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„Wer macht sich da keine Sorgen?“Jugendliche aus Rhein-Sieg über Rechtsruck, Krieg und Perspektivlosigkeit

Lesezeit 5 Minuten
Drei Jugendliche in Jeans gehen durch die Innenstadt. Einer hält eine Zigarette in der Hand.

Laut der letzten Shell-Studie 2024 sind die Sorgen Jugendlicher vor Krieg, Armut und Umweltverschmutzung gewachsen. (Symbolbild)

Kriege, politische Polarisierung, Zukunftsängste – was beschäftigt Jugendliche im Rhein-Sieg-Kreis?

Junge Menschen wachsen in herausfordernden Zeiten auf. Die Angst vor Krieg, Armut, Umweltverschmutzung und einer wachsenden Feindseligkeit zwischen Menschen war laut der jüngsten Shell-Jugendstudie 2024 für Jugendliche in Deutschland in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Was macht die weltpolitische Situation mit Kindern und Jugendlichen im Rhein-Sieg-Kreis – und was beschäftigt sie noch?

Noah und Charlotte sind beide 18 Jahre alt und stecken mitten im Abitur, sie besuchen das Gymnasium Alleestraße in Siegburg. Zukunftsängste beschäftigen beide. „Sozialpolitisch macht man sich große Sorgen, zum Beispiel, falls das Bürgergeld abgeschafft wird – und weltpolitisch, wer macht sich da keine Sorgen?“, sagt Noah.

Jugendliche besorgt über Rechtsruck und Polarisierung in sozialen Medien

„Besonders mit der AfD, die in letzter Zeit so viel größer geworden ist, mache ich mir schon Gedanken“, berichtet Charlotte. „Ich habe total viele Freunde, mit denen ich schon ernsthafte Konversationen darüber führen musste, was wir denn machen, wenn die jetzt abgeschoben werden. Das ist total gruselig.“

Außerdem beschäftige es sie, „dass die Jugend sich gegeneinander aufbaut. Es gibt Radikale in beide Richtungen, und das wird immer spitzer“, schildert die Schülerin. Noah und Charlotte sehen die Grundlage für diese Polarisierung auch in den sozialen Medien: „Ich merk' das ja selber – du scrollst einfach, und plötzlich bist du auf 'ner Seite von irgendwelchen Neonazis gelandet, und Jugendliche in den Kommentaren schreiben dann sowas wie ‚das ist richtig, so muss das‘“, berichtet Noah.

Ich habe total viele Freunde, mit denen ich schon ernsthafte Konversationen darüber führen musste, was wir denn machen, wenn die jetzt abgeschoben werden.
Charlotte, Schülerin aus Siegburg

„Ich bin Trans und ich mache mir ehrlich gesagt auch oft Sorgen um das politische Bild und wie es mir dann gehen wird“, fügt der 18-Jährige hinzu. Noah und Charlotte wollten dieses Jahr eigentlich gemeinsam in die USA reisen. Da er wegen des geänderten Geschlechts in seinem Pass Probleme bei der Einreise befürchtet, hat Noah sich dagegen entschieden.

„Internationale Verbindungen werden immer schwieriger. Und die ganzen Kriege machen uns natürlich auch Sorgen“, sagt der 18-Jährige. Charlotte befürchtet, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt werden könnte. „Da sehe ich mich wirklich gar nicht“, betont die Schülerin.

Siegburg: Junge Menschen wünschen sich mehr Raum in ihrer Stadt

Patrick Mendel leitet das Jugendzentrum Deichhaus in Siegburg. Das Jugendzentrum begreife sich als eine Art Lobby für Kinder und Jugendliche, so Mendel, weswegen er vermehrt das Gespräch über politische Themen suche und Impulse der jungen Menschen mit in die Kommunalpolitik trage.

Viele der Jugendlichen hier befinden sich im Übergang von Schule in den Beruf und sehen da in Siegburg leider nicht die große Zukunft für sich.
Patrick Mendel, Jugendzentrum Deichhaus

„Viele der Jugendlichen hier befinden sich im Übergang von Schule in den Beruf und sehen da in Siegburg leider nicht die große Zukunft für sich“, sagt Mendel. Die Ausbildungslage werde als schlecht wahrgenommen, auch wenn ein großer Teil der Besucherinnen und Besucher des Jugendzentrums eigentlich gern dort bleiben würde, wo ihre Familie und Freunde lebten. Außerdem hätten sie oft kein Geld für einen Umzug.

