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Interview

Von Kienbaum zu Intersport
Ein Oberberger ist die Stimme des deutschen Handels

Lesezeit 7 Minuten

Als Präsident des Handelsverbandes vertritt Alexander von Preen die Interessen von 3,2 Millionen Beschäftigten.

Alexander von Preen ging von Kienbaum zu Intersport und wurde dann gefragt, ob er Präsident des Handelsverbandes werden möchte. Im Interview spricht er über die Situation des Handels.

Herr von Preen, wie wird man Deutschlands oberster Händler?

Indem man von einer Findungskommission angesprochen und gefragt wird, ob man den Handel in Deutschland in Gänze vertreten will, ob man sich das zutraut – und am Ende vom Aufsichtsrat der Intersport, also meinem Arbeitgeber, die Freigabe dafür bekommt. Dieses Ehrenamt bedeutet ja auch einen gewissen Aufwand in Berlin und in Brüssel.

Wie viele Menschen vertreten Sie als Verbandspräsident?

 3,2 Millionen Mitarbeiter in einer stark sechsstelligen Zahl von Betrieben. Dabei geht es um die Interessenvertretung und die Lobby-Arbeit in Berlin und Brüssel als die Stimme des Handels.

Ihr Vorgänger Josef Sanktjohanser kam aus dem Lebensmittelbereich. Sie waren lange in der Unternehmensberatung Kienbaum, ehe Sie zu Intersport sind. Warum wollte man Sie haben?

Bei Intersport sind wir im sogenannten Non-Food-Handel unterwegs und damit in einer Branche, die während Corona enorm gelitten hat durch die Schließungen, die es gab. In Vorstand und Präsidium des HDE hat man sich daher überlegt, jemanden in das Amt des Präsidenten zu wählen, der aus dem Non-Food-Bereich kommt, aber den gesamten Handel, wie es mein Vorgänger Sanktjohanser schon gemacht hat, vertritt.

Sie waren 20 Jahre bei der Gummersbacher Unternehmensberatung Kienbaum, und dann sagt man „Das war's“?

Das war keine Idee, die einfach so kam. Über 23 Jahre vom Berater bis hin zum Geschäftsführer und Equity Partner aufzusteigen und immer noch eine enge Bindung zur Familie Kienbaum wiegen schon schwer.

Warum dann doch der Schritt?

Das Thema hat sich ergeben, nachdem ich den Einstieg von Fabian Kienbaum ins Unternehmen begleiten durfte und sich die Frage stellte, was denn meine Rolle bei Kienbaum künftig sein wird. Und dann kommen auch andere Angebote auf den Tisch, wobei ich nicht aktiv gesucht habe.

Und wie kam der Kontakt zu Intersport?

Ich hatte für den Aufsichtsrat ein Beratungsprojekt gemacht. Und man hat mich dann gefragt, ob ich die Rolle des CEO übernehmen wolle. Da ich in meiner Zeit bei Kienbaum sehr viele Handelsunternehmen wie die Rewe-Gruppe beraten hatte, habe ich mir die Aufgabe angeschaut und entschieden, dass ich mich der Herausforderung stellen möchte. Und wie sich herausstellte, ist das eine Herausforderung, die mir sehr viel Spaß macht. Ich bin im Sportfachhandel angekommen und freue mich, die Intersport leiten zu dürfen.

Muss man sich im Sport auskennen, wenn man Chef bei Intersport wird?

Natürlich sollte man sich in dieser sehr emotionalen Branche einarbeiten und reindenken können. Ich habe in Wiehl Eishockey gespielt und auch Tennis, wo es immer intensive sportliche Auseinandersetzungen auch mit Gummersbach gegeben hat. Man muss sich auf die Branche einlassen und mit den großen Marken wie Adidas oder Puma, aber auch kleineren kooperieren.

Haben Sie eine Sportart, die Ihr Favorit ist?

Nein, mein Herz schlägt für viele Sportarten. Sei es für den Handball und den VfL Gummersbach, der hier in der Region ein Flaggschiff und ein Leuchtturm ist. Wir werben bei Handball-WM und EM, weil wir an Handball und die Teamsportarten glauben.

Nach Ihrem Ausstieg bei Kienbaum sind Sie dem Oberbergischen als Privatmann aber treu geblieben?

Korrekt, wir leben in Reichshof und haben einen zweiten Wohnsitz in Heilbronn. Und das ganz bewusst, weil ich nach so vielen Jahren im Bergischen Land hier auch meine Wurzeln geschlagen habe. Und es wird im Alter gewiss auch unser Hauptwohnsitz bleiben.

Als Chef des deutschen Handels haben Sie auch mit dem Onlinehandel zu tun. Wie sehen Sie diese Sparte? Ist der Onlinehandel ein Damoklesschwert für den stationären Handel?

Er ist aus dem aktuellen Handelsumfeld nicht wegzudenken. Der Onlinehandel hat einen neuen Vertriebsweg, sei es für Onlinehandel oder stationären Handel, geöffnet. Und der Onlinehandel ist in den allermeisten Fällen integriert in den stationären Handel. Wir als Handelsverband Deutschland vertreten beide Bereiche. Der Onlinehandel hat während Corona einen unglaublichen Boom erlebt, hat danach aber schwere Zeiten durchlaufen und war deutlich rückläufig. Im stationären Handel haben wir parallel eine Renaissance erlebt. Immer mehr Menschen wollen wieder das stationäre Einkaufserlebnis. Und man muss eines auch sehen: Während Corona war es der stationäre Lebensmittelhandel, der die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt hat. Für diese exzellente Leistung gilt es Dank zu sagen.

