Bundesliga-KolumneDemütigung und Schockstarre – Grenzerfahrungen aller Art
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Peinliche Grenzüberschreitung: Erboste Anhänger von Hertha BSC fordern die Spieler auf, ihre Trikots auszuziehen.
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Felix Magath und Frank Kramer hatten mal wieder stark erhöhten Grübelbedarf. Während die Bayern ihren zehnten Meistertitel en bloc ansteuern und Gladbach zumindest das Damoklesschwert 2. Bundesliga von sich geschleudert hat, bangen die Übungsleiter Magath und Kramer mit ihren Klubs um die Bundesligazugehörigkeit.
Kramer befand dabei freimütig, seine Bielefelder hätten sich bei der saftigen Niederlage in Wolfsburg unzureichend gewehrt. Und Magath (68) räumte ein, der Klassenerhalt mit Hertha wäre eine größere Leistung als das doppelte Double mit den Bayern 2005 und 2006.
Ruhnert erinnert an Gelsenkirchener Jagdszenen
Das sportliche Schicksal der Blau-Weißen droht im Fahrwasser der im Grunde abgestiegenen Fürther vor allem Hertha BSC. Gerade wurde die Alte Dame von den Eisernen aus Köpenick im Hauptstadt-Derby mit 1:4 zerpflückt. Einige erboste Anhänger forderten Herthas Fußballer anschließend auf, ihre Trikots vor der Ostkurve niederzulegen.
Akteure wie Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt oder Torwart Marcel Lotka – mit Abstand Bester seines Teams – befolgten den demütigenden Appell sogar. Und ein besonders nachdenklich stimmender Kommentar zu dieser bizarren Szenerie kam von der Gegenseite, mit mahnendem Hinweis auf den FC Schalke inklusive.
Als der vierte Bundesliga-Abstieg des Revierklubs Ende April letzten Jahres feststand, wurden die Schalker von den eigenen Fans gejagt, ein am Boden liegender Mitarbeiter des Vereins wurde getreten. Grund genug für Oliver Ruhnert, einen gebürtigen Sauerländer, im Berliner Olympiastadion nun die Erinnerungen an die verstörenden Bilder von damals wachzurufen.
Unions Sportchef versetzte sich in die aktuelle Lage der Hertha-Spieler und sagte: „Wie willst du für die letzten fünf entscheidenden Spiele den Fokus behalten, wenn du Angst spürst? Das ist sicher der denkbar schlechteste Ratgeber.“ Zur Verdeutlichung führte Ruhnert noch den Namen des Hertha-Profis Suat Serdar an, der so etwas vor einem Jahr „eins zu eins“ im Trikot von S04 erlebt habe.
Schockierendes Déjà-vu
Als die rund 500 Menschen vor der Gelsenkirchener Arena im April 2021 zu ihrer beschämenden Aktion schritten, kam die Schalker Mannschaft gerade von einer 0:1-Niederlage in Bielefeld zurück. Eine Saisonumdrehung später steckt die Arminia nun selbst im tiefsten Abstiegsschlamassel, erlebte beim 0:4 in Wolfsburg einen weiteren sportlichen Tiefpunkt – und, als würde das nicht genügen, zudem ein schockierendes Verletzungs-Déjà-vu.
Am vergangenen Wochenende hatte sich Torjäger Fabian Klos in der Partie gegen Stuttgart eine schwere Kopfverletzung zugezogen. Im nächsten Klassenkampf-Duell prallte nun Bielefelds Abwehrspieler Cedric Brunner nach einem Zusammenstoß mit VfL-Angreifer Jonas Wind so unglücklich auf dem Boden auf, dass er dort für kurze Zeit bewegungslos liegen blieb.
Dürre Generalprobe von Armenia Bielefeld vor dem Showdown
„Es macht was mit einem, wenn du siehst, dass ein Mitspieler sein Bewusstsein auf dem Platz verliert“, erklärte der Bielefelder Manuel Prietl. Und während sich die Kopfblessur Brunners bei einer ersten Untersuchung im Krankenhaus als weniger schwer erwies als sieben Tage zuvor bei Klos, warf Arminias Kapitän noch einen raschen Blick aufs Tableau – und stellte dabei fest: „Jetzt müssen wir in jedem Spiel um unser Leben rennen.“
Böser Zusammenprall: Der Bielefelder Cedric Brunner und der Wolfsburger Jonas Wind (Nummer 23).
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Erster Gegner im ostwestfälischen Überlebenslauf ist am kommenden Sonntag der FC Bayern – der seine Grenzerfahrungen mal wieder in der Champions League macht. Schaffen es die Münchner am Dienstag gegen Villarreal nicht, das 0:1 aus dem Viertelfinal-Hinspiel umzubiegen, dürfte ihre Runde trotz nahender nächster Meisterschaft weitgehend als verhunzt gelten.
„Wir werden ein Spiel abliefern, das bayern-like ist“, blies Leon Goretzka vor dem entscheidenden Duell mit den Ostspaniern schon mal die Backen auf. Die Generalprobe fiel beim in jeder Hinsicht dürren 1:0 über Augsburg jedoch wenig verheißungsvoll aus.
Erleicherte Gladbacher treffen auf euphorisierte Kölner
Der verheißungsvollste Tag in dieser Spielzeit liegt für die Gladbacher inzwischen fast ein halbes Jahr zurück. Das famose 5:0 in der zweiten Pokalrunde gegen die Bayern zeigte, wozu das Team von Adi Hütter prinzipiell befähigt ist.
Mit dem 2:0 in Fürth verscheuchte die im Spätherbst abgestürzte Borussia nun zumindest das nervige Abstiegsgespenst – und kann sich einigermaßen entspannt auf das rheinische Derby gegen frisch euphorisierte Kölner vorbereiten. Eine ähnliche Blamage wie beim 1:4 im ersten Duell sollten sich die Fohlen dabei allerdings nicht erlauben. Sonst könnten auch ihre Fans doch noch mal mächtig sauer werden.