Sechs Kilometer lang war die Strecke, über die der gelbe Wagen durch die grüne Landschaft bei Much-Berzbach rollte.
Copyright: Klaus Heuschötter
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Much – Gertrud Hass aus Troisdorf-Spich hat die 90 längst überschritten. Der Vergangenheit hängt sie nicht nach. Im Gegenteil: „Ich bin nicht so für das Uralte“, sagt die Seniorin. „Es muss immer etwas Neues sein.“ Das gilt sowohl für die Speisenwahl im Restaurant als auch für Unternehmungen.Das stellt ihre Freundin und Nachbarin Manuela Billig, die sich um Gertrud Hass kümmert, bisweilen vor ein Problem. „Stets überlege ich, was ich ihr noch Schönes bieten könnte“, erzählt sie. „Was hat sie noch nicht gesehen, was wäre etwas Besonderes für sie? Und vor allem: Was kennt sie noch nicht?“
Bild der Postkutsche in der Zeitung gesehen
Da war es ein Glück, dass Gertrud Hass ihr im vergangenen Jahr selbst eine Idee lieferte. In dieser Zeitung, die sie regelmäßig liest, hatte sie ein Bild der Postkutsche des Technik- und Bauernmuseums in Much-Berzbach gesehen. „Guck mal, wie interessant“, sagte sie zu Manuela Billig, die sofort die Zügel in die Hand nahm. Im Geheimen buchte sie eine Tour mit der Kutsche als Geschenk zum 93. Geburtstag im Januar. Am Sonntag lösten die beiden Frauen nun den Gutschein ein.
Zwischen ihrer Freundin Manuela Billig und dem Enkel Taryll Dickson nahm Gertrud Hass auf der hinteren Bank in der Oberbergischen Postkutsche Platz.
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„Das war eine echte Überraschung“, sagte Gertrud Hass. In der Tat habe sie noch nie eine Kutschfahrt erlebt. „Ich bin ja im Krieg groß geworden.“ Aus Moers am Niederrhein stammend, verschlug es die Mutter zweier Kinder nach Stationen in Hamburg und Schleswig-Holstein ins Rheinland. In Spich ist Manuela Billig schon seit Jahrzehnten ihre Nachbarin und mittlerweile, nachdem Gertrud Hass’ Mann gestorben ist, auch ihre Betreuerin.
Die beiden Frauen stiegen freilich nicht nur zu zweit in die Postkutsche. Für den Ausflug hatte Manuela Billig sechs weitere Freundinnen und Nachbarinnen zusammengetrommelt. Mit von der Partie war außerdem Taryll Dickson, ein in Berlin lebender Enkel von Gertrud Hass, der gerade zu Besuch war. Die Großmutter imponiert dem 24-Jährigen: „Eine coole Frau, jung geblieben. Das würde nicht jede 93-Jährige mitmachen“, befand er, als das Grüppchen voller Vorfreude vor dem Bauernmuseum stand.
Die beiden tonnenschweren Kaltblüter Nico (links, 10) und Max (15) zogen die Kutsche.
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Zunächst ging es noch einmal ins Auto und ein Stück bergauf. Damit es die Pferde leichter haben, beginnt die sechs Kilometer lange Kutschfahrt oberhalb von Berzbach. Dorthin hatte Museumsleiter Karl-Josef Haas die Oberbergische Postkutsche – ein Nachbau nach historischem Vorbild aus dem Jahr 1972 – mit dem Trecker gezogen.
Auch von Gertrud Hass gab es eine Streicheleinheit für Nico und Max. Günter Löffelsender und seine Tochter Ramona aus Overath spannten die beiden tonnenschweren Kaltblüter vor der Kutsche an. Fröhliche Stimmen und winkende Hände kamen aus dem gelben Wagen, als er sich schließlich in Bewegung setzte mit dem Ziel Berzbach, wo sich die Passagiere später noch und Waffeln auftischen ließen.