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DFB-Pokal-HalbfinaleArminia Bielefeld schockt auch Bayer Leverkusen

Lesezeit 5 Minuten
Bielefelds Maximilian Großer (2.v.r.) erzielt den 2:1-Siegtreffer.

Bielefelds Maximilian Großer (2.v.r.) erzielt den 2:1-Siegtreffer.

Bayer 04 Leverkusen ist durch eine sensationelle 1:2-Niederlage bei Arminia Bielefeld im Halbfinale des DFB-Pokals gescheitert. 

Die Alm stand am Mittwochabend um 22.41 Uhr Kopf. Was nichts anderes bedeutete, als dass der Schreck des DFB-Pokalwettbewerbs 2024/25 wieder zugeschlagen hatte. Und diesmal in einer Kategorie und Art und Weise, für die der Ausdruck Sensation nicht mehr genügte. Drittligist Arminia Bielefeld warf im Halbfinale den haushohen Favoriten und Titelverteidiger Bayer 04 Leverkusen mit einem verdienten 2:1 (2:1) aus dem Wettbewerb und steht erstmals in seiner Vereinsgeschichte im Finale, das am 24. Mai im Berliner Olympiastadion stattfindet. Die Werkself musste den Erfolg des krassen Außenseiters nach einer desolaten Vorstellung anerkennen und verpasste selbst den sechsten Einzug ins Endspiel.

„Wir müssen ganz ehrlich sein und sagen, dass Bielefeld verdient gewonnen hat. Wir haben heute eine Menge falsch gemacht“, sagte Robert Andrich und ließ kein gutes Haar am Auftritt von Bayer 04: „Wir haben alles vermissen lassen. So gewinnst du gegen keine Mannschaft der Welt. Das war das schlechteste Spiel dieser Saison und es war das wichtigste. Wir müssen uns ankreiden, dass wir das verkackt haben.“

Xabi Alonso überraschte bei seiner Aufstellung lediglich auf der Torhüter-Position. Pokal-Keeper Matej Kovar blieb diesmal auf der Bank und Lukas Hradecky spielte. Der Bayer-Coach setzte auf die Erfahrung seines Kapitäns. Dass ein Kämpfertyp wie Andrich in einem Pokalfight den Vorzug vor Aleix Garcia erhielt und Amine Adli für Victor Boniface stürmte, war genauso nachvollziehbar.

Der Drittligist hatte sich in Erwartung seines Spiels des Jahres kämpferisch gegeben und auf jede erdenkliche Art und Weise Mut gemacht. „Wer Angst hat, bleibt lieber zu Hause“, ging Trainer Mitch Kniat voran: „Wir wollen das Spiel nicht genießen, sondern treten an, um nach Berlin zu fahren.“ Wer mit Bremen, Freiburg, Union Berlin und Hannover 96 drei Bundes- und einen Zweitligisten aus dem Wettbewerb geworfen hat und im Halbfinale steht, darf auch solche Sprüche klopfen.

Tahs Führung hält nur drei Minuten

Vor allem, wenn Taten folgen. Die Bielefelder Anhänger folgten Kniats Kampfansage nur allzu gerne und verwandelten die Alm wie erwartet in einen Hexenkessel. Es ließ sich auch kein Armine davon entmutigen, dass der Doublesieger in aller Ruhe sein Spiel aufzog und mit der ersten Chance in Führung ging. Adli verlängerte eine Ecke per Kopf auf den Fuß von Jonathan Tah, der den Ball am langen Pfosten über die Linie drückte (17.).

Das 1:0 war aber Gift für Leverkusen und Zucker für die Ostwestfalen.   Leon Schneider aus der Bielefelder Dreierkette initiierte mit einem langen Ball einen Überfall, den Louis Oppie von der linken Seite mit einer scharfen Flanke fortsetzte. Im Strafraum musste Piero Hincapie in den Zweikampf mit Noah Sarenren Baeze, den daraus resultierenden Abpraller setzte Marius Wörl kompromisslos zum 1:1 ins rechte Eck (20.).

