Gefährliche RaupenWie Köln dem Eichenprozessionsspinner zu Leibe rückt
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Copyright: Benjamin Horn
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Mit Spezialsaugern rücken Baumpfleger derzeit dem Eichenprozessionsspinner zu Leibe
Der Kontakt mit den Tierchen ist sehr gefährlich, daher ist äußerste Vorsicht geboten.
Wir haben die Baumpfleger begleitet und geben Tipps für Spaziergänger.
Köln – Ein handballgroßer Knubbel aus weißen Webfäden klebt am Stamm der Eiche. Mike Kühne (26) rupft ihn ab. Drei-, vier Hände voll Material holt der Baumpfleger vom Stamm und lässt sie von seinem Spezialsauger einsaugen. Das Material hat es in sich: In den Nestern der Eichenprozessionsspinner, einer Nachtfalterart, sind Abermillionen kleinster Härchen. Sie stammen von den Raupen, die sich inzwischen verpuppt haben. Die Crux: Die Raupenhärchen enthalten Giftstoffe. Sie können bei Menschen unter anderem Hautirritationen und Ausschlag hervorrufen.
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Die Arbeiten, die Mike Kühne und seine Kollegen am Fühlinger See und anderswo im Stadtgebiet durchführen, sind also für alle Kölner wichtig. Seit Wochen sind stadtweit bis zu 28 Baumpfleger in Viererteams damit beschäftigt, die Raupen und Nester des Eichenprozessionsspinners zu entfernen. Sie kommen von Spezialfirmen wie dem Pulheimer Unternehmen E. Düsseldorf.
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Bekleidet mit Schutzanzug, Atemmaske und langen Gummihandschuhen fahren sie mit Hubsteigern in die Bäume. Dort rupfen und saugen sie von den frühen Morgenstunden bis zum Mittag. „Die Arbeit ist mühsam. Die Sonne blendet, oft ist es schwierig durch das Geäst zu kommen und bei der Hitze ist es im Anzug natürlich extrem heiß“, sagt Baumpfleger Bastian Czymanski. Die vier Kollegen am Fühlinger See wechseln sich deshalb ab. Schweißgebadet steht nun auch Mike Kühne am Ufer des Fühlinger Sees.
Hier drängt die Zeit. Ab nächsten Mittwoch kommen die ersten Gäste für den Summerjam. Tausende Besucher werden sich beim Festival unter den Eichen drängen. „Wir werden hier auf jeden Fall diese Woche fertig“, sagt Joachim Stuffrein. Er koordiniert die städtischen Baumkontrolleure und die Spezial-Einsatzkräfte – und hat alle Hände voll zu tun. „In diesem Jahr ist der Befall besonders schlimm.“ Seit etwa zwei Wochen geht es den Hinterlassenschaften der Eichenprozessionsspinner am Fühlinger See an den Kragen.
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Längst kürzt man im Grünflächenamt den Eichenprozessionsspinner mit EPS ab. „Sonst würde man ja wahnsinnig beim Schreiben“, sagt Stuffrein. Häufig steht in den letzten Wochen „EPS“ auf dem Einsatzplan eines Baumkontrolleurs des Grünflächenamts. Kontrolleure wie Oliver Schnell (40) sind in der Regel diejenigen, die einen Befall mit dem Eichenprozessionsspinner aufspüren. Am Fühlinger See hatte er um die 300 Eichen zu kontrollieren. „Wir haben einen Blick für die Kandidaten“, sagt er. Abgefressene Blätter an Eichen sind meist ein klarer Hinweis für „die Biester“. Sieht Lemke Nester, markiert er den Baum mit Flatterband. Die Baumpfleger arbeiten dann nach. Ein Viererteam schafft acht bis zehn Bäume am Tag.
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Während sich die Arbeiter am See systematisch vorarbeiten, sind stadtweit immer wieder Spontaneinsätze nötig. „ Bei einem Befall an Kitas oder Schulen versuchen wir, möglichst noch am selben Tag tätig zu werden“, sagt Stuffrein. In 13 Schulen und sieben Kitas war das bereits der Fall.
Augen auf und Abstand halten
Die Raupe des Eichenprozessionsspinners häutet sich bis zur Verpuppung sechsmal. Ab der dritten Häutung bildet sie zusätzlich zu ihren langen sichtbaren Haaren 600 000 „Brennhaare“, die das Eiweißgift Thaumetopein enthalten. Damit schützt sie sich vor Fressfeinden. Die „Brennhaare“ bleiben nach dem Schlüpfen des Nachtfalters in den Gespinsten am Stamm.
Der Kontakt mit ihnen kann zu starken Reizungen und allergischen Reaktionen von Haut und Atemwegen führen und sollte daher unbedingt vermieden werden. Mögliche Begleiterscheinungen sind Schwindelgefühl, Fieber und Müdigkeit. Abstand halten, ist somit der beste Selbstschutz. Die Stadt rät Betroffenen, die stark reagieren, einen Arzt zu aufzusuchen. (dha)
Besonders schwer betroffen war der Stadtbezirk Chorweiler mit zwei Kitas und vier Schulen. In der Regel werden beim Einsatz die Außenbezirke kurzfristig abgesperrt und dann wieder freigegeben. „Gesundheitsschädigende Folgen“ gab es dabei nach Auskunft der Stadt nicht.
„Wir haben schon manchmal Pusteln“, sagt Baumpfleger Czymanski. „Das ist aber nach ein paar Tagen weg“, sind er und seine Kollegen sich einig. Sie seien naturverbunden und nicht empfindlich. „Sonst ist man falsch in dem Job.“ Und ein Bad im See am Arbeitsende entschädige.