Meine RegionMeine Artikel
AboAbonnieren

Verkehrswende in DeutschlandSind Solarautos das nächste große Ding?

Lesezeit 8 Minuten
Beim Rennen der solarbetriebenen Autos in der australischen Wüste fuhr am Montag der Wagen der Hochschule Bochum an der Spitze mit.

Beim Rennen der solarbetriebenen Autos in der australischen Wüste fuhr am Montag der Wagen der Hochschule Bochum an der Spitze mit.

Solarautos könnten die Zukunft der Elektromobilität prägen. Kosteneffizienz und Umweltvorteile sind überzeugende Argumente für ihre Verbreitung.

Er könnte glatt aus einem Science-Fiction-Film kommen, der Aptera. Die Karosserie tropfenförmig, die Räder beinahe triebwerkartig verkleidet, das Lenkrad wie aus einem Passagierjet. Und, vor allem, „angetrieben durch die Sonne“. So bewirbt der gleichnamige US-Hersteller seinen jüngst auf der Elektronikmesse CES als serienreif präsentierten Stromer vollmundig. Bis Jahresende soll das Solarauto auf den Markt kommen, für einen mehr als konkurrenzfähigen Preis: die Basisvariante für rund 28.000 Euro. Willkommen in der Zukunft. Oder?

Was auf den ersten Blick so futuristisch daherkommt, ist in Bochum in gewisser Weise kalter Kaffee: Dass Solarautos funktionieren, stellten Studenten der dortigen Hochschule mehr als 20 Jahre lang unter Beweis. Mit den von ihnen konstruierten Karren nahmen sie an Meisterschaften teil, begeisterten die Szene – und setzten mit dem 2007 gebauten „SolarWorld No.1“ einen Meilenstein; einem Auto, das dem Aptera durchaus ähnelt. Zumindest von außen.

Zwei Sion-Autos fahren eine Straße entlang. Das Solarauto-Projekt Sion ist gescheitert.

Zwei Sion-Autos fahren eine Straße entlang. Das Solarauto-Projekt Sion ist gescheitert.

In einer Tiefgarage in einer Südbochumer Wohngegend klappt Matthias Drossel das quietschgelbe, stromlinienförmige Gefährt auf. Innen ist der „No.1“ rustikal gehalten. Funktionalität schlägt Bequemlichkeit – wie bei allen Solarstromern, die an der Hochschule im Laufe der Jahre entstanden. Sie seien eben von Studenten zusammengebastelt worden, die zuvor nie ein Auto gebaut hatte, sagt Drossel. Er muss es wissen: Er war selbst einer dieser Studenten. Und ist mit einem der Solarcars sogar um die Welt gefahren. 13 Monate lang, 30.000 Kilometer weit. „Das Auto hat standgehalten, das Begleitfahrzeug, ein SUV, nicht“, erinnert sich Friedbert Pautzke.

Mit „rollender Tischtennisplatte“ in den weltweiten Wettbewerb

Der Professor am Institut für Elektromobilität trieb zur Jahrtausendwende das Solarcar-Projekt der Bochumer Hochschule voran, zu einer Zeit, als kaum jemand E-Autos auf dem Schirm hatte. „Ich wollte zeigen, dass Elektromobilität möglich ist und dass Sonnenenergie ein großes Potenzial hat, mit dem sich sogar Autos antreiben lassen“, sagt er rückblickend. „Das haben damals fast alle Fachleute bezweifelt – so ähnlich wie es in den 80er-Jahren mit den Windrädern war, als von angeblichen Fachleuten behauptet wurde, sie könnten nicht genügend Strom erzeugen.“

Also ging er mit seinen Studenten ans Werk. Das Ziel: Teilnahme an der Solar World Challenge, eine alle zwei Jahre stattfindende 3000-Kilometer-Rallye durch Australien und so etwas wie die halboffizielle Weltmeisterschaft der Solarautos. Ab 2003 zunächst mit dem „HansGo!“, eine Art „rollende Tischtennisplatte“, wie Pautzke das Gefährt beschreibt. So hätten seinerzeit fast alle Solarautos ausgesehen, der Fahrer steuerte im Liegen, nur der Kopf ragte zwischen den Panels hervor. Einen Unfall mag man sich mit diesen Gefährten lieber nicht ausmalen.