Der Ausgleich setzte bei den Hausherren noch mehr Kräfte und vor allem Glauben frei. Hradecky musste nach einem Hincapie-Fehler gegen den allein auf ihn zulaufenden Sarenren Baeze das 1:2 verhindern (26.). Die Werkself hatte gegen leidenschaftlich um ihr Leben rennende Bielefelder nicht viel zu bieten, verlor mehrheitlich die Zweikämpfe und damit auch die Bälle.

Großer dokumentiert mit dem 2:1 Bielefelds Willen

Der Drittligist spielte mindestens auf Augenhöhe und schockte den Favoriten in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Nach einem völlig unnötigen Andrich-Foul legte Oppie alles in seine Freistoßflanke, die von links an den rechten Leverkusener Fünfer raste. Dort flog Maximilian Großer heran und gab Hincapie und Hradecky das Nachsehen (45.+3). Das 2:1 beschrieb das Spiel sehr gut. Bielefeld zeigte den unbedingten Willen zum Sieg und Leverkusen schaute überrascht von so viel Glauben zu.

Daran änderte sich zu Beginn des zweiten Durchgangs wenig. Die Bielefelder jagten den jeweils ballführenden Leverkusener und stellten gleichzeitig mit ihrem ungeheuren Laufpensum die Räume geschickt zu. Die Arminia diktierte mit ihrer grandiosen Einstellung dieses Halbfinale und verteidigte mit hohem Aufwand äußerst geschickt. Der Titelverteidiger kam weder zu Ballbesitzphasen noch zu irgendeiner Form von Struktur im eigenen Spiel.

Der Außenseiter war dem 3:1 näher, als der deutsche Meister dem Ausgleich. Als Oppie, der ganz nebenbei noch Jeremie Frimpong kaltstellte, mal wieder über links durchbrach, verfehlte Joel Grodowski das Tor nur hauchdünn (69.).

Schick trifft nur den Pfosten

Xabi Alonso wechselte früh in Hälfte zwei Victor Boniface für Exequiel Palacios aus (53.). Es dauerte aber bis zur 73. Minute, ehe Bayer durch den Nigerianer zur ersten Chance kam. Jonas Kersken im Bielefelder Tor holte den Kopfballaufsetzer aus dem rechten Eck.

Alonso wechselte ein zweites Mal und brachte Nathan Tella für den enttäuschenden Adli (77.). Es folgte die größte Leverkusener Möglichkeit, weil Frimpong auf der rechten Seite endlich einmal zur Geltung kam. Die präzise Flanke des Niederländers köpfte Patrick Schick gegen die Laufrichtung aber nur an den rechten Pfosten (81.).

Die Bielefelder machten keine Anstalten, müde zu werden und kämpften weiter um jeden Ball. Leverkusen lief die Zeit davon und diesmal gab es kein „Laterkusen“ wie noch beim 3:2-Heimsieg nach Verlängerung im Viertelfinale gegen den Zweitligisten 1. FC Köln. Als Schiedsrichter Harm Osmers nach sechs Minuten Nachspielzeit abpfiff, gab es kein Halten mehr. Die Bielefelder Fans stürmten den Platz und feierten den historischen Erfolg ihrer Mannschaft.

Von den Leverkusenern war wie im Spiel da schon längst nichts mehr zu sehen. „Das war ein kollektives Versagen. Bei uns hat heute nichts funktioniert“, sagte Xabi Alonso nach seiner ersten Niederlage im DFB-Pokal im elften Spiel und dem bitteren Ausscheiden. 


Statistik:

Arminia Bielefeld: Kersken; Schneider, Russo, Großer; Hagmann, Schreck (90.+3 Young), Corboz, Oppie, Sarenren Baeze (90.+3 Felix), Wörl; Grodowski (83. Biankadi). – Bayer 04 Leverkusen: Hradecky; Mukiele, Tah, Hincapie; Frimpong, Xhaka, Andric, Grimaldo; Palacios (53. Boniface), Schick, Adli (77. Tella). – SR.: Osmers (Bremen). – Zuschauer: 26.601. – Tore: 0:1 Tah (17.), 1:1 Wörl (20.), 2:1 Großer (45.+3). – Gelbe Karten: Grodowski, Schreck, Russo; Mukiele, Hincapie, Boniface, Tella.