Keine Überanspruchung und trotzdem Spaß am Spiel: Ein gemischtes Team aus Eitorf und Herchen spielt Walking Football.
Sport im AlterEitorfer und Herchener spielen Walking Football

2024 haben sich die Walking-Football-Teams aus Eitorf und Herchen zusammengetan. Sie trainieren auch bei minus zwei Grad.
Copyright: Lilian von Storch
Es sind minus zwei Grad, es ist bereits stockdunkel. Trotzdem bewegen sich am Montagabend elf Männer und eine Frau über den Sportplatz in Mühleip, einer der Männer in kurzer Hose. Am Rand steht Trainer Stefan Stommel, die Trillerpfeife immer parat, um die Fußballer bei Regelverstößen zu maßregeln - und das sind heute nicht nur etwa Fouls.
„Gut gegangen, Jens!“, ruft Stommel einem der Spieler zu. Ein anderer wendet sich um, zweifelt an, ob da nicht auch mal beide Beine gleichzeitig in der Luft waren. Stommel winkt ab. „Nee, das war gegangen. Einwandfrei.“
Kein Abseits, kein Torwart, Füße auf den Boden: Die Regeln beim Walking Football
Das Team, eine gemischte Gruppe des SV 09 Eitorf und TUS Herchen, spielt Walking Football. Es muss immer mindestens ein Fuß den Boden berühren, laufen ist verboten. Außerdem darf der Ball nicht höher als etwa einen Meter fliegen. Die Abseitsregel fällt weg, es gibt keinen Torwart. Zweikampf soll vermieden werden, „das ist aber nicht immer möglich“, räumt Stefan Stommel ein.
Ziel dieser ganzen Regeln? Niemand soll sich überstrapazieren, trotzdem soll das Spiel durch viele Tore spannend bleiben und vor allem Spaß machen. Walking Football ist eine gelenkschonende Alternative zu normalem Fußball, bei der die Bewegung und der Spaß am Spiel nicht abhanden kommt.

Seit 2018 trainiert Stefan Stommel seine Walking Football Mannschaft.
Copyright: Lilian von Storch
„Dadurch, dass man nicht laufen darf, ist der Sport auch offen für verschiedene Generationen“, sagt Trainer Stefan Stommel, der die Eitorfer Mannschaft gegründet hat. Die Idee kam dem 66-Jährigen, der schon seit seiner Jugend in Eitorf Fußball spielt, bei einem Alte-Herren-Turnier im Jahr 2017.
„Da war Bayer 04 Leverkusen mit deren Walking-Football-Team dabei“, erinnert sich Stommel, „Ich hab mir das angeguckt, und gedacht, Mensch, das ist ja für die Leute, die nicht mehr bei den alten Herren spielen können oder bisher noch gar kein Fußball gespielt haben, 'ne schöne Sache, um die in Bewegung zu kriegen.“
Jeder, der mal Fußball gespielt hat, sagt erstmal, das geht ja gar nicht
Im September 2018 stellte er das erste Walking-Football-Training in Eitorf auf die Beine. Es sei allerdings vorerst sehr schwierig gewesen, ein Team aufzubauen, erinnert sich Stommel: „Es sieht ja irgendwie ein bisschen komisch aus. Jeder, der mal Fußball gespielt hat, sagt auch erstmal, das geht ja gar nicht, man fängt ja automatisch an zu laufen.“
Einmal ausprobiert, sei die Chance jedoch groß, dass die Leute auch dabeiblieben, sagt Stommel. „Im November letztes Jahr hat das Eitorfer Team sich mit dem TUS Herchen zusammengetan, das hat uns allen ’nen ziemlichen Schub gegeben“, berichtet der Trainer. Eine bestimmte Mannschaftsgröße sei wichtig, um das Spiel am Laufen zu halten.

