Weihnachts-CDsRobbie Williams beeindruckt, Maria Carey floppt

Robbie Williams hat eine beeindruckende Weihnachts-CD veröffentlicht.
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- Unzählige Popstars, Orchester und Chöre veröffentlichen in der Adventszeit CDs mit weihnachtlichen Songs.
- Darunter sind einige Angebote, die richtig überzeugen können, aber auch verzichtbare Tonträger.
- Wir verschaffen einen Überblick von A wie A-ha bis W wie Robbie Williams.
Köln – Wenn die Pop-Karriere nicht mehr das ist, was sie mal war, ist die Veröffentlichung eines Weihnachtsalbums meistens nicht die beste Entscheidung. Aber einmal mehr zeigt Robbie Williams, dass er sich über Regeln und Gesetzmäßigkeiten hinwegzusetzen versteht wie kaum ein anderer. Und so entpuppt sich „The Christmas Present“ (Sony) im wahrsten Sinne des Wortes als Geschenk, das es zu Recht schon an die Spitze der Charts geschafft hat.
Der Großteil der 24 (!) Songs der Doppel-CD(!!) sind Neu-Kompositionen, von denen keine nachlässig dahingeschludert daherkommt. Keine Frage, die alte Slade-Nummer „Merry Christmas everybody“ im Duett mit Jamie Cullum ist ein echter Heuler.
Aber auch etwa „Darkest night“ oder „Idlewild“ klingen extrem eingängig – und „Bad Sharon“ dürfte (zumindest in England) zur Hymne der Büro-Weihnachtsfeier werden. Warum allerdings irgendjemand auf die Idee kam, Helene Fischer zu engagieren, um in „Santa Baby“ als Erotikbombe grandios zu scheitern, bleibt ein Rätsel. Der guten Laune tut das dennoch keinen Abbruch.
Auch Castingshow-Gewinner anderer Kontinente haben’s nicht leicht. Timi Dakolo siegte vor zwölf Jahren bei der westafrikanischen „Superstar“-Variante. Nun schickt er sich an, das Weihnachtsgeschäft aufzumischen, unter anderem unterstützt von Emelí Sandé, die auf „Merry Christmas, Darling“ (Virgin) im Titelstück mit ihm um die Wette schmachtet.
Und das wäre fast nicht nötig gewesen. Denn mit leicht angerautem Soultimbre segelt er beseelt durch Klassiker wie „The Christmas Song“, als er sei in LA und nicht in Ghanas Hauptstadt Accra geboren.
Charmant: „Glee“-Darstellerin Lea Michele
Zu ihren Broadway-Wurzeln kehrt die durch die TV-Serie „Glee“ auch hierzulande bekannte Lea Michele mit „Christmas In The City“ (Sony) zurück. Das ist charmant präsentiert, exzellent gesungen, erstklassig produziert und lässt etwa mit „Christmas in New York“ das Herz aufgehen. Und das „Do you want to build a snowman?“ ist mal eine andere Art von Liebeslied-Text.

