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Kölner Opernintendant im Interview„Bloß nicht den Kopf in den Sand stecken!“

Lesezeit 6 Minuten
Hein Mulders vor der Fotowand im Foyer des Staatenhauses.

Mit einem starken Ensemble im Rücken: Hein Mulders vor der Fotowand im Foyer des Staatenhauses.

Zur Hälfte seiner dritten Spielzeit zieht Kölns Opernintendant Hein Mulders eine Zwischenbilanz in schwierigen Zeiten.

Seit September 2022 lenkt Hein Mulders die Oper Köln durch stürmische Zeiten. Mit Axel Hill sprach der 62-Jährige über die erneute Verlängerung des Interims und über die Affäre um den ehemaligen Generalmusikdirektor.

Wie steht die Oper im Moment da? Weiterhin im Interim, ohne feste Aussicht, wann es zurück an den Offenbachplatz geht und nach dieser für Unruhe sorgenden Trennung von François-Xavier Roth…

Hein Mulders: Das ist jetzt meine dritte Spielzeit, gefühlt sind es vielleicht schon zehn Jahre, weil so viel passiert ist. Es ist eine Achterbahn. Aber gleichzeitig bin ich ja angestellt worden, um ein gutes künstlerisches, international orientiertes Programm zu gestalten. Und das ist schnell gegangen – zu meinem eigenen Erstaunen. In Essen hat es anfangs etwas mehr Zeit gebraucht, aber hier hat es sofort gefunkt.

Auch mit den Mitarbeitenden?

Viele sind neu, andere sind schon eine Ewigkeit dabei, einige haben noch den Offenbachplatz erlebt. Die Mischung ist gut. Manche sind aber auch frustriert, dass es so lange dauert. Aber ich stehe dafür, kommunikativ zu sein und entscheidungsfreudig, um keine Zeit zu verlieren. Ich weiß, welche künstlerische Entscheidungen Zeit brauchen, aber ich weiß auch, wo man unmittelbar durchgreifen muss. Ich habe das Gefühl, dass alle sehr happy waren, als ich angekommen bin, das gab einen neuen Schub an Energie. Dann wurde klar, dass sich das Interim verlängert. Doch durch Corona bin ich zum Krisenmanager geworden.

Und das konnten Sie hier in Köln gleich wieder anwenden...

Ich hatte die fertige Planung für die Eröffnungssaison sehr frustriert in den Mülleimer geworfen, sie aber dann wieder rausgeholt, denn mir war klar, dass ich anfangen muss, zweigleisig zu fahren. So dass ich nicht nur eine Planung habe und nicht, wenn es sich ändert, für echt viel Geld wieder Künstlern oder Regie-Teams absagen muss.

Ist es schwierig, das Publikum weiter für das Interim zu begeistern?

Es ist uns treu geblieben. Und die Altersstruktur ist sehr gemischt. In Essen brauchte ich höchstens zehn Finger, um die Jungen im Publikum zu zählen.

Zuletzt wurden immer mal wieder Stimmen laut, die die schwierigen akustischen Verhältnisse im Staatenhaus bemängeln.

Wir wissen ja darum, und in den Proben wird immer hart daran gearbeitet. Und dann sind eigentlich alle Beteiligten damit zufrieden. Chapeau an die Dirigenten, aber auch an die Sängerinnen und Sänger und alle, die beteiligt sind. Auch an die Regieteams, die immer sehr flexibel sind. Wir hatten Marc Minkowski hier, um „Die Schöpfung“ zu dirigieren.Er sagte über den Klang erst: „Oh, es ist trocken.“ Aber am Ende ist er wirklich total beglückt gewesen. Auch das Publikum akzeptiert das.

Was bedeutet die Verlängerung des Interims aus künstlerischer Sicht?

Regisseurinnen und Regisseure sind ehrlich genug, um zu sagen, es war schön bei Euch, aber fragt mich das nächste Mal erst wieder, wenn das sanierte Haus fertig ist. Ebenso oft ist das Gegenteil der Fall, sie kommen oft sogar gerne wieder. Und das, obwohl der Einsatz von Bühnenbildern, Bühnentechnik oder Licht begrenzt ist.

Unterm Strich ist also das kreative Potenzial für das Staatenhaus noch nicht ausgeschöpft?