Die Technik war um so ausgefeilter. Und teuer: Rund eine halbe Million Euro stecke in jedem ihrer Fahrzeuge, sagt Drossel. Immerhin kamen Solarzellen zum Einsatz, die auch auf der Raumstation ISS verwendet werden; Kohlefaser-Karosserien dienen der Gewichtsersparnis, und wegen des Windwiderstands werden Außenspiegel durch Kameras ersetzt. Zu schaffen war das nur mit Sponsoren. Wie eben dem Solarkonzern SolarWorld.

Solarautos: „No.1“ in Australien am Start

Als die Bochumer 2007 mit dem bahnbrechenden „No.1“ in Australien an den Start gingen, reichte es zwar nicht fürs Siegertreppchen. Aber die Presse habe sich fast nur für ihren ungewöhnlichen Solarflitzer interessiert, sagt Pautzke. Der Design-Preis war dem Wagen sicher – und das Ende der Tischtennisplatten-Ära besiegelt, zumindest in Bochum. Alle folgenden Solarcars aus der Hochschulschmiede sahen auch aus wie Autos. Und haben eine Straßenzulassung. Demnächst müssen sie, wie jeder andere Wagen auch, zur Hauptuntersuchung.

Dass auch der Aptera auf die deutschen Straßen kommt und ein Erfolg wird, dafür will unter anderem Jochen Mehrle sorgen. Mit einigen Mitstreitern rührt der Münchner Unternehmensberater und überzeugte E-Auto-Fahrer über eine Website und einen Youtube-Kanal kräftig die Werbetrommel und setzt sich dafür ein, dass das Modell in Deutschland eine normale Typenzulassung bekommt.

Finanzielle Interessen verfolge er dabei nicht, sagt Mehrle. Was dann? „Für mich muss ein Auto sicher sein, es muss Spaß machen und es muss wirtschaftlich sein – in dieser Reihenfolge.“ Viele Autos seien heute bereits sehr sicher, Spaß mache Elektromobilität ohnehin. Und was die Wirtschaftlichkeit betreffe: „Wenn ich jetzt die Möglichkeit habe, ein Auto zu fahren, das meine Bedürfnisse beruflich und privat erfüllt und ich fast keine Energie tanken muss, aber trotzdem 700, 800 Kilometer durchfahren kann, dann ist das super – und dann will ich das haben.“

Solarautos contra SUV-Riesen

Was er nicht mehr haben will, sind „Windschieber“ – also „große SUVs, die 70, 80 Prozent ihrer Energie brauchen, um einfach nur den Wind aus dem Weg zu bekommen“, sagt Mehrle. Tatsächlich sind Solarautos das direkte Gegenteil von „Windschiebern“: Sie sind auf möglichst geringen Windwiderstand ausgelegt, um die Energieeffizienz zu steigern. Das erklärt auch die Ähnlichkeit zwischen dem studentischen „SolarWorld No.1“ und dem High-Tech-Aptera: Beide basieren auf einer stromlinienförmigen Karosserie des italienischen Professors Alberto Morelli.

Aptera ist nicht der erste Autobauer, der versucht, ein Solarauto in Serie zu produzieren. Das an der Technischen Universität Eindhoven entstandene Unternehmen Lightyear begann 2016 mit der Entwicklung eines schnittigen Solar-Viertürers, der auf eine Reichweite von bis zu 1000 Kilometern kommen sollte. Allein die Sonnenenergie sollte täglich 70 Kilometer Fahrleistung ermöglichen, hieß es. „Monatelang ohne Aufladen fahren“, versprach das Unternehmen seinen Kunden.

Nur: Das später in „Lightyear Zero“ umbenannte Gefährt sollte 250.000 Euro kosten. Wie viele Menschen diese stolze Summe gezahlt hätten, ist schwer zu sagen: Die zunächst auf knapp 1000 Fahrzeuge ausgelegte Produktion wurde Anfang 2023 nach nur wenigen Wochen eingestellt. Lightyear war das Geld ausgegangen. Auch vom Nachfolger, der noch 2025 für erschwinglichere 40.000 Euro auf den Markt hätte kommen sollen, ist keine Rede mehr. Das Unternehmen fokussiert sich mittlerweile auf reine Solartechnik.

Einen ähnlichen Weg nahm das deutsche Start-Up Sono Motors. Die Entwicklung des Sion, der knapp 30.000 Euro kosten sollte, wurde 2023 trotz 45.000 Reservierungen eingestellt. Das Projekt war laut Hersteller zu ressourcenintensiv, das Unternehmen rutschte vorübergehend in die Insolvenz. Heute bietet Sono als Zulieferer Solarzellen-Nachrüstungen etwa für Kühl-Lkw an.

