- Vor 16 Jahren hat Michael Hallek (61) das Château le Pin Beausoleil, ein altes Weingut in Südfrankreich, erworben.
- Er betreibt es zusammen mit seiner Frau. Seine vierköpfige Familie verbringt dort jeden Sommer.
- Warum, erzählt er im Gespräch mit Diana Haß.
Köln – Wie kam es zu dem Schritt?Ich habe ein Jahr in Paris studiert und seitdem eine sehr hohe Affinität zu Frankreich. Einige meiner engsten Freunde leben in der Nähe von Bordeaux. Wir hatten viele Urlaube dort verbracht und daher eine Zeitlang überlegt, dort ein Ferienhaus zu kaufen. Aber irgendwie entsprach uns das nicht. Ich habe lieber etwas zu tun in meiner Freizeit. Die Entscheidung reifte über ein paar Jahre. Es war einfach eine verrückte Idee. Auch weil der Wein zur französischen Lebenskultur gehört. Ich war neugierig und wollte lernen, wie man Wein herstellt. Über einen sehr guten Freund bekamen wir dann Angebote zugeschickt von Gütern, die zum Verkauf standen. Als die Entscheidung fiel, haben wir unser Erspartes investiert. Das war ein Wagnis und Abenteuer.
Klingt nicht sehr rational …
Meine Frau war skeptisch und warnte: Komm, das ist unvernünftig und verrückt. Wir haben ohnehin kaum Zeit. Ich bin zuerst alleine hingefahren, um das Haus zu besichtigen.
Zur Person
Geboren wurde Michael Hallek am 19. Juli 1959. Der Professor ist Internist mit Schwerpunkt internistische Onkologie und molekulare Hämatologie (Bluterkrankungen). Er hat unter anderem die Gentherapie von Leukämien vorangebracht.
Als Direktor leitet er die Klinik für Innere Medizin der Uniklinik Köln sowie das Centrum für Integrierte Onkologie (CIO).
Auszeichnungen wie der Deutsche Krebspreis, die Johann Georg Zimmermann-Medaille und der Arthur Burkhardt-Preis unterstreichen die Bedeutung des engagierten und hochgradig anerkannten Mediziners. Er hat wichtige Funktionen in vielen wissenschaftlichen Gremien.
Seit 2011 ist Hallek Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. (dha)
Als ich es dann gesehen habe, wusste ich: Das ist es! Weil es ein sehr hübsches, historisch interessantes Anwesen ist. Es war eine sehr emotionale Entscheidung. Der Verstand war ziemlich ausgeschaltet. Die dortige Landschaft hat eine bezaubernde Anmut, die mich sehr berührt hat. Ein Stückchen Paradies.
Hat Ihr Beruf, der Sie mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert, bewirkt, dass Sie mehr Mut für Entscheidungen haben?
Mein Beruf und eine eigene Krankheitserfahrung. Die Entscheidung hat auch mit der Überzeugung zu tun, dass man die Träume des Lebens dann verwirklichen muss, wenn man es kann. Dann soll man es wagen und nicht aufschieben. Eine Erfahrung, die mich meine Patienten fast täglich lehren.
Was bedeutet Ihnen das Gut?
Wenn ich nicht die „Verpflichtung“ des Weinguts hätte, würde ich hier in Köln wohl meine Urlaube gar nicht oder wenigstens nicht vollständig nehmen. Durch das Weingut besteht ein ganz konkreter Anlass, uns gemeinsam um etwas anderes zu kümmern und so auf andere Weise zu entfalten. Das ist für uns als Familie im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. Sozusagen meine Anti-Burnout-Prophylaxe. Das war nicht so geplant, ist aber so entstanden. Wir führen dort ein anderes, entschleunigtes und einfaches Leben.
Wie sieht dieses Leben aus?
