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Fabrikneue ProdukteWie das Kölner Unternehmen innatura Waren vor der Vernichtung rettet

Lesezeit 5 Minuten
Gemeinnützige Organisationen aus ganz Deutschland ordern bei innatura. In den Lagerhallen ist derzeit Platz für 1350 Paletten. Uschi Reuther verräumt Hygieneartikel mit dem Gabelstapler.

Gemeinnützige Organisationen aus ganz Deutschland ordern bei innatura. In den Lagerhallen ist derzeit Platz für 1350 Paletten. Uschi Reuther verräumt Hygieneartikel mit dem Gabelstapler.

Neuwaren im Wert von gut zwei Milliarden Euro landen jedes Jahr im Müll. Das ist falsch, fand Juliane Kronen. Sie schmiss ihren alten Job hin und handelte.  

In Rot, Magenta oder markentypischem Grün — die Pampers-Windeln stehen in großen Ballen ganz vorne am Hallentor. Denn sie sind sofort wieder weg. Auch das Duschgel und die Nivea-Bodylotion bleiben nicht lange. „Produkte wie diese räumen wir gar nicht erst in die Regale“, sagt Juliane Kronen. „Hygieneartikel und Säuglingsbedarf brauchen caritative Einrichtungen dringend.“ Die Gründerin des gemeinnützigen Unternehmens innatura steht im Verladebereich der hohen, lichtdurchfluteten Lagerhallen in Porz-Gremberghoven. 

Innatura gibt fabrikneue Waren, die sonst vernichten würden, als Treuhänder an caritative Organisationen weiter. 230 Unternehmen zählen zu den Spendern, 3000 Organisationen aus allen Teilen Deutschlands ordern derzeit regelmäßig Waren. Als Vermittlungsgebühr zahlen die Abnehmer zwischen fünf und 20 Prozent des niedrigsten Verkaufspreises; damit deckt innatura seine Betriebskosten. Es ist das einzige Unternehmen seiner Art in Deutschland.

Viele Unternehmen möchten lieber spenden als vernichten

Das Konzept von Juliane Kronen kennt keine Verlierer. Viele Menschen haben immer weniger Geld zur Verfügung und freuen sich über Sachspenden, die sie über die gemeinnützigen Organisationen bekommen. Immer mehr Unternehmen möchten viel lieber spenden als vernichten. Und jede Palette neuer Waren, die nicht weggeworfen werden, kommt der CO2-Bilanz zugute.

Juliane Kronen, Gründerin und Geschäftsführerin von innatura.

Juliane Kronen, Gründerin und Geschäftsführerin von innatura.

Wie die Weitergabe funktioniert, erklärt die 60-Jährige, die zuvor lange Partnerin in der Boston Consulting Group war, bei einem Gang durch die Lagerhallen. „Unternehmen bieten uns ihre Waren an. Das freut uns sehr, und wir nehmen Vieles. Ungewöhnliche Waren projektieren wir erst einmal, wie diese UV-Luftreiniger, die in der Pandemiezeit zu viel produziert wurden.“ 100 Geräte habe man übernommen, 30 Pakete stehen noch in der ersten Halle. Für etwa 40 Euro, einen Bruchteil des Preises in der Pandemie, konnten sich viele soziale Einrichtungen jetzt ein Gerät leisten.

„Wir stellen ein Foto der Waren in unseren Online-Katalog, beschreiben sie, recherchieren den niedrigsten Marktpreis und legen die Gebühr fest“, schildert Annette Wolter, zuständig für den Bereich Spenderunternehmen. Um Missbrauch auszuschließen, prüft das Team die Gemeinnützigkeit der anfragenden Organisationen akribisch. Und auch, ob die georderten Produkte zu deren Tätigkeitsfeld passen. Das Gros der Warenspenden sind Überproduktionen, andere haben Druckfehler auf der Packung, sind als Saisonware übrig geblieben oder haben eine zu geringe Abfüllmenge. Aus Frankreich stammen für den Export nach Russland produzierte Waschmittel mit kyrillischen Buchstaben. „Die geben wir mit einem digitalen Produktblatt auf Deutsch weiter“, erklärt Wolter.

Firmen aus Belgien und der Schweiz spenden regelmäßig Markenkleidung von Timberland, North Face oder Vance. „Darüber freuen sich soziale Einrichtungen sehr, denn viele Jugendlichen dort können sich keine angesagte Markenkleidung leisten“, sagt Kronen. Wichtig ist dem innatura-Team, dass es nicht nur günstige Einkäufe ermöglicht, sondern auch sozialen Nutzen schafft. Etwa, wenn sich ein Heim für Kinder und Jugendlichen durch die Ersparnis Bio-Kost anbieten kann. Oder wenn eine Jugendeinrichtung sich Buntstifte in größeren Mengen leistet, um mit Kindern in „sozialen Brennpunkten“ einen großen Farbenkreis zu legen. „Die Kinder hatten ein ungewöhnliches Sinnes- und Gemeinschaftserlebnis und durften sich danach Stifte mitnehmen“, sagt Kronen.

