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Fragen und AntwortenWas von der Empfehlung zum zweiten Booster zu halten ist

Lesezeit 4 Minuten
Boosterimpfung

Symbolbild

  1. Die EU-Kommission rät im Kampf gegen Corona zur vierten Spritze – Ärzte und Virologen mahnen indes zu Geduld.
  2. Dabei spielen auch die Impfstoffhersteller eine Rolle.

Berlin – Die EU-Kommission rät angesichts rasant steigender Corona-Infektionszahlen allen Menschen über 60 zu einer vierten Impfung gegen das Virus. Aber ist die erneute Immunisierung von Risikogruppen wirklich der Schlüssel zur Bekämpfung der Pandemie?

Weil in vielen EU-Ländern die Hospitalisierungsraten in Folge von Corona-Infektionen wieder steigen, schlägt die EU-Kommission Alarm und fordert eine zweite Booster-Impfung für alle Menschen über 60. Ärztepräsident Klaus Reinhardt und Virologe Klaus Stöhr bremsen allerdings. Auch die Aussicht auf neue Impfstoffe könnten angesichts neuer Virus-Varianten mit Blick auf den Herbst ein Argument gegen voreilige Impfungen sein.

Wer sollte sich schon zum vierten Mal impfen lassen?

Das Ziel der Impfkampagne in Deutschland ist es, schwere Verläufe, Hospitalisierungen und Todesfälle sowie Langzeitfolgen durch Covid-19 in der Bevölkerung so weit wie möglich zu reduzieren, aber nicht jede Ansteckung zu verhindern. Dafür ist es wichtig, dass sich Menschen über 70 Jahre und Patienten mit Immunschwäche und schweren Vorerkrankungen möglichst ein viertes Mal zu impfen, sagt Ärztepräsident Klaus Reinhardt im Gespräch mit unserer Redaktion. Und genau so empfiehlt es auch die Ständige Impfkommission schon seit einer ganzen Weile. Ein zweiter Booster wird auch Pflegeheimbewohnern und medizinischem Personal geraten. Eine neue Empfehlung will die Stiko nach Angaben ihres Chefs Thomas Mertens „relativ bald“ vorlegen.

Ärzteverbände für telefonische Krankschreibung

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ist für eine Rückkehr zur telefonischen Krankschreibung – unabhängig von Corona. Man habe diesen Vorschlag bereits in die Beratungen des Gemeinsamen Bundesausschusses eingebracht, sagte KBV-Vizechef Stephan Hofmeister. Das Gremium ist mit Vertretern der Ärzteschaft, der Krankenkassen und der Krankenhäuser besetzt und entscheidet in solchen Fällen.

Auch der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, nannte es angesichts vieler Erkältungs- und Corona-Erkrankungen „ein echtes Ärgernis“, dass die telefonische Feststellung der Arbeitsunfähigkeit (AU) nicht in die Regelversorgung übernommen worden sei. „Die Telefon-AU würde für eine echte Entlastung sorgen“, sagte er.

Seit dem 1. Juni müssen Patienten für eine Krankschreibung wieder in die Praxis oder in eine Videosprechstunde gehen. Bei leichten Erkrankungen der oberen Atemwege hatte während der Pandemie bis 31. Mai gegolten, dass dies für sieben Tage auch nach nur telefonischer Rücksprache möglich war. (dpa)

Was will die EU-Kommission?

Die Europäischen Gesundheitsbehörden ECDC und EMA schlugen am Montag vor, dass schnellstmöglich alle Menschen ab 60 Jahren zum zweiten Mal geboostert werden, und rief die Mitgliedstaaten auf, das zu ermöglichen. Durch die Viertimpfung für diese Gruppe „ab jetzt“ werde „eine bedeutende Zahl an Hospitalisierungen und Todesfällen wegen Corona verhindert“, sagte ECDC-Direktorin Andrea Ammon in Brüssel. Sie verwies auf steigende Hospitalisierungsraten in vielen EU-Ländern, was vor allem auf die neue Omikron-Variante BA.5 zurückzuführen sei. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides rief die Mitgliedstaaten auf, „umgehend eine zweite Boosterimpfungen für alle ab 60 und besonders gefährdete Personen anzubieten“, und sie appellierte an diese Gruppen, das Angebot auch anzunehmen.

Wie reagieren Ärzte und Virologen?

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer bremst: „Ob generell allen Menschen ab 60 Jahren ein zweiter Booster empfohlen werden soll, muss die Ständige Impfkommission auf Grundlage nationaler und internationaler Studien ständig neu bewerten“, sagte er. „Dafür ist es wichtig, die Datenlage zur Effektivität der vierten Impfung in Deutschland und in der EU weiter auszubauen.“ Reinhardt verwies darauf, dass bei immungesunden Menschen unter 70 Jahren das Risiko schwerer Verläufe auch bei zeitlichem Abstand zum letzten Booster „vergleichsweise gering“ bleibe – der Nutzen einer neuen Boosterkampagne wäre also begrenzt.

Der Virologe und frühere WHO-Direktor Klaus Stöhr rief explizit von einer sofortigen Viertimpfung für alle ab 60 Jahren ab. „Wer nach dem, 2. Booster jetzt für alle ruft, sollte sich klar sein, dass im Herbst die Wirkung weitestgehend verpufft ist. Aber gerade dann wird für die Vulnerablen eine Auffrischung benötigt, wegen des hohen Infektionsdrucks und großer Infektionswahrscheinlichkeit im Winter.“ Dann brauche es für alle jetzt nochmal geboosterten schon in wenigen Monaten eine fünfte Impfung. „Das ergibt keinen Sinn!“

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Stöhr empfiehlt deswegen allen Menschen unter 70 Jahren ohne Vorerkrankungen, mit dem zweiten Booster bis zum Herbst zu warten. Denn eine Viertimpfung bei den gesunden Jüngeren reduziere auch nicht das Risiko für schwere Erkrankungen, sagte der Epidemiologe, der im Sachverständigenrat von Bundestag und Bundesregierung zur Bewertung der Corona-Maßnahmen saß.

Was ist mit den neuen Impfstoffen?

Für ein Abwarten spricht auch, dass sowohl Biontech als auch Moderna ihre mRNA-Impfstoffe weiterentwickelt haben, sodass sie wirksamer vor Ansteckung und schweren Verläufen bei der Omikron-Mutante schützen. Die EU-Behörden prüfen gerade die Daten. Eine Zulassung könnte noch im September erfolgen. Biontech teilte Ende Juni mit, die angepassten Impfstoffe hätten eine „deutlich höhere“ Schutzwirkung gegen die BA.1-Mutante, bei BA.4 und BA.5 in einem „geringeren Umfang“. Allerdings sitz der Impfstoffhersteller schon an der nächsten Optimierung.

Auch die Ärzteorganisation Marburger Bund mahnte daher kürzlich noch zu Geduld bei den zweiten Boosterimpfungen. Klar ist: Die Ständige Impfkommission muss noch einige Fragen klären, bis sie ihre neue Empfehlung in Bezug auf die Booster vorlegen wird.