Von Hassfigur zum LieblingEx-Bamberger Ensminger hat von 2009 - 2013 Herzen erobert

Besondere Ehrung: Beim BBL-Allstar-Spiel 2010 in Bonn wird Ensminger zum MVP (wertvollsten Spieler) gewählt.
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Bonn – Wie kein Zweiter hat er die Fans polarisiert. War verhasst beim Gegner, geliebt im eigenen Team. So kann es nicht ausbleiben, dass Chris Ensminger auch die Bonner Fans in zwei Lager spaltet, als er 2009 als 35-Jähriger zu den Telekom Baskets wechselt. Die einen sind entsetzt, die Hassfigur der Liga jetzt im magentafarbenen Trikot zu sehen, die anderen begeistert, dass einer der besten Center die Karriere in Bonn beenden will.
Als er vier Jahre später im Mai 2013 im Foyer des Telekom Domes verabschiedet wird, zeigt sich, dass er die Herzen seiner Gegner längst erobert hat – und dass der eisenharte Kämpfer auch eine ganz weiche Seite hat: Als er sich für die jahrelange Unterstützung bedankt, versagt ihm die Stimme, auch viele der Fans haben feuchte Augen, als sie ihm minutenlang applaudieren. Es ist einer der großen Momente in der an emotionalen Szenen nun wirklich nicht armen Baskets-Historie.
Fünf Jahre in Folge der beste Rebounder der BBL
Dass der 1973 in Cincinnati/Ohio geborene US-Amerikaner vor allem in seinen sieben Jahren in Bamberg zum roten Tuch für die gegnerischen Fans wird, hat zwei Gründe: Der 2,08 Meter lange Hüne geht in seinem körperlichen Einsatz immer an die Grenzen, schont weder sich noch Gegenspieler. Und: Er ist über Jahre der beste und konstanteste „Big Man“ der BBL.

Abklatschen nach dem Spiel: Ensminger erobert mit seinem Einsatz auch die Herzen der Baskets-Fans, die beim Wechsel 2009 noch dem alten Feindbild aus Bamberger Tagen nachhängen.
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Fünf Jahre in Folge (2001 bis 2005) ist er bester Rebounder der Liga, erzielt auch fünfmal ein statistisches Double-Double (zweistelliger Schnitt an Punkten und Rebounds) – ein unerreichter Rekord. Genau wie die 4093 Rebounds, mit denen er diese „ewige“ BBL-Statistik klar anführt vor John Bryant (2879) und Derrick Allen (2574). „Harte Arbeit und Entschlossenheit machen einen guten Rebounder aus. Es ist entscheidend, unerbittlich zu sein“, hat er selbst mal als Erfolgsgeheimnis formuliert.

Ging keiner Konfrontation aus dem Weg: Ensminger im Bamberger Trikot (r.) gegen Baskets-Spieler Aleksandar Zecevic.
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Mit 485 BBL-Spielen in 14 Erstligajahren ist er zudem bei den Dauerbrennern die Nummer vier hinter Alex King (577), Immanuel McEllroy (512) und Rickey Paulding (504). Dass er auch bei den Fouls mit 1476 die Spitze einnimmt, hat sein Image als „Bad Boy“ zementiert und provoziert in fremden Hallen bei jedem Pfiff gegen ihn einen ohrenbetäubenden Chor mit „Ensminger raus!“-Rufen. Dabei ist er aber „Täter“ und „Opfer“ zugleich: Mit 1322 verwandelten Freiwürfen führt er bis heute eine dritte BBL-Kategorie an.
Mit seinen Qualitäten hat „Mister Rebound“ aber entscheidenden Anteil daran, dass Bamberg 2005 und 2007 seine ersten Meisterschaften feiert. Schon in der folgenden Saison sinkt im Frankenland aber der Stern des kantigen Riesen, der als Center der alten Schule ein „Turm in der Schlacht“ ist – das moderne Centerspiel mit mobilen Innenspielern, die auch von außen werfen, ist nicht sein Ding. Seine Einsatzzeiten sinken, seine Statistiken zwangsläufig auch. Im Sommer 2008 teilt ihm Bambergs neuer Coach Chris Fleming mit, dass der Club ihm keinen neuen Vertrag anbieten werde – mit 34 Jahren ist Ensminger auf Jobsuche.

Beim Rebound entschlossen zugepackt: Chris Ensminger (M.) führt die „ewige“ BBL-Statistik mit 4093 Rebounds mit weitem Abstand an.
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Zeitgleich sind die Telekom Baskets im September 2008 plötzlich auf Centersuche. Denn John Bowler zieht sich in der Saisonvorbereitung eine schwere Knieverletzung zu, was eine Nachverpflichtung nötig macht. „Ense“ ist auf dem Markt und im Blick. Aber die Bonner zucken angesichts des Feindbildes zurück: „Das können wir unseren Fans nicht vermitteln“, sagt Sportmanager Andreas Böttcher am Rande des Vorbereitungsturniers in Bad Neuenahr.

