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Bayer 04 LeverkusenSchock gegen Bielefeld – Tiefpunkt in der Ära Alonso

Lesezeit 5 Minuten
„Was wollt ihr?“, scheint die Geste von Granit Xhaka sagen zu wollen. Der Leverkusener stellte sich nach der peinlichen Pokalpleite den Bayer 04-Fans.

„Was wollt ihr?“, scheint die Geste von Granit Xhaka sagen zu wollen. Der Leverkusener stellte sich nach der peinlichen Pokalpleite den Bayer 04-Fans.

Bayer 04 Leverkusen hat sich im Pokal-Halbfinale bei Drittligist Arminia Bielefeld blamiert. Granit Xhaka geriet mit den Fans aneinander.

Granit Xhaka bekam den ganzen Zorn zu spüren, den eine niederschmetternde Niederlage so hervorrufen kann. Der Mittelfeldstratege von Bayer 04 Leverkusen hatte sich am späten Mittwochabend auf den schweren Weg Richtung Nordkurve der Alm gemacht, um seine Enttäuschung über die 1:2 (1:2)-Schmach im Halbfinale des DFB-Pokals bei Drittligist Arminia Bielefeld mit den knapp 3000 mitgereisten Fans zu teilen.

Es dauerte allerdings nicht lange, bis sich die Stimmung zwischen dem Schweizer und den Anhängern mächtig aufgeheizt und die Enttäuschung in Wut verwandelt hatte. Der Wortwechsel zwischen Xhaka und den aufgebrachten Zuschauern hinterließ jedenfalls nicht den Eindruck einen verständnisvollen Austauschs in der schmerzlichen Niederlage. Auf beiden Seiten entlud sich vielmehr der Frust über eine Leistung, die eines Doublesiegers unwürdig war — und die viele Fragen aufwirft. Bayer 04 musste nach der Champions League auch die zweite Titelchance der Saison 2024/25 beerdigen. Wohlgemerkt als einer der besten 16 europäischen Clubs gegen den Tabellenvierten der 3. Liga.

Nur drei Bayer-Profis gehen zu den Fans in die Nordkurve

Mit Robert Andrich und Nathan Tella begleiteten lediglich zwei weitere Bayer-Profis ihren emotionalen Anführer in die Kurve. Was einiges aussagt über den Auftritt der Leverkusener, die in der vergangenen Saison auf dem Weg zum historischen Double von ihren Fans auf einer Woge der Begeisterung getragen wurden. So schnell kann es gehen im Fußball. Und offenbar zu schnell für Xhaka, der wohl mehr Respekt von den eigenen Fans erwartet hatte.

Über das Für und Wider der emotionalen Begegnung vor der Nordkurve der tosenden Alm lässt sich sicher trefflich diskutieren, über die Bewertung der Leverkusener Vorstellung nicht. Sie erinnerte am 1. April 2025 eher an einen schlechten Scherz. „Es gibt nicht allzu viel Positives zu sagen. Der angebliche Drittligist war in vielen Bereichen besser als wir. Das war in den Zweikämpfen nichts und auch nicht im Antizipieren von zweiten Bällen“, fasste Kapitän Lukas Hradecky das Desaster zusammen.

Der Torwart war bei den Gegentoren der entfesselten Arminia durch Marius Wörl (20.) und Maximilian Großer (45.+3) machtlos und noch bester Spieler einer Mannschaft, die unter Xabi Alonso nur in seinem ersten Auswärtsspiel als Bayer-Coach bei Eintracht Frankfurt am 7. Oktober 2022 (1:5) ansatzweise so desolat aufgetreten war. Und das in einem Pokal-Halbfinale, das den erneuten Finaleinzug auf dem Silbertablett präsentierte hatte.

