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Analyse für NRWDarum wird Gewalt an Schulen ein immer größeres Problem

Lesezeit 4 Minuten
Werden Lehrer Opfer körperlicher Gewalt, so geht diese einer Umfrage zufolge fast ausschließlich von Schülerinnen und Schülern aus. (Symbolbild)

Eigentlich ein geschützter Raum: An immer mehr Schulen werden Schüler und Lehrer verbal und körperlich angegangen. 

Kinder beißen und schlagen, Eltern beleidigen Lehrer: Der Verband VBE warnt vor einer besorgniserregenden Entwicklung, vor allem in NRW.

Seit 2018 fragt der Verband Bildung und Erziehung (VBE) regelmäßig Schulleitungen nach Gewalt in der Schule. In der neuesten, vom Forschungsinstitut Forsa im vergangenen Jahr durchgeführten Umfrage, wird deutlicher denn je, dass NRW ein noch größeres Gewaltproblem in Schulen haben dürfte als der Rest der Republik.

„In Nordrhein-Westfalen treten Beschimpfungen und sogar körperliche Übergriffe an Schulen häufiger auf als im bundesweiten Durchschnitt“, erklärt die Gewerkschaft. 73 Prozent der Schulleitungen in NRW berichteten, dass es in den vergangenen fünf Jahren zu Fällen gekommen sei, in denen Lehrkräfte beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt worden seien. Bundesweit liege dieser Wert bei 65 Prozent (s. Kasten).

Rektorin: Trend hat nach Pandemie sprunghaft zugenommen

Noch gravierender sei die Diskrepanz bei körperlichen Übergriffen, also zum Beispiel Schläge, Tritte und Bisse. 43 Prozent der Schulen in NRW hätten solche Vorfälle gemeldet, während der Bundesdurchschnitt bei 35 Prozent liege. Die vorherige Umfrage des VBE zu Gewalt an Schulen aus dem Jahr 2022 zeigte ein vergleichbares Bild. Einiges deutet aber auf ein zunehmendes Problem hin.

Die Leiterin einer Grundschule in NRW, die anonym bleiben möchte, beschreibt auf Nachfrage unserer Redaktion, was diese Entwicklung im Schulalltag bedeutet. Sie betont, dass Gewalt nicht nur ein Thema in weiterführenden Schulen sei, sondern auch im Primarbereich, und dass die Probleme oft sogar schon in der Kita begönnen. „Die Gewalt in der Schule hat in den vergangenen 30 Jahren schleichend zugenommen, nach der Corona-Pandemie sogar sprunghaft“, sagt sie. Die Kinder seien verbal und körperlich heute schneller gewaltbereit und oft nicht in der Lage, sich an Regeln zu halten.

In den Grundschulen gebe es verbale und körperliche Gewalt. „Wir hören sehr verletzende Schimpfwörter, es wird mitunter getreten, geschlagen, gekratzt und gebissen“, so die erfahrene Pädagogin. Sie nennt ein aktuelles Beispiel aus ihrem Schulalltag: „Vor zwei Wochen hat ein Kind einem anderen Kind etwas erzählt, was dieses Kind auch gern erlebt hätte. Aus Traurigkeit, Frust oder Neid fing das Kind an, um sich zu treten, um die Wut an allen anderen auszulassen, die zusammen im Stuhlkreis saßen. Dieses Kind benötigt fachkundige Unterstützung, damit es lernt, mit frustrierenden Erlebnissen anders umzugehen. Das kann das Lehrpersonal in der Schule nicht leisten.“

Früher hätten die Pädagogen Gewalt fast ausschließlich unter den Kindern festgestellt, nun treffe sie zum Teil auch die Lehrkräfte. „Gewalt ist immer ein Hilfeschrei und ein Hinweis auf Überforderung“, betont die Schulleiterin. NRW müsse vieles in die Wege leiten, um den Trend zu stoppen. „Wir benötigen Extra-Personal an der Schule, um diese Probleme auffangen zu können“, formuliert sie eine Hauptforderung. „Es wäre gut, wenn immer ein Schulsozialarbeiter oder eine Schulsozialarbeiterin für den Fall der Fälle da wäre. Denn einer muss sich um die Streitenden kümmern, ein anderer um den Rest der Klasse und vielleicht muss sich sogar jemand um den Lehrer kümmern, wenn der Opfer von Gewalt geworden ist.“

Mehr Zeit und mehr Menschen in Schulen investieren

Man benötige also insgesamt mehr Menschen im Schulbetrieb, die Zeit hätten für die Kinder, und die Klassen müssten kleiner sein. Die Familien benötigen ebenfalls mehr Unterstützung durch Beratungsstellen, Therapeuten, Jugendämter, denn die Überforderung betreffe ganze Familien. „Im gesamten frühkindlichen Bereich müsste es viel mehr Förderung geben“, warnt die Rektorin.

Die VBE-Landesvorsitzende Anne Deimel kommt mit Blick auf die aktuelle Situation zu genau denselben Schlussfolgerungen: „Eine der wichtigsten Voraussetzungen, um Gewalt angemessen begegnen zu können, ist eine ausreichende Personalausstattung, damit verbunden kleinere Lerngruppen und die konkrete Möglichkeit, mit den Schülerinnen und Schülern bei Bedarf individuelle Förderprogramme durchzuführen.“ 82 Prozent der befragten Schulleitungen in NRW stimmten dem zu.

Die Schulen benötigten ein „starkes Rückgrat“. NRW bleibe bei der Gewaltprävention in Schulen nicht untätig, lobt Deimel. Für die „Extremismusprävention“ sollen in NRW 54 Stellen geschaffen werden, auch das Programm „Mind Out“ sei wichtig. Es soll die sozialen und emotionalen Kompetenzen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen stärken.

Psychische Gewalt und Cybermobbing durch Eltern

Die Umfrage im Auftrag des VBE zeigt, dass körperliche Gewalt meist von Schülerinnen und Schülern ausgehe (97 Prozent). Psychische Gewalt und Cybermobbing würden hingegen häufig auch von Eltern verübt. Besonders direkte psychische Gewalt treffe Lehrkräfte überwiegend durch Eltern (82 Prozent), aber auch durch Schülerinnen und Schüler (70 Prozent). Anne Deimel sagt dazu: „Jede Tat ist eine zu viel. Gewalt an Schulen ist ein komplexes Thema, das einfache Lösungen ausschließt. Kommt es zu Gewalt, darf es hierfür keine Toleranz geben, egal durch wen die Gewalt ausgeübt wird.“ Die Schule sei ein „Raum des Rechts“, der geschützt werden müsse.

Die Grundschulleiterin, die uns von ihren Erfahrungen berichtete, sagt, dass an ihrer Schule noch keine Lehrkräfte von Eltern geschlagen worden seien. Ab und zu komme es aber durch Eltern zu verbaler Gewalt.