Nein, überhaupt nicht. Das Schwierigste ist es, wenn man den Teams wieder eine Planänderung mitteilen muss — wobei ich von Tag eins an immer klargemacht habe, dass für beide Häuser parallel geplant werden muss. Noch schwieriger sind die Ko-Produktionen, da gibt es mittlerweile einen Stau an Leckerbissen, die ich hier zeigen möchte, die aber nicht im Staatenhaus machbar sind. Dass wir Ko-Produktionen zeigen, ist auch eine Frage der Nachhaltigkeit, und wenn sie woanders nur ein paar Mal zu sehen waren, sind sie für Köln ja noch neu.

Umplanungen wirken sich doch sicher auch aufs Budget aus?

Es ist die Kunst, das im Budget zu halten. Auch das habe ich durch Corona gelernt. Natürlich werden Umplanungen teurer, aber man muss dann schauen, was man von den Planungen behalten kann und dann die Anpassungen machen. Ich gehöre zu den Menschen, die immer versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen. Denn wir haben hier noch immer sehr privilegierte Jobs – auch wenn das Damoklesschwert der Kürzungen über uns schwebt. Das sieht man bereits jetzt in der Bundeshauptstadt Berlin: Wie düster die Aussichten für die Kultur sein können.

Weite Teile der Kölner Kulturszene betrifft das jetzt schon.

Und es wird noch schwieriger werden, das kann man schon jetzt zwischen den Zeilen lesen. Aber ich versuche, nicht den Kopf in den Sand zu stecken.

Wie erleben Sie im Moment die Sanierung?

Als ich noch in Essen war, war mir die ganze Problematik der Sanierung nicht im Detail bewusst. Für mich war es eine Baustelle, die länger dauert, aber irgendwann fertig ist. Dann kam ich hierher und dachte, ich bin kein Bauleiter. Das Verschieben der Wiedereröffnung war zwar vorauszusehen, aber es hätte auch genauso gut klappen können. Jetzt mit dem neuen Team habe ich ein sehr gutes Gefühl. Das ist eine ganz andere Dynamik, eine andere Transparenz über den Prozess, der Kommunikationsfluss ist sehr toll. Sie müssen jetzt einfach ihre Arbeit machen, und dann hoffen wir mal, dass alles so kommt, wie sie es planen.

Sie sind den Job angetreten, in absehbarer Zeit ein neu saniertes Haus zu eröffnen.

Es wäre doof zu sagen, ich gehe damit pragmatisch um. Natürlich ist es eine Riesenenttäuschung! Aber ich bin nicht allein für mich unterwegs: Wir machen ein Programm für das Publikum, und ich muss 600 Mitarbeitende bei Laune halten. Selbstverständlich habe auch ich so meine Momente, aber ich versuche immer, positiv an die Dinge heranzugehen, sie konstruktiv umzusetzen und auch die Mitarbeitenden zu motivieren, immer wieder gute Lösungen zu finden.

Welche Auswirkungen hatte die Affäre Roth auf Sie persönlich?

Ich war erst mal völlig überrascht, weil es für mich eine gänzlich unbekannte Seite von ihm plötzlich nach vorne brachte. Und natürlich war ich sehr betroffen. Doch ich habe auch viel gelernt. Wenn man mittendrin ist und die Verantwortung tragen muss, muss man auch so neutral wie möglich bleiben.

Hat es Sie überrascht, dass es in Köln keine offiziellen Beschwerden gegeben hat?

Total.

Fragt man sich da auch als Chef, haben meine Mitarbeitenden genug Vertrauen zu mir?

Das ist, glaube ich, nicht die richtige Frage. Was ich durch #metoo gelernt habe, ist, dass Sachen nicht an einem Tag passieren und am nächsten Tag in der Zeitung stehen, sondern dazwischen oft sehr viel Zeit vergeht. Und dann kann es sein, dass jemand betroffen ist, es auch zum Ausdruck bringen, aber aus der Schusslinie bleiben möchte. Dann ist da noch die Crux, dass Dinge vertraulich behandelt werden müssen und man so weniger handlungsfähig ist. Wir hatten jetzt zuletzt eine Präventionsveranstaltung mit Themis, der Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung. Und wir erarbeiten einen Verhaltenskodex für die Bühnen, der jetzt so gut wie fertig ist.

Nächste Premiere

Nachdem über Karneval das Zillchen das Staatenhaus bespielt, findet die nächste Premiere der Oper Köln am 9. März statt: Mozarts „Don Giovanni“, inszeniert von Cecilia Ligorio, die 2022 hier „La Cenerentola“ von Rossini auf die Bühne brachte. Die musikalische Leitung übernimmt Tomáš Netopil, mit dem Mulders schon in Essen zusammenarbeitete. Die Titelpartie singt Seth Carico, Kathrin Zukowski und Emily Hindrichs im Wechsel die Donna Anna.