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In der Wallonie wie an Swist und AhrFilmdokument der anhaltenden Tragödie in den Flutgebieten

Lesezeit 4 Minuten
Der Film „Après la pluie“ (Nach dem Regen) zeigt aus der Wallonie die gleichen Szenen aus dem Sommer 2021, wie sie hier zu sehen waren und zeichnet die Folgen nach.

Der Film „Après la pluie“ (Nach dem Regen) zeigt aus der Wallonie die gleichen Szenen aus dem Sommer 2021, wie sie hier zu sehen waren und zeichnet die Folgen nach.

Die Regenkatastrophe im Sommer 2021 traf die Menschen in der Wallonie genau wie in der Eifel. Klaus Jansen vom Team Gedenken in Odendorf hat in Düsseldorf die Filmemacher aus Verviers gesprochen

Das braune Wasser steigt in die Wohnungen und zerstört den Besitz der Menschen am Fluss. Wo die Versicherungen zahlen, lauern bereits die Betrüger. Am Ende stehen die Überlebenden ohne alles da, und von der Politik kommen stereotype Worte. Klaus Jansen vom Team Gedenken in Odendorf hat sich in Düsseldorf den Film „Après la pluie“ („Nach dem Regen“) angeschaut, den die beiden Filmemacher Quentin Noirfalisse und Jérémy Parotte drehten, nachdem ihre Heimatstadt Verviers kaum Hilfe in der Politik fand. Und er stellte vor dem Publikum fest, dass von den eigens eingeladenen Mitgliedern des Landesparlaments in Düsseldorf niemand erschienen war.

Jérémy Parotte und Quentin Noirfalisse mit ihrem Film Après la pluie

Jérémy Parotte und Quentin Noirfalisse mit ihrem Film Après la pluie

Den Film, den Jansen im September auch bei einer internationalen Gedenkausstellung in Brüssel im Europaparlament zeigen will, hatten unter anderem das Institut français NRW-Düsseldorf, die Föderation Wallonie-Brüssel und Vertretungen der Wallonie in Berlin und Köln in das Bambi Filmstudio, einem wunderschön restaurierten Programmkino aus dem Jahr 1965, geholt. Zuschauer zeigten sich teils fassungslos, wie Menschen alleingelassen werden und zeigten Unverständnis dafür, dass Unterstützungsgelder schwer zu bekommen sind. 

Der Antrag für Gelder aus einem europäischen Hilfsfonds für nachhaltige strukturelle Veränderungen scheitert daran, dass diese Kommunen nicht mal finanziell in der Lage sind, eine einzige Kraft abzustellen, um die Hercules-Aufgabe zu übernehmen, einen solch umfangreichen Antrag zu verfassen.
Jérémy Parotte, Filmemacher aus Verviers

So berichtete Jérémy Parotte im Talk mit den Film-Besuchern von einer Versammlung der Bürgermeister der betroffenen Kommunen an der Weser, dem Fluss, der auch durch die verarmte Kommune Verviers fließt. „Der Antrag für Gelder aus einem europäischen Hilfsfonds für nachhaltige strukturelle Veränderungen scheitert daran, dass diese Kommunen nicht mal finanziell in der Lage sind, eine einzige Kraft abzustellen, um die Hercules-Aufgabe zu übernehmen, einen solch umfangreichen Antrag zu verfassen.“ Den 2024 nach zweieinhalb Jahren Arbeit veröffentlichten Film zeigte er mit deutschen Untertiteln, und den Talk mit den Gästen absolvierten er und Noirfalisse mithilfe einer Übersetzerin.

Der Film Après la pluie zeigt aus der Wallonie auch dieses teilweise eingestürzte Haus.

Der Film Après la pluie zeigt aus der Wallonie auch dieses teilweise eingestürzte Haus.

Eine Stunde und 23 Minuten lang reiht der Film in typisch französischem Erzählstil unkommentiert und dokumentarisch aneinander, was Betroffene erlebten, und womit sie sich abfinden müssten, wenn sie es denn könnten. Er zeigt auch die Arbeit der Stadtplanerin Paola Viganò in Verbindung mit einer Studie der Universität Lüttich, die betroffenen Städte neu zu ordnen, um dem Wasser innerhalb mehr Raum zu geben und im Einzugsgebiet der Flüsse die Böden auf eine größere Speicherkapazität vorzubereiten – ein extrem langwieriger Umwandlungsprozess, zu dem der anhaltende Klimawandel nach Auffassung der Filmemacher aber zwingt. Und darum beeilten sie sich auch, noch vor der Wahl in der Wallonie mit ihrem Film fertig zu sein. Sie befürchteten, dass die Wahl anderer Mandatsträger den Prozess stoppen könnte. Letztlich gab es, wie Parotte berichtete, in Verviers einen weiteren Rechtsruck und eine Verlagerung des Augenmerks auf Ausländerthemen statt auf den Klimawandel, aber glücklicherweise sei die Arbeit der Städteplanerin fortgeführt worden.

Dem Boden fehlt die Schwamm-Fähigkeit

Der Film zeigt eindrucksvoll die Parallelen zwischen den Flutgebieten in verschiedenen Ländern, stellte Jansen fest, der an die Betroffenen auch in den Niederlanden, Luxemburg, Italien oder Spanien erinnerte. Das lange Warten auf die Politik entkräftet die Menschen, aufzubauen, was vielleicht doch wieder abgerissen werden muss. Zerstören Enteignungen mit Entschädigungen ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Preissteigerungen die Existenz von Menschen? Wie können denn die Wälder oder Wiesen auf den Höhen (wenn sie nicht zugebaut und versiegelt sind) wieder Wasser aufnehmen? Während sich in der Wallonie zeigt, dass die Wiesen wieder Hecken brauchen wie einst und die Aufforstung mit Fichten in Monokultur dem Boden seine Schwammwirkung nahm, dass mehr als 1000 Rückhaltebecken im Fenn nicht reichten, stellen sich Menschen in Swisttal die Frage, wie denn die Hügel und Felder das Wasser besser halten könnten, damit es nicht die Talsperre oder die Bäche samt der Orte daran flutet. Es fehlt die Schwamm-Fähigkeit.

Das auch von den Filmemachern beabsichtigte Gedenken an die Flut und ihre Folgen soll Resilienz zur Abwehr einer Wiederholung der Katastrophe fördern. Klaus Jansen praktiziert in Odendorf immer wieder das Gedenken, indem er an der Flutgedenkstätte neben der alten Kirche eine Kerze entzündet. Immer wieder veröffentlicht er die Identität von Opfern - mit Einverständnis von Angehörigen. Er findet, das Land nehme den Opfern durch das anonyme Gedenken ihre Identität und fördere damit das Vergessen.