nur noch 4501 Taten angezeigt worden, der Rückgang stand vor allem im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Seit Herbst 2021 verzeichnet die Polizei wieder eine Zunahme der Fallzahlen.

Die Bundespolizei hat unterdessen die Zusammenarbeit mit der Landespolizei bei der Jagd nach Taschendieben beendet. Die „Gemeinsame Projektgruppe Taschendiebstahl“ ist jetzt aufgelöst worden. In den vergangenen Jahren hatte die Bundespolizei bereits Personal abgezogen, um die eigenen Ermittlungsgruppen zu stärken.

Zwei Tatverdächtige aus Marokko und Algerien haben Fahnder der Bundespolizei am frühen Sonntagmorgen am Südbahnhof festgenommen. Vor den Augen der Beamten hatten die Verdächtigen auf einer Treppe eine junge Frau (21) bestohlen und ihr Smartphone entwendet.Bei einem der Täter (19) entdeckten die Fahnder eine geringe Menge Haschisch, zudem soll er keine Aufenthaltserlaubnis gehabt haben. (tho)

Drei Tatvarianten spielen bei den Diebstählen eine Rolle. Meist sind die Täter als Trio unterwegs, einer von ihnen springt rasant auf der Rolltreppe hoch und löst so den Stopp-Mechanismus aus. Die Komplizen greifen im Moment des Stolperns in die Tasche ihrer Opfer. Teilweise wird nach Angaben der KVB auch die Lichtschranke durch Papierkügelchen oder Aufkleber blockiert. Oder aber die Täter drücken den Not-Halt, um die Opfer aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der Trick ist nicht neu, aber wirkungsvoll. Und ein Ärgernis für die Verkehrs-Betriebe. „Normalerweise kümmert sich ein Monteur um diese Fälle, an manchen Tagen sind es derzeit vier oder fünf. Dies ist ärgerlich, weil tatsächliche Störungen nicht sofort behoben werden können“, sagt KVB-Sprecher Stephan Anemüller.

Spuren der Tätergruppen führen nach Kalk

Mehrere Tätergruppen haben sich nach Kenntnissen der Polizei auf den Rolltreppentrick spezialisiert. Viele Verdächtige sollen aus Algerien stammen, die Spuren führen in den Stadtteil Kalk. Jüngst war bei einer Razzia in der Homarstraße Diebesgut im Wert von 200 000 Euro entdeckt worden. Teile der Beute befanden sich bereits in Paketen und sollten offenbar in die Heimatländer der Verdächtigen geschickt werden.

Super-Recognizer werten Videoaufnahmen aus

Eine entscheidende Rolle spielt bei der Polizeiarbeit das gute Auge von zwei Super-Recognizern, die darauf spezialisiert sind, Täter auf Fotos und Aufnahmen von Überwachungskameras zu identifizieren. „Oft schauen sich die Experten stundenlang Videos aus den Überwachungskameras an, um Täter zu erkennen. Die Videobeobachtung spielt für uns eine wichtige Rolle“, sagt Korn.

Mobiltelefone werden von Tätern geknackt

Bei jedem zweiten Taschendiebstahl vermissen die Opfer hinterher ihr Mobiltelefon. Abgesehen haben es die Trickdiebe vor allem auf teure Modelle wie etwa das i-Phone 13 Pro Max im Wert von mehr als 1200 Euro. Nach Kenntnissen der Ermittler werden die Telefone teils nach Rumänien oder Algerien geschickt, wo Komplizen die Geräte knacken und dann weiterverkaufen. „Für ein Handy kassieren die Täter 70 bis 90 Euro. Gesperrte Geräte werden etwa für das Doppelte weiterverkauft“, verrät ein Ermittler.

Auch andere Tätergruppen wieder aktiv

Eine Tätergruppe hat sich darauf spezialisiert, Reisende beim Einsteigen in den Zug zu bestehlen. Darüber hinaus haben die Ermittler eine südamerikanische Bande identifiziert, die es in Hotels vor allem auf asiatische Touristen abgesehen hat. „Wir haben teilweise Absatzwege nachverfolgt und sind durch eine gute internationale Zusammenarbeit in der Lage, Tatserien zu erkennen“, sagt Günther Korn.