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Sängerin auf AbwegenGwen Stefani – Ist die Pop-Ikone nach rechts gerückt?

Lesezeit 6 Minuten
Das Bild zeigt Gwen Stefani am 15.09.2007 bei ihrem Auftritt in der Kölnarena.

Die US-Sängerin Gwen Stefani sieht sich in den vergangenen Wochen einem Shitstorm ausgesetzt. Fans werfen ihr vor, zur „MAGA“-Anhängerin geworden zu sein.

Die US-Sängerin Gwen Stefani erfährt einen veritablen Shitstorm. Der Vorwurf: Sie sei „MAGA“-Anhängerin geworden. Die Gründe sind naheliegend, aber sind sie auch überraschend?

Gwen Stefani ist für viele immer noch eine Ikone: In den 1990er-Jahren verhalf der Ska-Pop ihrer Band No Doubt vor allem ihr zu Weltruhm. Ihre Ehe mit dem Sänger der britischen Rockband Bush, Gavin Rossdale, elektrisierte für mehr als ein Jahrzehnt die Klatschspalten. Stefani gilt als stilbewusst, ihr Song „Just A Girl“ bis heute als feministische Hymne.

Nach öffentlichem Lob für ein Interview, das der ultra-rechte Talkmaster Tucker Carlson mit dem Schauspieler Jonathan Roumie geführt hat, scheint sich die Sängerin für viele Fans um 180 Grad gedreht zu haben. Wirklich?

„Hätten Gwen Stefani niemals gefragt, ob sie mitmachen wolle, wenn wir das gewusst hätten“

Es ist das Jahr 1995, Gwen Stefani und ihre Band No Doubt sind eingeladen auf der „Roe vs. Wade“-Jubiläums-Show zu spielen: ein Benefizkonzert, das an die Grundsatzentscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA aus dem Jahr 1973 erinnert. Dabei wurde Frauen grundsätzlich das Recht auf Abtreibung zugestanden.

Gwen Stefani betritt die Bühne der „Rock for Choice“-Veranstaltung, einer Reihe, die von der Frauen-Band L7 ins Leben gerufen wurde. Diese waren Teil der Anfang der 1990er-Jahre im US-Hardcore entstandenen subkulturellen „Riot Grrrl“-Bewegung.

Nirvana, die Red Hot Chili Peppers, Pearl Jam oder Rage Against The Machine: Zahlreiche Alternative-Superstars dieser Zeit unterstützten mit ihren Auftritten bei „Rock for Choice“-Konzerten die Abtreibungsbewegung in den USA und Kanada. Und eben auch No Doubt.

Gwen Stefani und die Mitglieder der Band No Doubt posieren am 2. Dez. 2001 im Shrine Auditorium in Los Angeles vor der Verleihung der „My VH1 Music Awards“.

Gwen Stefani und die Mitglieder der Band No Doubt posieren am 2. Dez. 2001 im Shrine Auditorium in Los Angeles vor der Verleihung der „My VH1 Music Awards“.

„Wenn ich jetzt schwanger werden würde, würde ich nicht abtreiben. Ist es nicht cool, dass mir Niemand sagen kann, was ich zu tun und zu lassen habe?“, fragt Gwen Stefani ins Publikum.

Die Organisatoren, sagte Stefani in einem späteren Interview, seien über ihre Äußerungen nicht erfreut gewesen. „Sie waren so: ‚Wir hätten Gwen Stefani niemals gefragt, ob sie mitmachen wolle, wenn wir gewusst hätten, dass sie das sagen würde‘.“

Eine Aussage, die die Sängerin als scheinheilig empfand. „Sie waren pro-Abtreibung und nicht pro-freie-Wahl“, sagte sie.

„Ich bin wirklich nicht die Person, die eine große Feministin ist“

Gwen Stefani habe nie eine substantielle feministische Meinung vertreten, lautet ein Vorwurf. Ihre Hymne „Just A Girl“ handele davon, die eigene Sexualität zu entdecken, erklärte die Sängerin 2019. Ein solcher Inhalt macht dessen Schöpferin noch nicht zur Feministin und auch Gwen Stefani selbst sah sich nie so.

Bereits 1995 sagte sie gegenüber dem „Billboard Magazine“: „Ich bin wirklich nicht die Person, die eine große Feministin ist. Ich bin ein altmodisches Mädchen, ein richtiges Mädchen-Mädchen.“

Es scheint, als sei Stefani von Fans und Medien zu etwas gemacht worden, was sie nie war – damit hätte sie sich nicht gewandelt, sie würde nun lediglich mehr sie selbst sein, als früher.

Gwen Stefanie machte Werbung für ultrareligiöse „Hallow“-App

Welche Rolle die App „Hallow“ bei den US-Wahlen spielte, fragte katholisch.de im Herbst 2024. Das Portal beleuchtete umfangreich die Hintergründe der populären US-Gebets- und Meditations-App, deren Mit-Gründer der konservative Schauspieler und Trump-Fan Mark Wahlberg ist, und zu deren Geldgebern US-Vizepräsident J.D. Vance und der rechts-konservative Unternehmer Peter Thiel gehören. Letzterer ist Mit-Gründer von PayPal und war ehemals bei Meta, bevor er den Konzern verließ, um sich der Politik zu widmen und seitdem ganz im Sinne von und für Donald Trump handelt.

