Der irische Autor Colum McCann stellte in Köln kurz vor dem Auftakt der lit.Cologne seinen neuen Roman „Twist“ über Unterwasser-Datenkabel und Beziehungsdramen vor.
lit.CologneDas bietet Colum McCanns neuer Roman „Twist“

Der irische Autor Colum McCann
Copyright: Nabil Hanano
Die Wolke liegt am Meeresgrund. Dabei hatte auch Colum McCann die Datenspeicher der Cloud immer über uns vermutet – „in der Luft, als etwas Himmlisches, aus dem dann der schwarze Regen fällt“. Tatsächlich aber handelt sein neuer Roman „Twist“ von jenen Unterwasser-Glasfaserkabeln, durch die 95 Prozent der interkontinentalen Digitaldaten rasen.
Im Gespräch vor seiner lit.Cologne-Lesung erzählt der in New York lebende Ire vom Ursprung des Buchs. „Es war kurz nach der Pandemie, und ich wollte etwas über Heilung schreiben. Wann würde es uns wieder besser gehen? Mir fiel das Wort ,Reparatur’ ein, und irgendwo las ich dann von einem Kabelschiff, das unser Internet repariert. Ein Boot – das Internet?“
Den 60-Jährigen faszinierte schon der Gedanke, „dass unsere Welt unter Wasser gewissermaßen auf den Kopf gestellt ist – es gibt dort Schluchten so tief, wie unsere Berge hoch sind, und unsere Daten rauschen durch eine dunkle Sphäre, über die wir sogar weniger wissen als über Sterne“.
Colum McCann dankt im Nachwort seinem Tauchlehrer
Ein Kabelbruch vor der Kongo-Küste bringt die Story in Gang. An Bord des Reparaturschiffs sind zwei selbst angeknackste Männer: Der wortkarge, mysteriös verschattete Missionschef John Conway und Anthony Fennell, mäßig erfolgreicher, geschiedener und alkoholsüchtiger Autor aus Dublin. „Manche Leser glauben, dass ich das wäre und sagen: ,Oh, Sie haben einen Sohn in Chile?’.
Nein, keineswegs. Zwar handeln viele meiner Romane von realen Personen: der Israeli Rami und und der Palästinenser Bassam in ,Apeirogon’ , Senator George Mitchell in ,Transatlantik’ oder der Seiltänzer Philippe Petit in ,Die große Welt’ .“ Diesmal aber gibt er der Fantasie freien Raum, „und so lasse ich auch Conway am Ende vieldeutig, denn das Wichtigste ist der Nachgeschmack des Buchs, das eher Suggerierte als Niedergeschriebene. Darin liegt für mich die Schönheit von Fiktion.“
In „Twist“ gehen neben Kabeln vor allem Beziehungen kaputt. Conway verliert die Township-Schönheit Zanele ebenso wie Fennell seine Frau.
Natur und Meer spielen wichtige Rolle in „Twist“
Der Autor glaubt: „Wir leben in einer zerbrochenen Welt. Das war vielleicht für meine Eltern in den 50er Jahren ähnlich, aber heute, im exponentiellen Zeitalter, passiert das Zerbrechen in atemloser Geschwindigkeit. Heben wir eine Scherbe auf, zersplittert sie sofort in 20 neue und so weiter. Deshalb sind wir so verwirrt. Das gilt politisch für das irrwitzige Tempo von Trump, aber auch persönlich. Suche ich etwas auf meinem Handy, sehe ich gleichzeitig dies, das und jenes und bin schnell ganz weit weg von dem, was ich wollte.“
McCanns Prosa-Brennglas bündelt die modernen Widersprüche in Conway: Er ist gleichzeitig Supertechniker und Naturmensch, der sich als Freitaucher nur in der Tiefe wohl fühlt. „Ein Mann, der repariert, aber irgendwann auch sabotiert, was uns zerstört“. Einer der pessimistischen Schlüsselsätze dieses vielschichtigen, kraftvoll-subtilen Romans lautet: „Alles wird repariert, und wir alle bleiben gebrochen.“
Doch lässt sich die Natur wirklich wieder zusammenflicken? Den Kabelbruch in „Twist“ lösen sintflutartige Regenfälle im Kongo-Fluss und Unterwasser-Erdrutsche aus. „Die Rache der Hausherrin“, denkt Fennell.
Gleichzeitig beschwört der Roman in betörenden Bildern die Schönheit unter der Wasseroberfläche. Kann dies etwas bewirken? „Sicher, das ist nur ein Tropfen im Ozean. Aber wenn einer, hundert oder womöglich tausend Leser ihr Verhältnis zu den Meeren überdenken, würde mich das glücklich machen.“
In der Danksagung am Ende des Buchs würdigt der Autor auch seinen Tauchlehrer, gesteht aber: „Ich war der denkbar schlechteste Schüler. Doch als meine frustrierten Lehrer dann lasen, was ich übers Tauchen geschrieben habe, waren sie völlig überrascht. In dieser Einbildungskraft liegt eben das Wunder des Schreibens.“
Ebenso brillant leiht McCann seine Empathie realen Personen wie Rami und Bassim, die im Nahostkonflikt beide ein Kind verloren haben, eigentlich Feinde sein müssten und doch gemeinsam für den Frieden werben. Auch nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. „Beide sind erschüttert und verzweifelt, geben aber ihre Freundschaft nicht auf. Sie telefonieren fast täglich, und auch ich habe heute noch von ihnen gehört.“
Ohnehin hält der Schriftsteller seinen Helden die Treue. „Ich bin noch in Kontakt mit Senator Mitchell, der mittlerweile 91 ist, und Philippe Petit kam vor zehn Tagen zur Party an meinem 60. Geburtstag.“
Sein vorheriges Buch „American Mother“ würdigt die Courage von Diane Foley, der Mutter des IS-Opfers James Foley. Und Colum McCann schrieb das Libretto zur gleichnamigen Oper, die am 31. Mai im Theater Hagen uraufgeführt wird.
Colum McCann: Twist. Roman, Deutsch von Thomas Überhoff. Rowohlt, 415 S., 28 Euro.