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Jagd in Bad HonnefErheblich mehr Rehe im Stadtforst geschossen

Lesezeit 4 Minuten
Ein junges Reh steht an einem Straßenrand.

Ein junges Reh steht an einem Straßenrand.

Stadtförster Georg Pieper wertet Umstellung des Jagdsystems positiv, Umweltschützer Achim Baumgartner bleibt bei seiner Kritik.

Im 1200 Hektar großen Bad Honnefer Stadtwald sind im vergangenen Jahr deutlich mehr Rehe geschossen worden als zuvor. Aus Sicht des Försters Georg Pieper macht das Sinn, denn der Wildbestand lasse eine natürliche Verjüngung des Waldes nicht zu, sagte er jüngst im städtischen Umweltausschuss.

Dort zog er eine Zwischenbilanz zur Umstellung des Jagdsystems in Bad Honnef. Demnach sind beispielsweise im Eigenjagdbezirk 5 im Schnitt 17,2 Rehe (zuvor 5,3 Rehe) auf 100 Hektar Fläche geschossen worden – ein Plus von 225 Prozent. Im Eigenjagdbezirk 3 stieg die Zahl laut Pieper von durchschnittlich 4,6 auf 14,9 Rehe je 100 Hektar, eine Steigerung um 224 Prozent.

Scharfe Kritik an Massenabschuss von Rehen und anderen Paarhufern

Im November 2023 hatten fünf Natur- und Tierschutzorganisationen die damals geplante Umstellung des Jagdsystems scharf kritisiert. Sie sprachen von einem geplanten „Massenabschuss“ von Rehen und anderen Paarhufern. Zudem wolle die Stadt ein „Kopfgeld“ für Reh-Abschüsse zahlen. Die Pläne widersprächen „allen Grundsätzen des Tier- und Naturschutzes“, hieß es seinerzeit vom BUND Rhein-Sieg-Kreis, vom Europäischen Tier- und Naturschutz, dem Naturschutzbund Deutschland Rhein-Sieg, der Naturschutz-Initiative und des Vogelschutz-Komitees.

Die Stadt Bad Honnef hatte seinerzeit von „abstrusen Behauptungen“ gesprochen und betont, dass sie an einem Umbau des Stadtwaldes zu einem klimaresilienten und zukunftsfähigen Wald arbeite. Georg Pieper erinnerte jetzt im Umweltausschuss daran, dass durch den Borkenkäferbefall auf 450 Hektar des Stadtwaldes – also auf rund einem Drittel der Fläche – die befallenen Fichten hätten gefällt werden müssen. Insgesamt seien das 78.000 Kubikmeter Holz gewesen. 2900 Lkw-Ladungen Holz hätten abtransportiert werden müssen. Gleichzeitig seien rund 500.000 Euro in die Wiederaufforstung investiert worden.

Wiederaufforstung im Stadtwald Bad Honnef.

Wiederaufforstung im Stadtwald Bad Honnef.

Ziel der Stadtverwaltung sei es, „einen widerstandsfähigen und artenreichen Mischwald zu schaffen, der die vielfältigen Wohlfahrtswirkungen des Waldes auch in Zukunft gewährleisten kann“, schrieb der Förster in seiner Sitzungsvorlage. Der Stadtwald werde seit 2021 nach den Grundsätzen des Arbeitskreises Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) bewirtschaftet und sei seit vielen Jahren nach dem PEFC-Siegel für nachhaltige Forstwirtschaft zertifiziert.

Beide Organisationen forderten eine Anpassung des Wildbestandes, um eine natürliche Verjüngung der Hauptbaumarten ohne Wildschutzmaßnahmen zu ermöglichen. Das aber sei mit dem alten Jagdsystem nicht möglich gewesen, betonte Georg Pieper. Die Stadt habe die Eigenjagdbezirke daher nicht mehr neu verpachtet und greife stattdessen über die Vergabe von „Pirschbezirken“ in das Jagdgeschehen ein.

Wolf hat keinen nennenswerten Einfluss auf den Wildbestand

Mit der Umstellung habe die Zahl der erlegten Rehe im Jagdjahr 2024/2025 stark erhöht werden können und liege damit im Stadtwald auf dem Niveau des angrenzenden Staatswaldes. Der Wolf habe „keinen nennenswerten Einfluss“ auf den Wildbestand im Stadtwald, sagte Georg Pieper auf Nachfrage aus dem Ausschuss. Bei den Umweltverbänden stößt das Vorgehen aber weiter auf Kritik.

Achim Baumgartner, Vorsitzender des BUND Rhein-Sieg, erklärte auf Anfrage dieser Zeitung zu den aktuellen Zahlen: Sie belegten, was in der Fachliteratur regelmäßig dargestellt werde: „Rehe nutzen hervorragendes Nahrungsangebote wie die üppig mit vielfältigen Pflanzen bewachsenen Kahlschlagflächen. Jagd in der bei uns ausgeübten Form steuert den Bestand der Rehe nur unzureichend.“

Hohe Abschusszahlen führten zu viel vermeidbarem Tierleid und hoher Störungsintensität der Lebensräume (gerade auch im FFH-Schutzgebiet wie dem Siebengebirge), aber weder zur wirksamen Vergrämung nachrückender Tiere noch zu einem verbesserten Schutz von Forstpflanzen.

Baumgartner: „Die vom Forstbetrieb Bad Honnef für nötig erachtete intensive Jagd mit elf Revieren und viel mehr Menschen, die mit der Jagd dort betraut sind, ist ein ebenso antiquiertes Forstverständnis wie die Idee es gewesen ist, man könne durch einen Masseneinschlag der Fichte die Borkenkäfer bekämpfen.“ Man müsse stattdessen zu naturschutzfachlichen Konzepten kommen und „die Naturschutzziele im Siebengebirge in den Fokus der Bemühungen“ stellen.

Versuch, den Fichtenkahlschlag aufzuhalten, scheiterte vor Gericht

Der BUND hatte schon 2019 versucht, den großflächigen Fichtenkahlschlag im Siebengebirge aufzuhalten. Der Naturschutzbund und die Kreisverwaltung waren bis zum Oberverwaltungsgericht nach Münster gezogen. Das OVG hatte sich in seinem Urteil aber der Argumentation des Rhein-Sieg-Kreises angeschlossen, dass das Fällen der befallenen Bäume selbst dem Naturschutz des Gebietes diene und dass allein durch den Einschlag der Borkenkäferbestand noch zu lenken sei.

Im Ausschuss in Bad Honnef würdigte dessen Mitglied Stephan Schütte, der langjährige Chef des Regionalforstamtes Rhein-Sieg-Erft, der inzwischen pensioniert ist, Förster Georg Pieper als „einen der bedeutendsten Klimaschützer der Stadt“.