Zum Beispiel, dort auf den Markt in Libourne zu gehen, einkaufen, selber zu kochen. Zu essen mit der Familie und Freunden. Das ist etwas, was mir viel bedeutet. Dazu komme ich hier in Köln viel zu wenig. Ich komme meist erst um neun oder zehn nach Hause und dann ist der Tag vorbei. Ich koche meistens in Frankreich für die Familie. Und zwar den ganzen Urlaub über. Weil ich das gerne mache.
Haben Sie dort genießen gelernt?
Ja klar. Das kann man übrigens gar nicht so einfach, man muss es lernen. Wenn wir aber dort drei Wochen im Sommer verbringen, haben wir am Ende des Urlaubs ein vollkommen anderes Geschmacksempfinden. Weil man die Sinne trainiert.
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Der Markt in Libourne hat viele Produkte von hoher Qualität, die alle aus einem Umkreis von 50 Kilometern stammen. Die Tomaten sind nicht vergleichbar mit unseren Tomaten. Der Käsehändler bietet mir frische geerntete Trüffel aus der Dordogne an, wenn er welche reinbekommt. Er versteckt sie immer unter dem Tresen, für seine Stammkunden. Die drei Fischhändler des Marktes haben tollen, frischen Fisch. Sie wissen genau, wann und wo der Fisch gefangen wurde. Lebensmittel erhalten eine große Aufmerksamkeit, sind gleichzeitig relativ preiswert. Es fällt mir auf dem Markt schwer, mehr als 50 oder 100 Euro auszugeben. Damit haben wir dann oft für die ganze Woche zu essen.
Kein enormer Luxus ...
Wir leben tatsächlich in einer gewissen Einfachheit. Wobei es uns an nichts fehlt. Ich mache auch Marmelade ein, um ein Stück dieses Lebens nach Köln mitzunehmen. Es ist sicher auch die Suche nach Einfachheit und Klarheit. Man lernt eine völlig andere Welt kennen und würdigt die einfachen Dinge – eine Blume, eine Traube, unsere unglaublich saftigen, sonnengereiften Pflaumen. Ich kann mir wenig Schöneres vorstellen. Auch unsere beiden Kinder haben diese Lebensart schätzen gelernt. Meine Tochter behauptet, sie würde niemals einen Mann heiraten, der nicht gutes Essen schätzt.
Was ist gutes Essen für Sie?
Vor allem, dass man sich gemeinsam hinsetzt und in Ruhe eine liebevoll zubereitete Mahlzeit genießt. Das Entscheidende ist, diesen Moment wertzuschätzen als ein gemeinsames Erlebnis.
Was bedeutet Ihnen Genuss?
Genuss heißt, bewusst zu erleben, wie köstlich etwas sein kann. Auch der kleine Metzger im benachbarten Dorf hat eine engere Beziehung zu den Produkten. Er kann mir immer sagen, auf welcher Weide das Rind oder das Schaf gestanden hat. Das spricht mich sehr an. Auch der Versuch, nichts zu verschwenden.
Wie meinen Sie das?
Wenn Sie einmal bei der Weinlese mitgearbeitet haben und Ihnen am Abend der Rücken und alle Muskeln weh tun, dann fällt es schwer, Wein einfach wegzuschütten, wenn man vielleicht nur die halbe Flasche trinken kann. Manchmal, wenn wir abfahren und es ist noch eine halbe Flasche offen, dann mache ich die zu und nehme die mit ins Auto. Das hätte ich früher nie gemacht. Inzwischen weiß ich, unter welchem Aufwand guter Wein und gute Nahrung hergestellt werden. Das ist harte Arbeit. Diese Erfahrung hat mich geprägt und ich schätze diese Art zu leben sehr.
Erhöht sich Genuss, wenn man ihn teilt?
Auf jeden Fall. Es gibt für mich kaum ein schöneres Erlebnis als ein gemeinsames Essen mit der Familie und mit Freunden. Ich will es so formulieren: Für die normale französische Familie ist das kultivierte Essen und Ernährung ein Teil der Kultur. Bei uns scheint es oft ein Teil des Arbeitsprozesses, man muss es irgendwie erledigen. Es gibt in Frankreich selten ein Treffen mit unseren Freunden, bei dem nicht gegessen wird. Das gehört immer dazu.