Zweifelsfrei lässt sich die Frage nicht klären, Indizien deuten jedoch daraufhin, dass Apps wie „Hallow“ dazu benutzt werden, anhand der gewonnenen Daten die Nutzerinnen gezielter ansprechen zu können und so deren Wahlverhalten zu beeinflussen.

Anfang 2022 hatte eine Untersuchung des Portals „Buzzfeed“ ergeben,dass die Datenschutzrichtlinien der katholischen Gebets-App es erlaubten, die Nutzerdaten „für gezielte Werbung an Geschäftspartner weiterzugeben und ihnen ‚alleiniges Ermessen‘ darüber einräumen, wann Benutzerinformationen an Regierungen, Strafverfolgungsbehörden oder andere ‚private Parteien‘ weitergegeben werden“.

Zu diesen Daten gehörten neben persönlichen Standard-Informationen wie Name, E-Mailadresse oder Telefonnummer der Nutzer auch persönliche Gebetsminuten und Tagebucheinträge, schreibt „katholisch.de“. 

Außerdem, so die Vermutung, werde die App als Instrument genutzt, Nutzerinnen und Nutzer zum katholischen Glauben zu konvertieren – auch durch den Einsatz Prominenter wie eben Gwen Stefani. Im Orange County, dem seit Jahrzehnten republikanischen Herz des sonst liberalen Kaliforniens und einst berühmt gemacht durch Ronald Reagan als „der Platz, an denen die guten Republikaner zum Sterben hingehen“, ist Stefani geboren und aufgewachsen. Die Erziehung: streng katholisch.

Anfang März ruft die US-amerikanische Sängerin in einem auf Instagram hochgeladenen Video, in dem sie im Look einer sogenannten „Tradwive“ auftritt, zum täglichen Gebet über die App auf. Markiert als bezahlte Partnerschaft, dürfte hinter der Kooperation mehr stecken als ein bloßes Geschäft.

Gwen Stefani und die „Harajuku Girls“-Ära

Kritik begleitet die 55-Jährige jedoch nicht erst seit Kurzem. Bereits 2018 schlussfolgerte Wanna Thompson im Onlinemagazin „Vice.com“: „Traurigerweise ist Gwen Stefani schon immer problematisch gewesen.“ Thompson zeichnet die lange Geschichte der Aneignung kultureller und religiöser Symbole durch Stefani nach, die bis zum Beginn ihrer Karriere zurückgeht, etwa das Tragen von Bindis, Henna, Saris oder der afrikanische Bantu-Knoten in den Haaren.

Stefani, so Kritiker, habe sich diese Symbolen angeeignet, sie zu persönlichem Vorteil monetarisiert und vor allem respektlos behandelt. 

Das Bild zeigt Gwen Stefani am 15.09.2007 bei ihrem Auftritt in der Kölnarena umgeben von den Harajuka-Girls.

Das Bild zeigt Gwen Stefani am 15.09.2007 bei ihrem Auftritt in der Kölnarena umgeben von den Harajuka-Girls.

Nicht zu vergessen die „Harajuku Girls“-Ära in der Karriere der Sängerin; eine Gruppe mit vier japanischen Tänzerinnen in klischeehaften Outfits. Die kreierte die Stefani, inspiriert von japanischer Subkultur, 2004 zur Veröffentlichung ihres ersten Solo-Albums „Love. Angel. Music. Baby.“.Unter dem Label „Harajuku Lovers“ vertreibt Stefani bis heute Kleidung und Parfüm.

„Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es nicht so viele Regeln gab. Wir mussten nicht einem Narrativ folgen, das durch die sozialen Medien für uns aufbereitet wurde, wir hatten einfach viel mehr Freiheit“, erklärte Stefani in einem Porträt für das Magazin „Paper“ im Jahr 2021.

Bereuen würde sie die „Harajuku Girls“ bis heute nicht, zeigte sich Stefani unbeeindruckt von der als rassistisch-stereotypisiert kritisierten Gruppe.

Jens Balzer: „Tut es so, dass die unterschiedlichen angeeigneten Kulturen darin sichtbar bleiben“

Was aber ist nun kulturelle Aneignung und hat sich Stefani dieser bedient? Der Publizist und Pop-Kritiker Jens Balzer versucht sich in seinem Essay „Ethik der Appropriation“ (Matthes & Seitz Berlin, 2022) an einem differenzierten Blick auf den Begriff und dessen Geschichte, jenseits von pauschalen Verboten, die Teile der Linken fordern und einer seiner Ansicht nach oftmals überzogenen Empörung aus dem bürgerlichen bis konservativen Lager auf eben jene Verbotsforderungen.

Balzer unterscheidet in „Ethik der Appropriation“ zwischen „guter“ und „schlechter“ Aneignung, definiert, was sie ausmacht und wie man berechtigte respektive unberechtigte Kritik erkennen kann.

„Tut es respektvoll. Oder tut es so, dass die unterschiedlichen angeeigneten Kulturen darin sichtbar bleiben und eure Perspektiven darauf deutlich sind, dass ihr verstanden habt, wo das politisch-historisch herkommt“, erläutert Balzer im Deutschlandfunk Kultur.