Königswinter-Oberpleis – „Sehen Sie selbst“, sagt Biagio Garofalo und zeigt aus dem Fenster seines Eiscafés. Dort sitzen zwei Frauen bei einer Tasse Kaffee in der Morgensonne. Aber eine schöne Aussicht haben sie nicht. Sie gucken genau auf die Seite eines Busses. „Die stehen stundenlang hier“, schimpft Garofalo, der seit 1996 das Eiscafé am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) betreibt.
Dass am ZOB Busse stehen, ist natürlich nichts Ungewöhnliches. Aber die Wagen halten nicht nur, die Fahrer machen hier auch ihre Pause. „Wir können uns nicht entfalten und unsere Läden attraktiver machen“, beispielsweise durch eine Terrasse oder mehr Stühle vor dem Café, klagt Biagio Garofalo, der sich von der Politik „veräppelt“ fühlt.
Ob sich sein Verhältnis zu Rat und Verwaltung bessert, wenn nächste Woche erstmals die neue Arbeitsgruppe Ortsentwicklung Oberpleis tagt, steht dahin. Denn Hoffnungen, dass am ZOB große Veränderungen möglich sind, haben sich vor ein paar Wochen zerschlagen. Eine Verlagerung des Bahnhofs sei unsinnig und teuer, eine Entzerrung schwierig, wenn die bis zu 4000 Buskunden täglich am ZOB weiter ein attraktives Nahverkehrsangebot finden und die zehn dort zusammentreffenden Buslinien weiterhin gut vertaktet sein sollen. So zumindest die Ergebnisse von Untersuchungen durch die Stadt und die Verkehrsgesellschaft RSAG.
Zu wenig Parkplätze, zu kurze Parkdauer
Wie und wohin soll sich das Zentrum von Oberpleis entwickeln? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der neuen Arbeitsgruppe. Ihre Arbeitsgrundlage wird die „Entwicklungsperspektive und vorbereitende Untersuchung für die Ortsmitte von Oberpleis“. Auf mehr als 80 Seiten hat die Stadt- und Regionalplanung Dr. Jansen GmbH Oberpleis unter die Lupe genommen, Standortvorteile und -defizite erfasst und ein Maßnahmenprogramm zusammengestellt.
Oberpleis ist zwar Lichtjahre von Zuständen und Versäumnissen wie in der Altstadt von Königswinter entfernt, dennoch haben die Stadtplaner Defizite ausgemacht:
■ Vereinzelte Leerstände von Ladenlokalen;
■ Vereinzelte Instandhaltungsmängel an Gebäuden;
■ Mängel im Ortsbild bzw. Stadtgestalt;
■ Nutzungskonflikte zwischen Wohnen und Handel bzw. Verkehr.
„Hier ist Tempo 30, aber die fahren 50, 60 oder noch schneller“, klagt eine Gewerbetreibende in der Siegburger Straße. Es gebe zu wenig Parkplätze und die Parkdauer von einer Stunde mit Parkscheibe sei zu wenig, klagt sie. Die obere Siegburger Straße ist sozusagen die Problemzone von Oberpleis, während entlang der Dollendorfer Straße, quasi das Zentrum des Zentrums, die Welt in Ordnung scheint. Bezeichnend, dass einige der von der Rundschau gestern befragten Geschäftsleute von „da oben“ (Dollendorfer Straße) und „hier unten“ (Siegburger Straße) sprachen. „Es fehlt das Zugpferd“, sagt die Geschäftsfrau, die sich von einem Publikumsmagneten mehr Laufkundschaft verspricht.
Insgesamt halten die Gutachter städtebauliche Maßnahmen an vier Stellen für „geboten“:
■ Kirchplatz und obere Siegburger Straße;
■ Busknotenpunkt „An der alte Schule“;
■ Bereich Probsteistraße/Landesstraße 143;
■ Dollendorfer Straße.