Charmanter Gesang: Lea Michele
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Der Jazzrausch Bigband wollen auf „Still Still Still“ (ACT Music) die Ideen schier nicht ausgehen: Temporeiches trifft auf Getragenes, „Kling Glöckchen“ wird von einem Saxofon getrieben, „Macht hoch die Tür“ von Percussions elegant untermalt.
Und die „Engel auf den Feldern“ wandeln auf den Spuren von James Last. Allein der Gesang auf einigen der Nummern krankt am mangelnden Soul in der Stimme von Patricia Römer und an der Tatsache, dass diese deutschen Texte einfach niemals richtig cool klingen können.
Unter dem Pseudonym Juliano Rossi swingt Oliver Perau, ansonsten Frontmann der Rockband Terry Hoax auf seiner Weihnachtsplatte „The Last White Christmas“ (Künstlerhafen). Er verfügt zwar nicht über das Strahlen eines Sinatra oder den Schmelz Michael Bublé, aber sein leicht angerautes Timbre verpasst eher durchschnittlich arrangierten Nummern wie „I love a winter weather“ oder „I’ll be home for Christmas“ den nötigen Glanz. Und Neuverfasstes wie „When I’m thinking of Christmas“ und der Titelsong fügen sich nahtlos ein.
Von seiner Basis, der bayrischen Volksmusik, schwingt sich das Ensemble Federspiel in himmlische Höhen empor. „Vor der langsamen Zeit“ (O-Tone Music) bietet genau, was der Titel andeutet: besinnlich-verhaltene, bisweilen sphärenhafte und geheimnisvolle Klänge, zu denen französisch, deutsch und natürlich bayrisch gesungen wird.
Unverfälschte sizilianische Folklore singt Etta Scollo auf „Il Viaggio Di Maria“ (Jazzhouse Records). 14 Lieder, die sich für deutsche Ohren überhaupt nicht nach Weihnachten anhören. Ein ambitioniertes Projekt, umgesetzt auf hohem Niveau und mit einem betörend schönen Cover versehen.
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Fans des Chorgesangs sollten beherzt bei „Weihnachten mit dem Dresdner Kreuzchor“ (Berlin Classics) zugreifen – der Kanon des jahreszeitlichen Liedgutes wird hier hervorragend interpretiert. Ein Fest in jeglicher Hinsicht! Und Ludwig Güttler präsentiert auf „Europa Cantat“ (Berlin Classics) mal mit seinem bekannten Bläserensemble, mal mit großem Besteck Weihnachtsmusikvon Bach über Händel bis Vivaldi.
Einfallslose Song-Auswahl
Das Royal Philharmonic Orchestra fiel in den letzten Jahren unangenehm auf mit Aufnahmen, auf denen es Elvis oder Aretha mit unangebrachtem Schmelz überzuckerte. Auf „Christmas With The Stars“ klingt das aber passend – weil schon die Originale von Andy Williams, Perry Como oder Dean Martin nicht gerade spartanisch arrangiert waren. Die Auswahl der Songs zeugt allerdings von herber Einfallslosigkeit.
Die Band A-ha stand ja immer schon für die Kombination aus poppiger Leichtigkeit und nordischer Schwermut. Auf seiner Soloplatte „White Xmas Lies“ (Drabant Music) setzt Magne Furuholmen auf Letzteres, garniert dies mit 80er-Keyboardklängen. Im Einzelnen sehr schön, auf Albumlänge schlägt’s ein wenig aufs Gemüt.
Singer-Songwriter Josh Rouse setzt auf leichtere, aber dennoch melancholische „Holiday Sounds“ (Yep Rock Records). Die neun von ihm geschriebenen Songs erzählen von Weihnachten in Flipflops oder in New York, mal freudig, mal liebeskrank. Und auf der Bonus-CD bekommt auch noch Mariah Careys „All I want for Christmas“ die Jubelchöre ausgetrieben.
Auch seine texanische Kollegin Molly Burch verzichtet auf ihrem „Christmas Album“ (Captured Tracks) auf Zuckerzusätze, setzt stattdessen auf Charme und Anmut und dezente Countryklänge. Und in „The secret of Christmas“ klingt sie fast ein wenig wie Julie Andrews, von der die bislang schönste Version dieses Songs stammt.
Amazon lässt die Weihnachtsmuskeln spielen
Die gute alte Single ist längst ersetzt worden von Songs, die nur noch heruntergeladen oder gestreamt werden können. Und hier lässt Amazon seit einigen Jahren ganz besonders seine weihnachtlichen Muskeln spielen: Aufnahmen, die in Kooperation mit dem Online-Riesen entstanden und/oder nur dort erhältlich sind.
Etwa Ellie Gouldings „River“, wobei die junge Britin bei ihrer Version des Joni Mitchell-Klassikers zwar nichts falsch, aber auch nichts Besonderes macht. Ingrid Michaelson und Jason Mraz schunkeln selig durch „Christmas Valentine“.

Taylor Swift überzeugt auch mit adventlichem Liedgut.
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Taylor Swift zeigt, dass sie auch auf diesem Feld die Zügel fest in der Hand hält. Ihr Lied „Christmas tree farm“ verströmt den fußwippenden Charme der 60er, das dazugehörige Video ist ein putziger Zusammenschnitt von Weihnachtsfilmchen bei Familie Swift.
Apropos putzig: „Coming home for Christmas“ von Baby-Spice Emma Bunton bleibt nicht im Ohr hängen – da hätten auch Sängerinnen mit größeren Stimmen nicht mehr ausrichten können. In Sachen Video-Clip waren die Jonas Brothers sparsam, aber ihr munteres „Like it’s Christmas“ lässt schnell vergessen, dass hier ein alter Live-Auftritt in Sachen Lippenbewegung so gar nicht zum neuen Text passen will.
Neneh Cherrys Tochter Mabel hat zwar gerade ihr Album „High Expectations“ veröffentlicht, schiebt aber direkt einen Weihnachtssong nach: „Loneliest time of the year“ ist ein R’n’B-Ballade im Stil der 90er, die erst beim dritten oder vierten Hören zündet – falls einen bis dahin nicht die Stimme der jungen Dame gelangweilt oder gar vergrault hat...
Deluxe-Versionen alter oder nicht ganz so alter CDs sollen auch im Hinblick auf den Gabentisch die Verkäufe noch einmal ankurbeln. So zaubert John Legend sein „A Legendary Christmas“ um eine Handvoll Lieder erweitert hervor, schafft es aber nicht den – auf hohem Niveau – enttäuschenden Eindruck vom letzten Jahr zu revidieren.

Mariah Careys Weihnachts-Angebot überzeugt nicht.
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25 Jahre hat Mariah Careys „Merry Christmas“ auf dem Buckel – höchste Zeit für eine Jubiläumsausgabe? Nicht wirklich. Zugegeben, die zusätzlichen Live-Versionen sind ordentlich, die Liedchen vom zweiten Christmas-Album von 2010 aber ebenso verzichtbar wie die Remixe des Überhits „All I want for Christmas is you“.
Wer die alte Platte im Schrank hat, ist gut bedient – und allen anderen sei sie noch einmal ans Herz gelegt: In einem Vierteljahrhundert haben die Aufnahmen – im Gegensatz zu ihrer Urheberin – das Verfallsdatum noch lange nicht überschritten.