Mit Schließung der Landesunterkunft in Marmagen muss Nettersheim selbst Wohnraum für Geflüchtete schaffen.
Unterbringung GeflüchteterAuch ein Containerdorf ist in der Gemeinde Nettersheim möglich

In eine Begegnungsstätte mit Unterbringung von Flüchtlingsfamilien wird derzeit das Haus Nikolaus in Tondorf umgebaut.
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Noch vier Wochen, dann ist das etwas mehr als zwei Jahre andauernde Intermezzo der Notunterkunft des Landes in Marmagen in der früheren Eifelhöhen-Klinik vorbei. Die Geflüchteten haben das Gebäude bereits verlassen. Der DRK-Kreisverband Euskirchen hatte die Bewohner betreut, nun räumen dessen Mitarbeiter die letzten Dinge aus der Unterkunft.
Vor rund zweieinhalb Jahren sorgte die Unterkunft in dem kleinen Eifeldorf für Aufregung. Die Stimmung drohte zu kippen, Berichte über Straftaten machten die Runde. Fakten und Fiktion mischten sich. Die Emotionen kochten hoch.
Gemeinde Nettersheim muss sich nun selbst um Unterkünfte kümmern
Und jetzt? Fast ist so etwas wie Wehmut zu spüren, vor allem bei den Ehrenamtlern, die gemeinsam mit dem Umfeldmanagement des Deutschen Roten Kreuzes dafür gesorgt haben, dass die Lage nicht eskalierte, sondern dass so etwas wie Normalität einsetzte. Manfred Poth aus dem Begegnungsteam und ehemaliger Allgemeiner Vertreter des Landrats, machte noch bei dem Abschlussfest vor wenigen Wochen darauf aufmerksam, dass das Gebäude der Eifelhöhen-Klinik eigentlich optimal geeignet für die Unterbringung von Geflüchteten sei.
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Doch ein Wort sei ein Wort. Und auch wenn in den vergangenen Wochen alles geräusch- und reibungslos in der Notunterkunft und drumherum funktioniert habe: Am 30. April ist die Episode Geschichte.
Doch nicht nur für die Marmagener, die sich für die Bewohner der Notunterkunft engagierten, ist es ein Einschnitt, sondern auch für die Gemeinde Nettersheim. Denn mit dem komfortablen Zustand, dass die rund 750 Bewohner der Unterkunft auf die Unterbringungsquote der Kommune angerechnet wurden, ist es dann vorbei.
Aufnahme-Quote liegt rechnerisch bei 150 Personen für Nettersheim
Jetzt heißt es für die Verwaltung, wieder Wohnraum bereitzustellen. Und zwar nicht zu knapp, denn schnell dürfte deutlich werden, dass in Nettersheim Nachholbedarf besteht. Zum einen dürften mehr Asylbewerber nach Nettersheim kommen, die nach dem NRW-Flüchtlingsaufnahmegesetz vom Land auf die Städte und Gemeinden verteilt werden.
Diese Unterbringungsverpflichtung galt durch die Landeseinrichtung in Marmagen bereits als erfüllt. Das fällt nun weg. Rein rechnerisch beträgt diese Quote 150 Personen, wobei die Gemeinde darauf hofft, diese Zahl angesichts sinkender Flüchtlingszahlen nicht zu erreichen.
Zum anderen dürfte die Zahl der Menschen steigen, die bereits als anerkannte Geflüchtete vom Land nach Nettersheim geschickt werden. Die dafür verantwortliche Bezirksregierung Arnsberg hatte diese Zuweisungen auf Antrag der Gemeinde gedrosselt.
Gemeinde Nettersheim setzt auf die dezentrale Unterbringung
108 Asylbewerber und anerkannte Flüchtlinge leben derzeit im Gemeindegebiet. Ab August/September rechnet die Gemeinde damit, dass bis zum Jahresende 50 bis 70 Geflüchtete kommen könnten – mit aller Vorsicht, so betont es die Verwaltung.
Doch wohin mit ihnen? „Wir haben in Nettersheim immer auf die dezentrale Unterbringung gesetzt“, so Bürgermeister Norbert Crump. So sind in fast allen Ortsteilen Häuser von der Gemeinde gekauft worden, in denen nun Geflüchtete leben. 48 weitere Menschen leben in privaten Unterkünften, die meisten von ihnen stammen nach Auskunft der Gemeinde aus der Ukraine.
