Die Halbjahresbilanz ist da. 725 Ausbildungsstellen sind noch offen. Die Zahl der Bewerber liegt aber deutlich höher – bei 873.
„In starker Bewegung“So verändert sich der Ausbildungsmarkt im Kreis Euskirchen

Das vollautomatische Hochregallager gehört zum Logistikzentrum von Papstar in Kall. Auch dort werden Fachkräfte für Lagerlogistik und Fachlageristen ausgebildet – und auch dort sind noch Stellen frei.
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„Es ist extrem schwierig, gute Leute zu finden. Wir haben noch einige offene Stellen“, erklärte Markus Mörsch, Direktor Einkauf bei Papstar in Kall. Für ihn hatte Ralf Holtkötter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Brühl, gleich zwei gute Nachrichten, als er in Kall die Halbjahresbilanz auf dem Ausbildungsmarkt vorstellte: Zum einen ist die Zahl der Bewerber auf 873 gestiegen und liegt damit deutlich über der der offenen Stellen (725). Zum anderen sei der Anteil der Interessenten mit Abitur oder Fachhochschulreife jetzt auf rund ein Drittel gestiegen.
Nicole Cuvelier, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Brühl, begrüßte im Besprechungsraum des Unternehmens außerdem die Geschäftsführerin operativ der Agentur für Arbeit, Anja Daub, sowie Ellen Lenders von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen und Richard Graf von der Handwerkskammer Aachen.
Kall: Ralf Holtkötter präsentiert Zahlen zum Ausbildungsmarkt
„Es gibt einen Wechsel im Vergleich zu den Vorjahren, als die Zahlen der Bewerber und die der offenen Stellen in etwa gleich hoch waren“, betonte Holtkötter. Aktuell sei die Zahl der Bewerber am Ausbildungsmarkt im Vergleich zum Vorjahr um 4,7 Prozent und im Vergleich zu 2023 sogar um 25 Prozent auf 873 gestiegen. Darunter seien auch mehr Interessenten mit Abitur oder Fachhochschulreife.

Die neuesten Entwicklungen auf dem Ausbildungsmarkt stellten (v.l.) Anja Daub, Joachim Hees (Personalleiter Papstar), Ralf Holtkötter, Markus Mörsch, Ellen Lenders, Bernd Born und Richard Graf vor.
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„Der Kreis Euskirchen war in den vergangenen Jahren so etwas wie eine Insel der Glückseligen, weil die Zahl der Betriebe, die ausbilden, gestiegen ist“, so Holtkötter. Trotzdem seien derzeit nur 725 Ausbildungsstellen gemeldet, 25 oder 3,3 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum: „Wir merken zurzeit eine Zurückhaltung bei den Betrieben.“ Er betonte aber auch: „Diese Zahlen sind eine Momentaufnahme. Der Ausbildungsmarkt ist noch in starker Bewegung. Den Rückgang bei den gemeldeten Ausbildungsstellen finde ich aber bedauerlich.“
Auszubildende im Kreis Euskirchen sind tendenziell jünger
Ein weiterer Trend sei, dass die Auszubildenden jünger seien: „Während sie früher Anfang oder Mitte 20 waren, sind heute 75 Prozent jünger als 20 Jahre.“ Das sei eine gute Entwicklung. Deutlich gestiegen sei ferner die Zahl der Bewerber aus dem Ausland und Geflüchteter (von 36 auf 74). Er riet den jungen Menschen, eine Entscheidung nicht zu lange hinauszuzögern: „Schlimmer als eine falsche Entscheidung ist gar keine.“
Für die Unternehmen hatte Holtkötter auch einen Ratschlag: „Da im nächsten Jahr die letzten Schulen auf G9 umstellen, fehlen Abiturienten. Deshalb sollten sie jetzt einstellen.“ Aktuelle Zahlen lieferte Daub: „418 Stellen stehen 564 Bewerbern gegenüber.“ 120 Jugendliche hätten bereits einen Vertrag unterschrieben, 73 sich für eine weiterführende Schule oder ein Praktikum entschieden. 29,1 Prozent der Bewerber hätten die Fachhochschul- oder die Hochschulreife, 46,8 Prozent einen Realschul- und 19,9 Prozent einen Hauptschulabschluss.
Bei der IHK seien bislang 126 Verträge von Unternehmen aus dem Kreis Euskirchen unterschrieben worden, berichtete Lenders. Das seien elf weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Zahlen seien aber noch nicht aussagekräftig. Nach wie vor entscheiden sich viele für das Studium. Aber auch in den Gymnasien sei ein Sinneswandel erkennbar: „Früher wurden wir mit unseren Angeboten belächelt. Wir müssen noch mehr in die Klassen gehen und den Schülern realistische Einblicke in die Berufe geben“, sagte Lenders.
Chancen auf zeitnahen Ausbildungsplatz stehen gut
„Ein Drittel der Betriebe kann seine Ausbildungsstellen nicht besetzen“, sagte Richard Graf von der Handwerkskammer Aachen. Die Zahl der Abschlüsse im Kreis Euskirchen sei um 0,5 Prozent zurückgegangen. „Wir gehen im Rahmen unserer Aktion ‚Schoolcrafter‘ mit Ausbildern in die neunten Klassen, um den Schülern zu zeigen, was sie für welchen Beruf können müssen“, sagte Graf.
Die Chancen für Jugendliche, noch einen geeigneten Ausbildungsplatz für den Sommer zu finden, sind laut Einschätzung der Experten gut. 51 offene Stellen gebe es etwa als Kaufmann im Einzelhandel. 21 Mal werde noch die Ausbildung als Fachkraft für Lagerlogistik im Kreis Euskirchen angeboten. Bei zahnmedizinischen Fachangestellten seien 14 Plätze frei, bei Dachdeckern 12, bei Eisenbahnern 11 und bei Handelsfachwirten 21.
Bernd Born, bei Papstar zuständig für Kommunikation und Marketing, betonte, dass die betriebliche Ausbildung seit jeher einen hohen Stellenwert im Unternehmen habe: „Am Standort Kall haben wir aktuell 327 Mitarbeiter und 15 Auszubildende.“ Papstar werbe unter anderem mit einem Imagefilm um die Jugendlichen, in dem eine Auszubildende das Unternehmen vorstelle.