Vor allem der Kirchplatz steht seit Jahren im Fokus von Stadtplanern und Politik. Dessen Gestaltung stehe „im Widerspruch zu den vielfältigen Nutzungsansprüchen an einen Ortskern und entspricht bei weitem nicht den heutigen Anforderungen an eine zeitgemäße, attraktive Ausbildung einer zentralen Ortsmitte“, heißt es in der Untersuchung. Das Parken dominiere, der fließende Verkehr belaste den Platz. Und wer an der Pfarrkirche St. Pankratius vorbeifährt ahnt nichts von den historischen Kleinodien oberhalb der trennenden Mauer: dem sensationell gut erhaltenen Kreuzgang der ehemaligen Klosteranlage und dem kleinen Park mit den Denkmälern.
Aber: Eine Verkehrsberuhigung und der Wegfall der Parkplätze am Kirchplatz – das würde nach der festen Überzeugung von Sadik Sener die Lage nur verschlimmern. Der Chef eines Kopiercenters ist überzeugt, dass seine Kunden auch die Parkplätze entlang der Siegburger Straße unbedingt brauchen. Er habe schon jetzt zu kämpfen mit der Konkurrenz von Aldi und Rewe beispielsweise beim Verkauf von Papier. Auch einer von Seners Stammkunden warnt vor dem Wegfall der Parkflächen und sagt über die Geschäftsleute an der Siegburger Straße: „Die leben hier von ihrem Engagement.“
Zum ersten Mal tagt am Mittwoch, 15. April, die neue Arbeitsgruppe Ortsentwicklung Oberpleis. Das Untergremium des Planungsausschuss soll sich mit allen Zukunftsthemen für den Bergstadtteil befassen, analog zu der schon länger arbeitenden Arbeitsgruppe Altstadtsanierung.
Beim Auftakt nächsten Mittwoch ab 17 Uhr im Rathaus Oberpleis geht es unter anderem um die geplante Aufstellung eines integrierten Handlungskonzeptes (IHK). Darin soll die vorbereitende Untersuchung einfließen, die Stärken und Schwächen von Oberpleis beleuchtet und Maßnahmen vorgeschlagen hat. Das IHK ist nötig, um Fördermittel vom Land NRW zu bekommen.
Derzeit plant die Stadt Mitte Juni eine Bürgerinformationsveranstaltung zum IHK und dessen Beschluss durch den Stadtrat im September. Damit könnte die Stadt für 2016 bei der Bezirksregierung einen Grundförderantrag stellen. (csc)
Zebrastreifen und Bushaltestelle gewünscht
Von Stillstand kann man in der Oberpleiser Problemzone indes nicht sprechen. Am Kirchplatz lässt gerade die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft WWG das Fachwerkgasthaus Zum alten Zoll sanieren; hier soll wieder Gastronomie einziehen. Einige Häuser weiter bauen Arbeiter gerade ein Ladenlokal zu zwei Gewerbeeinheiten um. An einem anderen Haus hängen Schilder mit der Aufschrift „vermietet“. Laut Sadik Sener zieht dort ein Beautysalon ein.
„Es ist in Ordnung hier“, sagt Mohamed Rachid, der an der Ecke Siegburger Straße/Niederbach eine Änderungsschneiderei betreibt. „Oben“ laufe es zwar besser, aber er habe treue Stammkunden. Parkplätze seien wichtig, und eine Bushaltestelle sowie ein Zebrastreifen an der gefährlichen Straßenecke wären gut, sagt Rachid.
Er betreibt eines dieser „inhabergeführten Fachgeschäfte“, die laut Gutachten den Einzelhandel in Oberpleis prägen. Dort heißt es: „Durch die kleinteiligen Strukturen wirkt das Ortszentrum zwar heute noch unverwechselbar und identitätsstiftend, einzelne Leerständen zeigen jedoch, dass dieser Zustand ohne Strukturanpassungen und Investitionen nicht zwingend bestehen bleiben wird.“
Die vorbereitende Untersuchung findet sich im Ratsinformationssystem auf der Homepage der Stadt www.koenigswinter.de; unter Vorlagenauswahl die Vorlagennummer 51/2015 eingeben.