Der Präsident der Bundesärztekammer fordert das Kiff-Verbot zurück, während es weiterhin ambivalente Meinungen innerhalb der deutschen Gesellschaft gibt.
Cannabis-LegalisierungWarum der Ärztepräsident das Kiffen wieder verbieten will

Kritisiert die Legalisierung von Cannabis: Klaus Reinhardt.
Copyright: dpa
Seit dem 1. April vergangenen Jahres dürfen Erwachsene in Deutschland kiffen. Zum 1. Jahrestag der Teil-Legalisierung von Cannabis (umgangssprachlich: Bubatz) – und mit Blick auf die laufenden Koalitionsverhandlungen von Union und SPD – ist eine Debatte über die Rückkehr zum Joint-Verbot entbrannt. Die vier wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema:
Wer darf wo kiffen, Cannabis kaufen und verkaufen?
Für alle unter 18 Jahren war und ist das Rauchen von Joints in Deutschland verboten. Erwachsene dürfen aber seit zwölf Monaten konsumieren, allerdings müssen sie dabei Abstand etwa zu Schulen halten. Ob in Raucherkneipen, die auch erst ab 18 zugänglich sind, gekifft werden darf oder nicht, ist nicht einheitlich geregelt. Erwachsenen ist auch der Besitz von bis zu 50 Gramm Cannabis erlaubt, genug für etwa 160 ganz ordentliche „Tüten“, wie Joints auch genannt werden. Mit dem Anbau von bis zu drei Pflanzen in der Wohnung ist das nicht zu schaffen. Der Kauf des Stoffs ist deswegen eines der ungelösten Probleme. Weil die erst seit dem 1. Juli erlaubten Cannabis-Vereine den Bedarf – nicht zuletzt wegen der vielen Auflagen – nicht decken können, ist die Legalisierung bis auf Weiteres ein Konjunkturprogramm für Dealer.
Wer will das Kiffen wieder verbieten?
Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, setzte sich im Gespräch mit unserer Redaktion ganz vehement für ein Verbot ein: „Aus ärztlicher Perspektive sollte die Cannabis-Legalisierung wieder rückgängig gemacht werden. Den Konsum in dieser Form zu erlauben, ist eine Gefährdung für die Jugend“, sagte er, und weiter: „Es war und bleibt ein Irrglaube, dass man mit dieser Form der Legalisierung Gesundheitsschäden reduziert. Es ist politisch absolut unverantwortlich, diese Fakten zu unterschlagen und nicht zu handeln!“
Auch die CSU will das Verbot zurück. Die Hoffnung, mit der Cannabis-Legalisierung den Schwarzmarkt zurückzudrängen, habe sich als „total trügerisch“ erwiesen, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Die Innenminister alle Bundesländer seien sich da einig. In der gesamten Bevölkerung wollen 38 Prozent das Kiffen wieder verbieten.
Wer verteidigt die Cannabis-Legalisierung?
Ebenfalls 38 Prozent der Bevölkerung sind für die Beibehaltung. Und, was auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag: viele Richter und Staatsanwälte. Denn die Entlastung der Justiz durch die Entkriminalisierung sei „nicht unerheblich“, sagte Staatsanwalt Simon Pschorr von der Neuen Richtervereinigung (NRV). Und er warnt: Bei einer Rückkehr des Verbots könnten auf den Staat enorme Entschädigungszahlungen zukommen, weil Cannabis-Clubs ihre Investitionen zurückverlangen würden. Selbst die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hielte es für falsch, die Reform „komplett zu beerdigen“, so ihr Vize Alexander Poitz.
Wie geht der Streit ums Kiffen denn nun aus?
Die Koalitionäre haben das Kiffer-Thema bislang umschifft. Im Dokument der AG Gesundheit tauchte das Wort Cannabis nicht auf. Ganz allgemein heißt es dort: „Wir ergreifen geeignete Präventionsmaßnahmen, um insbesondere Kinder und Jugendliche vor Alltagssüchten zu schützen.“
Nach Einschätzung von Ärztepräsident Reinhardt kann das nur auf eine Entscheidung hinauslaufen. Er hat sich Auswertungen aus Kanada angeschaut, wo der Konsum schon vor sieben Jahren legalisiert wurde. „Man wollte uns glauben machen, dort und anderswo habe sich die Legalisierung nicht negativ ausgewirkt. Aber den Daten zufolge ist die Cannabisabhängigkeit mit einem bis zu sechsfach erhöhten Sterberisiko verbunden. Die Konsumenten starben unter anderem häufiger an Suiziden, Unfällen und am Gebrauch anderer Drogen“, sagt er.
Verwunderlich sei das übrigens nicht, denn die Entwicklung des Gehirns sei bis zum 25. Lebensjahr noch nicht abgeschlossen, der Konsum von Cannabis könne die Prozesse negativ beeinflussen, so der Mediziner. „Dadurch steigen die Risiken für das Auftreten von Psychosen, Depressionen oder Angststörungen signifikant.“