„Die jungen Menschen wünschen sich mehr Raum in ihrer Stadt für sich“, sagt Mendel, „Da ist der Wunsch nach mehr Platz, wo das Leben stattfinden kann.“ 

Ein Mann steht im Eingangsbereich des Siegburger Kulturcafés, im Hintergrund ist ein Schild mit der Aufschrift „Wahlkabine“ zu sehen.

Andreas Wabnik leitet das Siegburger Kulturcafé. In diesem Jahr fand hier zum ersten Mal eine U-18 Wahl statt.

Andreas Wabnik leitet das Siegburger Kulturcafé, eine offene Jugendeinrichtung. Er beobachtet, dass Sorgen und Nachfragen zu weltpolitischen Entwicklungen unter den Besucherinnen und Besuchern eher zurückgehen: „Am Anfang des Überfalls auf die Ukraine kamen viele Fragen von vielen hier auf, aber das wird weniger. Das speist sich auch ein bisschen von der Panik, die gesellschaftlich eben manchmal aufkommt und dann auch wieder abebbt.“

Dabei sei es ihm und dem Team des Kulturcafés wichtig, sich Zeit zu nehmen und auch manchmal weit auszuholen, um politische Zusammenhänge zu erklären und einzuordnen. „Und zu zeigen, dass das alles dann vielleicht doch nicht so dramatisch ist, wie es öfter mal verkauft wird.“ Auch über Informationen, die die Jugendlichen aus sozialen Medien ziehen, suche man das Gespräch: Wer hat das gepostet? Ist das eine seriöse Quelle?

Generell beobachte er, dass die Jugendlichen im Kulturcafé geopolitische Themen weniger beschäftigten als beispielsweise die Entwicklung von Arbeitsplätzen und Löhnen. Die eigene Entwicklung, erste Partnerschaften, Zukunftsperspektiven - viele Themen, die junge Menschen im Alltag bewältigen müssten, hätten erstmal einen höheren Stellenwert, so Andreas Wabnik.

Sankt Augustiner Kinderschutzbund: Wichtig, auch positive Impulse zu vermitteln

„Es gibt Ängste, es gibt Unsicherheit“, sagt Sibylle Friedhofen vom Sankt Augustiner Kinderschutzbund, „unsere Aufgabe als Erwachsene ist es aber, Mut zu machen und Jugendliche und Kinder ernst zu nehmen.“ Vermehrt aufkommende Sorgen solle man nicht wegdiskutieren, sondern in erster Linie Verständnis und Offenheit zum Gespräch zeigen, sagt Friedhofen.

„Da ist die Angst vor der Zukunft, die Angst vorm Krieg, die Sorge, was passiert eigentlich auf der Welt und wie soll ich damit umgehen“, beobachtet Sibylle Friedhofen. Es sei wichtig, Kindern und Jugendlichen in diesen Zeiten auch positive Impulse mitzugeben, „und zum Beispiel deutlich zu machen: Ihr dürft eure Meinung äußern, wir leben ja in einer Demokratie“. 

Für vertrauliche Unterstützungs- und Beratungsangebote brauche es Zeit und Ruhe, so Friedhofen. Personalprobleme an Schulen machten den Umgang mit Sorgen von Schülerinnen und Schülern nicht einfacher. 


In den lokalen Jugendzentren finden Kinder und Jugendliche mit Zukunftsängsten Hilfe und vertrauliche Gesprächsangebote.

Die Beratungsstellen des Kinderschutzbundes sind unter 02241 28000 oder per E-Mail unter anlauf-beratungstelle@kinderschutzbund-sankt-augustin.de erreichbar.

Die Beraterinnen und Berater des Kinder- und Jugendtelefons „Nummer gegen Kummer“ geben Rat unter der bundesweit gültigen Telefonnummer 116111 von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr.

Die Telefonseelsorge Bonn/Rhein-Sieg ist unter 0800 1110111 oder unter 0800 1110222 erreichbar.