Wir haben eine unterklassige Leistung gezeigt.
Lukas Hradecky, Kapitän Bayer 04 Leverkusen

„Wir hatten große Hoffnungen, wieder in Berlin zu spielen. Wir haben aber nicht gut gespielt, fast nichts hat funktioniert. Ich habe unsere Qualität als Kollektiv und unsere Energie vermisst. Dieses Spiel ist ein Tiefpunkt in unserer Entwicklung und die Niederlage tut sehr weh“, sagte der zerknirschte Alonso zu diesem Abend, der den Werksclub zurückwarf in längst vergessen geglaubte Zeiten. Der Matchplan des hochgelobten Spaniers hatte diesmal überhaupt nicht gegriffen. Leverkusen versuchte es auf dem schwierig zu bespielenden Untergrund mit langen Bällen und vernachlässigte sein Kombinationsspiel. „Wir haben unser Spiel angepasst, konnten aber nicht unseren Fußball spielen. Wir haben eine unterklassige Leistung gezeigt“, fasste Hradecky zusammen.

Bielefeld spielte das Konzept der Gäste voll in die Karten. Sie standen ihren Gegenspielern auf den Füßen, sorgten dafür, dass die Bälle in der Luft blieben und liefen sich mit und gegen den Ball voller Leidenschaft das Herz aus der Lunge. „Wir wussten, was auf uns zukommt. Es war keine Frage der Einstellung“, räumte Hradecky ein und fand schädliche Nebenschauplätze: „Es war teilweise eine Energieverschwendung an unwichtigen Sachen. Wir haben zu viel gemeckert, zu viel mit den Schiris geredet. So bekommt man kein Momentum.“ Der Tabellenzweite der Fußball-Bundesliga zeigte zu viel Unzufriedenheit und zu wenig Fokus auf das eigene Spiel.

1:0-Führungstreffer von Jonathan Tah hilft Leverkusen nicht

Auch die 1:0-Führung durch Jonathan Tah (17.) half nicht, obwohl Alonso darauf spekuliert hatte, Bielefeld mit dem ersten Tor zu beeindrucken. Die Arminia hatte in allen Runden zuvor gegen die Bundesligisten Union Berlin, SC Freiburg und Werder Bremen sowie Zweitligist Hannover 96 immer vorgelegt. „Das hat ihnen die nötige Energie gegeben. Wir haben es nach dem 1:0 aber nicht geschafft, das Spiel unter Kontrolle zu bekommen“, erklärte der 43-Jährige.

Es dauerte nur drei Minuten bis zum Ausgleich und bis die mit 26.601 Zuschauern ausverkaufte Alm ihren besonderen Spirit entwickeln konnte. Leverkusen geriet ins Taumeln, hatte auf allen Positionen mit Piero Hincapie, Jeremie Frimpong und Exequiel Palacios an der Spitze Totalausfälle und war dem Drittligisten über lange Zeit sogar fußballerisch unterlegen. Bielefeld kam am Ende auf 48 Prozent Ballbesitz. Davon träumt so mancher Erstligist in Spielen gegen Bayer 04.

Erstaunlich war zudem, dass Xabi Alonso in der Halbzeit keine Anpassung fand und nicht wechselte. Bielefeld kämpfte und rannte sich angetrieben von seinen Fans in einen Rausch, während die Werkself in 90 Minuten plus Nachspielzeit nur eine einzige Chance aus dem Spiel heraus erarbeitete. Patrick Schicks Kopfball nach Frimpong-Flanke landete am Außenpfosten (81.).

Die Erwartung war, dass wir die beste Leistung abliefern. Wir haben aber keine Leistung abgeliefert.
Fernando Carro, Geschäftsführer Bayer Leverkusen

Leverkusens Double-Trainer äußerte auf die Frage nach den Gründen für die Blamage nur eine Ahnung: „Vielleicht war der Plan nicht richtig. Deshalb möchte ich das Spiel noch einmal in Ruhe analysieren.“ Fakt ist schon mal, dass dieses 1:2 in Bielefeld die schwächste Leistung und die größte Enttäuschung in der Ära von Alonso als Trainer darstellt.

Geschäftsführer Fernando Carro fand jedenfalls angemessene Worte: „Die Erwartung war, dass wir die beste Leistung abliefern, aber wir haben keine Leistung abgeliefert.“ Und das war es wohl, was die Fans auf den Zaun brachte und das heftige Wortgefecht mit ihrem Helden Granit Xhaka in Gang gesetzt hatte.