Ich dachte Genuss wäre noch viel mehr: die Sprache, das Licht, die Gerüche …
Es ist das alles. Aber es ist für mich auch, dass ich mal völlig andere Tätigkeiten ausübe. Dass ich mich um den Garten kümmere oder das Schneiden der Reben. Oder mit dem Traktor durch die Weinberge fahre. Zu sehen, dass ich mich ein bisschen nützlich machen kann. Mal eine Mauer auszubessern. Es sind eigentlich die konkreten, praktischen Dinge, die den größten Unterschied machen zu dem Leben in Köln. Hier hab ich ja nicht mal die Zeit, einen Nagel einzuschlagen. Und dort mache ich viele handwerkliche Tätigkeiten selbst. Im einem alten Haus ist immer etwas auszubessern.
Liegt das Landleben in Ihrer Familientradition?
Ich komme aus einer Familie schlesischer Handwerker und Bauern. Es ist schon denkbar, dass in mir alte, tradierte Erinnerungen schlummern, die ich so wieder ein wenig verwirklichen kann. Meine Großeltern haben mir immer von solchen Dingen erzählt.
Was fasziniert Sie an Wein?
Ich habe im Rahmen der vielen Frankreichaufenthalte Wein sehr schätzen gelernt. Und: Es gibt nicht mehr viele Produkte in der gesamten Lebensmittelindustrie, die komplett in einer Hand hergestellt werden. Beim Wein ist vom Bearbeiten des Bodens, dem Pflanzen der Rebstöcke bis zum Abfüllen und Vermarkten alles in einer Hand. Das ist ein faszinierendes Produkt. Alles passiert tatsächlich auf unserem Anwesen, in den Fässern, die wir ausgesucht haben, in einem Keller, der einen ganz typischen Geruch hat, mit Etiketten, die wir entworfen haben, mit den Reben, die wir haben pflanzen lassen.
Sie haben auf biologischen Anbau umgestellt. Seitdem dürften Sie Naturgewalten noch mehr ausgeliefert sein.
Davon könnte ich viele Geschichten erzählen. Das ist eine Herausforderung. Wir als Winzer spüren deutlich die Folgen des Klimawandels, vermehrte Extremwetterlagen, höhere Temperaturen. Gerade beim Wein ist es so, dass man versucht, im Einklang mit der Natur das Beste herauszuholen.
Sind Sie ein Anderer, wenn Sie auf dem Gut sind?
Ja. Meine Frau behauptet, dass ich innerhalb von fünf Minuten zu einem anderen Menschen werde. Wir haben dort bewusst keinen Fernseher angeschafft. Wir sitzen am Tisch, fangen an zu diskutieren. Oder es nimmt einer einen Block und wir malen zusammen. Das ist ein Ort, an dem wir Zeit gemeinsam verbringen. Auch die Familie funktioniert dort anders. Das ist immer noch zu beobachten nach 16 Jahren. Ich verändere mich wohl am stärksten, aber die gesamte Familie ebenfalls. Meine Kinder sagen immer: Jetzt hat er wieder den Ferienblick.
Sie leben also dort andere Facetten Ihrer Persönlichkeit?
Ja, das denke ich schon. Wein anzubauen, in Abhängigkeit von den Launen der Natur, das macht demütig. Das Ziel, einen perfekten Wein herzustellen, ist ein gestalterisches Abenteuer. Insgesamt hatten wir somit das Glück, zusätzlich zu dem Leben als Arzt in Köln gemeinsam, als Familie, ein Stück anderes Leben zu verwirklichen. Das bereichert beide Seiten. Ich kenne Kollegen, gerade in der Onkologie, die ein wenig ausbrennen im Laufe des langen Berufslebens. Die intensive Beschäftigung mit einem ganz anderen Umfeld gibt dem Leben eine Balance und lädt die Batterien wieder auf.