Dennoch prägen Leerstände das Bild der Innenstädte. Ist der Trend, neue Shopping-Center zu bauen, vorbei?

Das ist ein spannendes Thema. Und wenn ich von Handel spreche, dann auch von dem in den Centern. Die Center haben sich nur entwickeln können, weil die Städte ihnen die Räume dafür geboten haben. Und sich dabei um den attraktiven Handel in den Städten nicht gekümmert haben. Denn was macht ein Center? Es akkumuliert verschiedene Handelskonzepte um attraktive Einkaufserlebnisse. Dabei sind unsere Städte im Grunde ein Paradebeispiel dafür, wie sie diese Erlebnisse miteinander verbinden können. Überall dort, wo sich die Stadtentwicklung frühzeitig gekümmert hat, funktioniert das. Was das angeht, erleben wir ein Umdenken mit dem Ziel, Städte wieder attraktiver zu machen.

Was gehört vor allem dazu, Städte attraktiver zu machen

Themen wie Sicherheit, Sauberkeit und Erreichbarkeit stehen ganz oben. Dabei geht es auch darum, den Verkehr nicht ideologisiert aus den Innenstädten zu verbannen, sondern intelligente Lösungen mit dem Verkehr zu finden. In Münster oder Weimar ist so die Attraktivität der Innenstadt gewachsen.

Klingt so, als werde einkaufen nicht nur zu einem Erlebnis, sondern auch zu einem dritten Ort?

Stadtplanung muss sich darüber im Klaren sein, dass eine Stadt nur dann attraktiv ist, wenn sie Frequenz hineinbekommt – also neben Einkauf einen Kinobesuch ermöglicht oder eben auch einen Behördengang. 

Mit dem Thema Sauberkeit einher geht das Thema Verpackung. Gummersbach hat erst kürzlich eine Verpackungssteuer nach dem Vorbild von Tübingen abgelehnt. Macht das Sinn?

Familien mit kleinen Kindern kommen nicht in die Stadt, wenn es dreckig ist. Sauberkeit ist ein ganz wesentliches Instrument. Obwohl ich jeder Steuer kritisch gegenüberstehe: Wenn das der Weg ist, dann muss man ihn aber auch konsequent gehen. Es ist schade, dass man mit dem Thema Sauberkeit offenbar nicht anders umgehen kann in unserer Gesellschaft. Und was das Thema Sicherheit angeht, so stelle ich fest, dass die Menschen von Bürgermeistern und Politik erwarten, dass gehandelt wird. Und seien es mehr Ordnungskräfte in den Innenstädten.

Wie erleben Sie die Entwicklung von Gummersbach in den vergangenen Jahren?

In den letzten sieben Jahren war ich nicht mehr so oft hier, davor aber schon. Dennoch kann ich sagen, dass Gummersbach das entscheidende Mittelzentrum für den Oberbergischen Kreis ist. Man hat hier mit dem VfL einen tollen Handballverein, der überregional Werbung macht. Gummersbach hat meines Erachtens stadtplanerisch einen Fehler gemacht, indem man die ehemaligen Haupteinkaufsstraßen und das Forum getrennt hat. Wobei die Sanierung der Alten Vogtei wieder Sichtachsen geöffnet hat.

Und was ist mit dem EKZ Bergischer Hof?

Die ehemalige Karstadt-Fläche ist natürlich eine große Herausforderung. Die bauliche Attraktivität ist eingeschränkt. Gummersbach gehört zu den vielen Städten im Land, die für die einst attraktiven Adressen eine Lösung finden müssen. Da ist die Geschichte drüber gezogen und die Kundenerwartung ist eine komplett andere. Reiner Einkauf, wie er früher war, funktioniert in einer solchen Immobilie garantiert nicht mehr.

Zum Schluss noch mal das Thema Intersport und die Frage, was denn nun dran ist an den Aussagen, dass Sie gerne ins Gummersbacher Forum wollen?

Wir haben ganz aktuell noch einmal eine Anfrage für das Forum in Gummersbach bekommen. Gut möglich, dass es in diesem Jahr klappt. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Um ein Geschäft erfolgreich zu positionieren, brauchen wir eine Verkaufsfläche von mehr als 1000 Quadratmetern. 1200 wären ideal. Und das in einer Lage, die nicht im Keller oder am Rande ist. Wo also auch die Frequenz entsprechend ist. Diese Möglichkeiten zu bekommen, sind Grundvoraussetzungen dafür, in die Gespräche einzusteigen. Und dann muss der Mietzins so sein, dass man ein attraktives Geschäftsmodell etablieren kann. Gummersbach ist bis dato ein sogenannter White Spot auf unserer Landkarte.


Zur Person Alexander von Preen

Alexander von Preen ist seit w November 2022 Präsident des Handelsverbandes Deutschland. Er bekleidet das Amt ehrenamtlich. Von Preen war mehr als 20 Jahre lang für die Gummersbacher Unternehmensberatung Kienbaum Consultants tätig, seit dem Jahr 2018 ist er Geschäftsführer bei Intersport Deutschland.

Der in Reichshof lebende Manager ist zudem Aufsichtsratsvorsitzender der Denklinger Firma Meyer Hosen. Zudem ist Alexander von Preen Vizepräsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. In seiner Freizeit mag er es gerne sportlich. Der ehemalige Eishockeyspieler spielt Golf oder er fährt mit dem Rad.