Wenn einer rennt, pfeift der Trainer ab.
Copyright: Lilian von Storch
23 Aktive und elf Inaktive sind aktuell Teil des Teams. Christina Groeger aus Ruppichteroth ist die einzige Frau und mit ihren 42 Jahren die jüngste im Team, der älteste Spieler wird bald 80 Jahre alt.
Früher hat Groeger in einer Frauenmannschaft gespielt, was für einige Jahre in den Hintergrund geriet, als sie Mutter wurde. „Ich hatte mit den Knien dann so Probleme, dass das normale Fußball nicht mehr ging“, sagt die 42-Jährige, „es sieht vielleicht erstmal komisch aus, aber es macht Spaß. In allen anderen Sportarten spielen die Leute ja auch in ihrem eigenen Tempo.“ Nach dem ersten Training habe sie unerwartet starken Muskelkater gehabt, sagt Christina Groeger lachend.
Früher haben wir das immer so ein bisschen belächelt. Dann haben wir es mal ausprobiert, und irgendwie hatten wir sofort Spaß
Auch Gerd Gnacke (68) und Ulli Döring (62) aus Herchen hätten vor ihrem ersten Training nicht gedacht, wie anstrengend Walking Football sein kann: „Früher haben wir das immer so ein bisschen belächelt“, sagt Ulli Döring, „dann haben wir es mal ausprobiert, und irgendwie hatten wir sofort Spaß dabei, es war lustig – und man täuscht sich auch bewegungstechnisch.“
Seinen Freund Gerd Gnacke brachte Döring zum Training mit, beide haben jahrzehntelang zusammen Fußball gespielt. „Man muss sich dran gewöhnen, aber man tut doch ein bisschen was“, sagt Gnacke, „mit dem schnellen Gehen, das ist gar nicht so einfach.“ Wenn man nicht rennen könne, sei auch das zielgenaue Passen viel anspruchsvoller.
Trainer Stefan Stommel: Rhein-Sieg-Kreis tut nicht viel zur Unterstützung des Sports im Alter
Vor dem Training baut Stefan Stommel das Feld auf. Für Walking Football werden kleinere, drei Meter breite Tore benötigt. Auch das Spielfeld an sich ist kleiner. Mit roten Hütchen markiert Stommel die Grenzen des Feldes sowie die Freizonen um die Tore, in denen sich niemand bewegen darf. Normalerweise spielt er auch selbst mit - da der Trainer heute aber etwas angeschlagen ist, steht er nach seinem Aufwärmprogramm mit Trillerpfeife am Rand.
Gespielt wird dreimal 20 Minuten. „Normal ist, dass immer so fünf, sechs Tore fallen. Wenn man das auf 'ne Stunde rechnet, können es auch schnell mal zehn werden“, sagt Stommel. Am Ende der ersten 20 Minuten steht es schon 2:3.

Ein kleineres Tor, dessen Raum nicht betreten werden darf: Vor dem Training muss Stefan Stommel erstmal aufbauen.
Copyright: Lilian von Storch
„Eigentlich geht’s ja nicht ums gewinnen, sondern ums bewegen. Aber bei 'nem Spiel ist es eben so, dass man auch gewinnen will - und die Diskussionen werden im Alter nicht weniger“, sagt Stommel augenzwinkernd. Im Eitorfer Walking-Football-Team spielen Menschen zusammen, die früher Gegner waren oder Trainer für die anderen, „und das hat auch Charme“.
Nach dem Training gibt es dann immer noch eine gemeinsame Kiste Bier. „Wir sind anderthalb Stunden an der frischen Luft und in Bewegung“, sagt Stefan Stommel, „wir machen was für den Körper, wir machen was für die Koordination. Und nach der Trainingsarbeit sagt jeder, ‚das ist zwar arschkalt gewesen heute, aber gut, dass wir das gemacht haben‘“.
Die Eitorfer Mannschaft war die erste Walking-Football-Mannschaft im Rhein-Sieg-Kreis, dann kamen Oberpleis und Herchen dazu. Viel mehr gebe es im Umkreis nicht, was Stefan Stommel schade findet: „Mein Kritikpunkt ist, dass auch der Fußballverband Mittelrhein oder der Kreis Sieg da zu wenig macht. Wenn man nach Unterstützung für Tore oder Bälle fragt, heißt es, nee. Da ist der Breitensport im Alter dann doch hintendran.“
Die Walking-Football-Gruppe von SV 09 Eitorf und TuS Herchen trifft sich jeden Montag um 18.30 Uhr, normalerweise auf der Ewald-Müller-Sportanlage in Eitorf. Da dort das Flutlicht momentan nicht funktioniert, trainiert das Team noch bis zur Zeitumstellung am 30. März auf dem Mühleiper Sportplatz.