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Neue Serie bei Netflix„Handbuch einer Anstandsdame“ ist eine spanische Kusine von „Bridgerton“

Lesezeit 3 Minuten
MANUAL PARA SEÑORITAS. Álvaro Mel as Santiago, Nadia de Santiago as Elena in episode 04 of MANUAL PARA SEÑORITAS. Cr. Manuel Fernández Valdes/NETFLIX  2024

Álvaro Mel als Santiago und Nadia de Santiago als Elena.

Die neue Serie „Handbuch einer Anstandsdame“ widmet sich Liebeswirren im Madrid des späten 19. Jahrhunderts

Bridgerton“ hat eine spanische Serien-Kusine: „Handbuch einer Anstandsdame“ (läuft seit dem Wochenende bei Netflix) kombiniert das überdrehte, kunterbunte, quirlige Liebeskarussell des amerikanisch-britischen Originals mit einer Portion herbem iberischen Charme.

Madrid, 1880: Elena Bianda (Nadia de Santiago) ist die erfolgreichste Anstandsdame der Stadt bisher. Ihr Job: Reiche Familien heuern sie an, damit sie zum einen optimale Heiratskandidaten für ihre Töchter findet. Zum anderen muss sie darauf achten, dass die jungen Damen nicht über die gesellschaftlichen Stränge schlagen.

Elenas Problem und das ihrer vielen Kolleginnen: Jedes Mal, wenn sie erfolgreich sind, müssen sie sich einen Job (und somit auch ein neues Dach über dem Kopf) suchen. Die Familie Mencías scheint der ideale Arbeitgeber.

Die Mutter ist vor einem Jahr gestorben, der Vater eher von der zugeknöpften Sorte. Die drei Töchter gilt es zu verheiraten, wobei die jüngste noch einige Jahre Zeit hat (dabei aber einen so düster-makabren Humor hat, dass sie ein veritables Mitglied der Addams Family abgeben würde). Dennoch ein Job mit Zukunft. Und so spinnt Elena alle möglichen Fäden, um sich die Stelle unter den Nagel zu reißen.

Doch als Elena dann bei den Mencías aufschlägt, läuft schief, was nur schieflaufen kann: ungeeignete Liebhaber, eine ungewollte Schwangerschaft, Berufswünsche, die den Vorstellungen des Vaters zuwiderlaufen. Unterm Strich sind die drei Mädchen schwieriger zu hüten als der berühmte Sack Flöhe. Obendrein geschieht, was der Anstandsdame auf keinen Fall passieren darf: Eigene Gefühle kommen ihr und einigen anderen in die Quere ...

Besonderer Kniff sind Elenas Ansprachen direkt an die Zuschauer, mit denen sie sowohl über Regeln und Gepflogenheiten aufklärt, aber auch ihre eigenen Handlungen und vor allem ihre Ränke rechtfertigt. Hier ist man gerne Komplize. Doch, ähnlich wie Don Camillo, wird sie von einer unsichtbaren Instanz immer mal wieder zur Ordnung gerufen.

Versteckte Gesellschaftskritik

Ausstattung und Kostüme kommen nicht ganz so überkandidelt wie bei „Bridgerton“ daher, sind aber üppig und überraschend genug, dass man bis zur letzten der insgesamt acht Folgen anerkennend nickt, wie mutig hier Muster und Farben kombiniert werden. Das hat nichts von spanischer Strenge, sondern flirrt vor mediterraner Leichtigkeit.

Rock- und Pop-Songs, die eher zu einer Oldie-Party als ins Madrid des ausgehenden 19. Jahrhunderts passen, sind musikalische Kirschen auf dem Kuchen. Wobei der Einsatz von Whitney Houstons „I will always love you“ einer Torte ins Gesicht gleicht: Man ist erschreckt und wischt sich die zuckrige Masse mit einem Grinsen vom Gesicht.

Zwischen all dem bonbon-bunten Ringelreihen steckt natürlich auch die Kritik an einer Gesellschaft, die für junge Frauen nichts anderes als die Ehe im Sinn hat. Oder dass sie, wenn der Platz in der Hierarchie nicht hoch genug ist, zum Dasein als Anstandsdame verdammt sind. Ohne zu viel zu verraten: Am Ende der ersten Staffel ist noch nicht entschieden, wie die einzelnen Kämpfe ausgehen.