Neue Unterkünfte im Haus Nikolaus in Tondorf
Doch für diejenigen, die ab dem Sommer nach Nettersheim kommen, muss nun Wohnraum bereitgestellt werden. „17 Plätze sind derzeit in den Häusern, die wir von der Gemeinde bereitstellen, noch frei“, zählt Crump auf. Weitere Möglichkeiten würden dadurch entstehen, dass durch den Bauhof bauliche Mängel in den Gebäuden beseitigt würden. Dazu sollen zwei neu akquirierte Objekte in Nettersheim saniert werden, was weiteren Wohnraum für insgesamt 22 Personen schaffen würde.
Immer noch saniert wird das Haus Nikolaus in Tondorf. Hier sollen in der ersten Etage vornehmlich Familien untergebracht werden, erläutert Crump. 18 Plätze würden in Zukunft dort zur Verfügung stehen.
Das Erdgeschoss steht weiterhin für Treffen von Anwohnern und Begegnungsveranstaltungen zur Verfügung, betont Crump. Am 16. Mai solle im Dorfsaal dazu eine Informationsveranstaltung stattfinden. „Wir wollen das Dorf mitnehmen“, betont Crump. Vor allem, nachdem es im Dezember 2023 zu erheblicher Missstimmung in Tondorf gekommen sei.
Zur Not wäre auch ein Containerdorf vorstellbar
17 aktuell verfügbare und 40 weitere Unterbringungsplätze, die kurzfristig bereitgestellt werden: Das bedeutet Wohnraum für 57 Menschen, der in den nächsten Wochen genutzt werden kann. Aber der Bedarf ist noch höher. „Es verbleibt bis zum Jahresende ein zusätzlicher Unterkunftsbedarf von 30 bis 70 Personen“, stellt die Gemeinde in ihrer Ratsvorlage fest.
„Wir halten noch weiter Ausschau“, kündigt Crump an. Aber ihn treibt noch eine weitere Sorge um. Denn auch die Kinder der Geflüchteten müssen versorgt werden. „Das hat Auswirkungen auf unsere Kitas und Schulen“, ahnt der Bürgermeister. Wie stark der Zulauf zu diesen Einrichtungen sein wird, ist allerdings noch nicht abschätzbar.
Auch ein erneuter Anstieg der Geflüchtetenzahlen sei ein mögliches Szenario, das ins Kalkül gezogen werden müsse. So nimmt es nicht wunder, dass auch schon, wenn auch schüchtern, das Wort „Containerdorf“ in den Mund genommen wird, um Spitzenzahlen abzufangen. Das bedeutet, dass geeignete Standorte geprüft werden müssen.
Weder eine Empfehlung für noch gegen die Bezahlkarte für Geflüchtete
Detailliert informierte Rainer Breinig, Leiter des Sozialamtes der Gemeinde Nettersheim, den Ausschuss für Soziales und Jugend über die Gründe der Kommunen im Kreis Euskirchen, die Bezahlkarte für Geflüchtete vorerst nicht einzuführen und den aktuellen Stand der Diskussion. „In der aktuellen Sitzungsphase möchten wir keine Empfehlung dafür oder dagegen setzen“, sagte er. Da gebe es eine ganze Reihe von Kritikpunkten, die noch nicht ausgeräumt seien. „Wir müssen davon ausgehen, dass viele Dinge Fragen aufwerfen, deren Klärung noch nicht möglich ist“, sagte er.
Da der Bund den Ländern die Ausgestaltung der Karte überlassen habe, sei ein Flickenteppich aus unterschiedlichen Regelungen entstanden. Das Land NRW habe den Kommunen zudem das Recht eingeräumt, die Karte nicht einzusetzen, so dass ein zweiter Flickenteppich aufgemacht werde.
Ungeklärt seien die Fragen der Kosten und der Anbindungen an bestehende Verfahren. Auch sei die Karte nicht mit einer Kreditkarte vergleichbar, sondern es sei möglich, darüber Überweisungen abzuwickeln. Doch da durch die Karte eigentlich Transfers unterbunden werden sollten, sei fraglich, nach welchen Kriterien Überweisungen zugelassen werden sollten.
Bei einer Vielzahl von Fragen bestehe auch nach intensiven Diskussionen mit dem Ministerium Klärungsbedarf. „Wir müssten zusammenfassend empfehlen, keine Richtung einzuschlagen“, fasste Breinig den Rat der Verwaltung zusammen: „Es wäre besser, abzuwarten.“