Sozialunternehmen wuchs im Jahr 2022 um 60 Prozent

In den - ebenfalls gespendeten - Hochregalen der zweiten Lagerhalle ist Platz für 2000 Paletten, sobald alle aufgebaut sind. Schon jetzt lagern hier Buntstifte für Kitas, Hygieneartikel für Frauenhäuser, Spielzeug und Lego-Bausätze für Kinder einkommensschwacher Familien, Hundefutter für wohnungslose Tierbesitzer ebenso wie Werkzeug, lange Schuhlöffel für Senioreneinrichtungen und vieles mehr. Einer der ersten Abnehmer ist die Initiative „immersatt“, die sich um Familien in Duisburg kümmert. Auch die Kölner Soroptimistinnen packen in ihre 200 Weihnachtstüten für inhaftierte Frauen seit Jahren Hygieneartikel und Geschenke, die sie über innatura ordern. „Unsere Tüten sind viel voller, seit wir hier kaufen“, freuen sich zwei Selbstabholerinnen, während sie ihren Kofferraum beladen.

1000 Bestellungen bearbeitet das innatura-Team pro Monat, um 25 Prozent ist das Unternehmen jährlich gewachsen. „2022 waren es sogar 60 Prozent, in diesem Jahr wird es ähnlich viel“, freut sich Kronen. Eine Studie der Uni Köln habe ergeben, „dass wir zehnmal so viel weitergeben könnten, wenn wir genug Ware hätten“. Die würden viele Unternehmen gerne spenden. Weil auch sie sich mit der Vernichtung ihrer Produkte nicht gut fühlen. Und auch, weil junge Nachwuchskräfte immer mehr Wert auf Nachhaltigkeitsengagement bei potenziellen Arbeitgebern legen, weiß die innatura-Gründerin.

In Deutschland ist es teurer, fabrikneue Waren zu spenden als sie zu vernichten.
Juliane Kronen, Geschäftsführerin von innatura

„Aber in Deutschland ist es teurer, fabrikneue Waren zu spenden als sie zu vernichten“, kritisiert Kronen. „Für ihre Spenden müssen Unternehmen dieselbe Umsatzsteuer zahlen wie für Waren, die sie verkaufen. Immer noch!“ Obwohl im Koalitionsvertrag vereinbart wurde, die Steuer für Sachspenden zu streichen, und obwohl das EU-Parlament dafür Steuerbefreiung empfohlen habe. „Jedes Jahr landen uneingeschränkt nutzbare Neuwaren im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro im Müll. Und zwei von drei Unternehmen, die bei uns  anfragen und gerne spenden möchten, können das aufgrund der Besteuerung aus wirtschaftlich Gründen nicht.“

Für eine Änderung setzt sich Kronen, die seit 2011 auch Mitglied des Auswahlkomitees für den alterativen Nobelpreis ist, vehement ein. Aber nicht nur. Innatura hat eine Stelle für die Gewinnung neuer Spender ausgeschrieben, plant eine Solaranlage auf den Hallendächern und will in Gremberghoven weiter wachsen. „Fünf Jahre“, sagt Juliane Kronen und muss schmunzeln. „Dann brauchen wir wieder mehr Platz.“


200 000 Flaschen falsch etikettierte Schampoo-Flaschen waren die Initialzündung. Für die sollte die damalige Partnerin bei Boston Consulting Abnehmer finden. Doch das war unmöglich. Für zwei Sattelschlepper voller Waren hatte kein caritatives Unternehmen Platz. Dass Unmengen von Neuwaren vernichtet werden, ließ die damals 48-jährige Juliane Kronen nicht los. Sie eruierte gemeinsam mit Kollegen die Marktchancen einer in Großbritannien schon umgesetzten Idee der gemeinnützigen kostendeckenden Weitervermittlung der Waren. Und kündigte.

Große Spenderunternehmen sind Beiersdorf, Procter und Gamble, Staedler, Amazon (Eigenmarken), Johnson und Johnson und CP Gaba.

52,5 Millionen Euro ist der Marktwert der Waren, die innatura seit seiner Gründung als Spenden erhalten hat. 8000 Tonnen Abfall wurden dadurch vermieden.

In Köln nutzen unter anderem der Don Bosco Club, die Street Angels Cologne, die gute Hand, Cityofhope, der Bauspielplatz Senkelsgraben, Auf Achse und die refugees foundation das Angebot.