So viele ungenutzte Dachflächen, die ein Panel eher nötig hätten

Und das, sagt der Bochumer Professor Pautzke, sei vermutlich die erfolgversprechendste Art, diese Technik an Fahrzeugen zu nutzen. „Ein Serienfahrzeug mit Solarpanel macht aus meiner Sicht keinen Sinn“, sagt der Solarauto-Pionier, und das sagen auch seine früheren Studenten, die an diesem kalten Januartag in der Tiefgarage an den Wagen herumbasteln. Es gebe noch so viele ungenutzte Dachflächen, die man mit Solaranlagen bestücken sollte, bevor man an Autos denke, sagt Drossel.

Das sieht auch Pautzke so, und außerdem sei das Sonnetanken im Alltag wenig praktikabel: „Ein Auto steht in der Regel nicht in der Sonne, sondern in einer Garage, im Carport oder sonstwie im Schatten“, sagt er. Von der Vorstellung eines Autos, das nie ans Ladekabel muss, weil es sich auch während der Fahrt quasi nebenher selbst volltankt, müsse man sich ohnehin verabschieden. Für den laufenden Normalbetrieb reicht die Sonnenenergie, die sich auf der Fläche eines Fahrzeugs gewinnen lässt, nicht aus, erklärt der Professor.

Man möchte gedanklich hinzufügen: schon gar nicht im trüben Deutschland. Aber ganz so illusorisch ist das Szenario eines E-Autos ohne Ladefrust nun vielleicht auch wieder nicht: Für den Raum München habe man laut Mehrle errechnet, dass die Sonnen-Ladeleistung des Aptera in den wärmeren Jahreszeiten für täglich bis zu 45 Kilometer Fahrtstrecke ausreicht, unter besten Bedingungen sogar bis zu 65 Kilometer. Da Deutsche im Schnitt nur rund 35 Kilometer am Tag zurücklegen, ist es theoretisch also durchaus möglich, das Auto monatelang nicht an eine Ladestation hängen zu müssen.

Die es 2012, als die Bochumer Studenten die Welt umrundeten, ohnehin nirgends gab. Um genügend Energie für die Etappe zu bekommen, habe man die Solarpanels frühmorgens in die Sonne gestellt, sagt Drossel: „Erst das Auto, dann das Frühstück.“ Bei tagelangem Dauerregen war daher auch mal Zwangspause angesagt. An guten Tagen wiederum seien auch mal 300 Kilometer Strecke möglich gewesen. Ein Motorradfahrer, der das nicht glauben wollte, sei ihnen mal einen ganzen Tag lang hinterhergefahren, sagt Drossel.

Autos sind echte Hingucker

Faszinierte Blicke bekommen die Vereinsmitglieder heute noch, wenn sie mit ihren Autos ausfahren. Das Solarcar-Projekt an der Hochschule Bochum ist inzwischen allerdings eingestellt: Dass man Autos auch mit Sonne betanken kann, hätten sie schließlich gezeigt, sagt Pautzke. Dass die Solarcars im Straßenverkehr bestehen können, ebenfalls. Es gab nichts mehr zu beweisen.

Was geblieben ist, ist das halbe Dutzend Solarstromer in der Garage des Vereins Bosolar, dessen Mitglieder sich liebevoll um die Autos kümmern. Es wirkt dort gar nicht so viel anders als in einer ganz normalen Schrauberwerkstatt für Oldtimer: Tische mit Werkzeugen stehen herum, an den Wänden stapeln sich Reifen, überall hängen Andenken an frühere Touren. Nur mit Rost hat man hier weniger Probleme, und der typische Öl- und Spritgeruch fehlt. Wie leider auch der legendäre „HansGo!“. Wo der geblieben ist, das weiß niemand.

Und was macht ein Solarauto-Pionier, wenn keine Pionierarbeit mehr nötig ist? Er forsche nun an autonomen Schwärmen, sagt der 65-jährige Pautzke. Was das ist? „Statt einem großen Müllwagen, der durch die Straße fährt, wird es einen Schwarm von 100 kleinen Geräten geben, die selbstständig den Müll einsammeln. Oder automatisch Bäume pflanzen. Oder mit Lasern Unkraut bekämpfen“, erklärt Pautzke: „Das ist für mich noch eine Herausforderung.“

Klingt wieder nach Science Fiction. Aber danach klangen Solarautos vor gar nicht allzu langer Zeit auch.