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"Wohnen im Alter" in SiegburgSenioren-WG mit besonderem Flair

Lesezeit 3 Minuten

Siegburg – „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ heißt ein Kinofilm mit Daniel Brühl. Befreundete Pensionäre tun sich zur Wohngemeinschaft zusammen, und Star-Schauspieler Brühl schlüpft in die Rolle des Pflegers. Sechs Menschen aus Spich haben genau das im echten Leben getan: Sie und ihre Angehörigen haben gemeinsam ein Haus gemietet. Nicht ganz freiwillig zunächst, sondern weil der Träger ihres ehemaligen betreuten Wohnens in Troisdorf-Spich Insolvenz anmelden musste.

Danach sind sie auf die Suche nach einer geeigneten Unterkunft gegangen. „Das war nicht ganz leicht“, erzählt die Pflegerin Nicole Rybczynski, die von Anfang an dabei war, von Besichtigungsterminen etwa der ehemaligen Iranischen Botschaft. Das war toll, aber unbezahlbar. Doch dann fanden sie ein frei stehendes Haus an der Lessingstraße mit großzügigem Treppenhaus für den einzubauenden Lift und mit einem Garten, der sogar schon über barrierefreie Wege verfügte. Eine Trockenbauwand wurde zusätzlich eingezogen, damit sechs Bewohner Platz finden konnten: das Ehepaar Kaster zu zweit in einem großen Raum mit Balkon, alle anderen in Einzelzimmern.

Fünf Vollzeitkräfte

Im Dezember 2013 zogen die ersten Bewohner ein. Hier werden sie nicht von nur einem Leinwandhelden, sondern von fünf Vollzeitkräften und zwei zusätzlichen Aushilfen professionell versorgt. Logopädin oder Ergotherapeutin, auch die Hausärztin oder die Fußpflegerin kommen zusätzlich ins Haus. Und doch ist die Atmosphäre ganz anders als in einem Heim. „Wir wollen hier gerade keine Einrichtung sein“, sagt Nicole Düppenbecker, die Leiterin des Pflegeteams.

Häuslich soll die Atmosphäre sein, sich von der eines Heims ganz deutlich unterscheiden. Obwohl das Team auch schwere Pflegefälle betreut, die etwa in der Nacht mehrfach gelagert werden müssen. Nicole Düppenbecker hat ursprünglich eine Ausbildung zur Bauzeichnerin absolviert. Doch als sie ihre Oma auf dem letzten Weg begleitet hatte, entdeckte sie ihre Freude an der Altenpflege. Und sattelte um. Nach einer schwierigen Pilotphase in der Siegburger Senioren-Wohngemeinschaft war klar, dass es eine Person braucht, bei der die Fäden für die Rundum-Betreuung zusammenlaufen und die auch finanziell Verantwortung für die Arbeitsverträge übernimmt. Um die Betreuung in der Lessingstraße dauerhaft gewährleisten zu können, hat Nicole Düppenbecker deshalb ein Unternehmen nur für dieses Siegburger Haus gegründet. „Mehr wollen wir gar nicht machen“, erklärt sie, „dann würde das Flair dieser WG verloren gehen.“ Die Ungezwungenheit, mit der alle gemeinsam am großen Tisch im Esszimmer sitzen können – aber nicht müssen, wenn ihnen nicht nach Gesellschaft ist.

Die Freiheit, mit den anderen zu frühstücken oder doch lieber auf dem eigenen Zimmer die erste Mahlzeit einzunehmen. Die Möglichkeit, beim Kochen zu helfen, Kartoffeln zu schälen, in die Töpfe zu schauen. Oder sich gleich selbst die Schürze umzubinden, wie Gustav Kaster, der öfter mal Hausmannskost für alle zubereitet. „Rippchen mit Püree“, sagt er, macht er besonders gern. Für das kulinarische Kontrastprogramm sorgt dagegen Pflegekraft Laure Denkey, die Wurzeln im Togo hat, und Couscous serviert.

Die Bewohner haben auch schon Abschied nehmen müssen: Mit 96 Jahren verstarb die Tante von Karin Heinen, die als pflegende Nichte das Projekt „WG“ von Anfang an begleitet hat. „Ich gehöre hier zum Inventar“, erzählt sie, während sie das Zimmer ihrer Tante ausräumt und will deshalb weiterhin Kontakt halten. Und da wird es Gelegenheit geben, denn „wir feiern hier gerne und viel“, informiert Nicole Rybczinski die neue eingezogene Margarete Tuchel. „Ich habe bald Geburtstag“, lädt sie ein, „da wollen wir angrillen“.