Emotionaler Moment: Als Ensminger nach vier Jahren in Bonn im Mai 2013 seine Karriere beendet, hat der Hüne Tränen in den Augen.
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Wenige Tage später verpflichten die Baskets mit Ken Johnson einen spektakulären Shotblocker, der dann bis zum Ende der Saison bleibt, die in Oldenburg mit der traumatischen 70:71-Niederlage im fünften Finale von 2009 endet. So angelt sich Aufsteiger Paderborn im Oktober 2008 Ensminger – dort beweist er, dass er nichts verlernt hat. Mit 11,1 Punkten und 9,6 Rebounds führt er die Ostwestfalen sensationell ins Play-off-Viertelfinale, in dem Paderborn den Titelverteidiger Berlin über die volle Distanz fordert und nur mit 2:3 scheitert.
Hätte es mit Ensminger 2009 zum Titel gereicht?
Danach, im Sommer 2009, greifen die Baskets doch zu. „Ihr könnt Euch auf 100 Prozent Ensminger verlassen“, wird der Neuzugang in der Pressemitteilung zitiert, mit der die Bonner den Zweijahresvertrag bekanntgeben. Die Baskets selbst sprechen von einem „gelungenen Coup“ und von Ensminger als „bestem Center der Liga“. Das klingt wie ein Eingeständnis, dass es ein Fehler war, genau diesen „Coup“ ein Jahr zuvor verpasst zu haben. Wie wären die Play-offs 2009 für die Baskets wohl mit Ensminger verlaufen? Hätte es mit ihm zum ersten Titel gereicht? Es wird immer eine Spekulation bleiben . . .
Statistik
Chris Ensminger spielt von 1999 bis 2013 für vier Bundesligavereine: den Mitteldeutschen BC (1999 bis 2001) Bamberg (2001 bis 2008), Paderborn (2008/09) und die Telekom Baskets (2009 bis 2013). Dabei ist er von 2001 bis 2005 bester Rebounder der Liga, in neun Spielzeiten kommt er auf einen zweistelligen Punkteschnitt:
Mitteldeutscher BC:
99/00: 12,4 P. und 8,8 R.
00/01: 14,4 P. und 10,6 R.
Bamberg:
01/02: 14,2 P. und 11,5 R.
02/03: 12,2 P. und 12,3 R.
03/04: 11,8 P. und 11,0 R.
04/05: 11,3 P. und 11,3 R.
05/06: 9,8 P. und 7,8 R.
06/07: 8,8 P. und 6,4 R.
07/08: 5,4 P. und 3,7 R.
Paderborn:
08/09: 11,1 P. und 9,6 R.
Baskets Bonn:
09/10: 12,8 P. und 8,6 R.
10/11: 12,4 P. und 8,1 R.
11/12: 14,8 P. und 7,6 R.
12/13: 8,0 P. und 4,9 R. (MK)
Der Vertrag für Ensminger wühlt manche Baskets-Anhänger zutiefst auf. Fans der ersten Stunde drohen damit, ihre Dauerkarte zurückzugeben, vereinzelt geschieht dies auch. Aber dann passiert, was zu erwarten war: Der Vorzeigeprofi Ensminger bringt auch im Baskets-Trikot seine Leistung, überzeugt die Skeptiker mit jedem Spiel mehr – und schafft den Wandel von der Hassfigur zum Publikumsliebling. Bis zuletzt ist er ein absoluter Leistungsträger (2011/12 kommt er auf 14,8 Punkte und 7,6 Rebounds), auch weil er seit Jahren Yoga, Kraftübungen und Gymnastik ins Training einbaut.
Erst in Bonn stellt er seine Freiwurfschwäche ab
Zudem arbeitet er unermüdlich an seinen Schwächen: Kam er an der Freiwurflinie jahrelang nur auf eine Quote von 50 bis 60 Prozent (2002/03 Minuswert 42,6 Prozent), steigert er sich in Bonn mit Hilfe von Trainer Mike Koch plötzlich auf 75 Prozent. Er experimentiert sogar damit, die Wurfhand zu wechseln und an der Linie mit links zu werfen.
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Zum späten Höhepunkt wird 2010 das Allstar-Spiel der BBL in Bonn: mit 16 Punkten, neun Rebounds und drei Assists wird Ensminger zum MVP (wertvollsten Spieler) gewählt, krönt den Abend mit einer Rarität in seiner Karriere: einem Drei-Punkte-Wurf. 2014 gastiert das Allstar-Spiel erneut im Telekom Dome. Die Liga ehrt den 40-Jährigen, der siebenmal zum Allstar nominiert wurde und inzwischen die Trainerkarriere eingeschlagen hat, als Überraschungsgast. Auf die Frage, ob ihn die jahrelangen Schmährufe von den Tribünen belastet haben, lächelt er still: „Im Gegenteil, ich habe daraus Motivation gezogen und sie in positive Energie umgewandelt.“