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Ein Stück ZeitgeschichteTony Kushners „Engel in Amerika“ begeistert bei Premiere in Köln

Lesezeit 5 Minuten
Andreas Grötzinger und Kelvin Kilonzo in „Engel in Amerika“.

Andreas Grötzinger und Kelvin Kilonzo in „Engel in Amerika“.

Moderner Klassiker: Matthias Köhlers spannende Inszenierung von Tony Kushners „Engel in Amerika“ auf die Bühne des Depot 1.

Als Ronald Reagan 1987 das Wort „Aids“ zum ersten Mal öffentlich aussprach, waren seit Beginn der 80er Jahre allein in den USA bereits knapp 30.000 Menschen an der Krankheit gestorben. Vorwiegend schwule Männer, Drogenabhängige und Prostituierte eine Kliente

l, die der republikanische Präsident nicht auf der Agenda haben wollte. Sich mit dem HIV-Virus zu infizieren, war praktisch das Todesurteil, das Medikament AZT war neu auf dem Markt, teuer, schwer erhältlich und in seiner Wirkung begrenzt.

Verfilmt mit Meryl Streep und Al Pacino

In diesem Klima schrieb Tony Kushner sein zweiteiliges Stück „Engel in Amerika“, das 1991 in San Francisco uraufgeführt wurde und seit der Broadway-Premiere 1993 mit Preisen überhäuft wurde, darunter der Pulitzer-Preis und diverse Tonys. 2003 wurde es mit Meryl Streep, Emma Thompson und Al Pacino von Mike Nichols verfilmt.

Das Werk ist heute ein Stück Zeitgeschichte. Als genau das muss man es auch betrachten, wenn man sich Matthias Köhlers Inszenierung im Depot 1 des Schauspiels Köln anschaut, die jetzt Premiere feierte.

Sophie Burtscher spielt die psychisch kranke und valium-süchtige Harper.

Sophie Burtscher spielt die psychisch kranke und valium-süchtige Harper.

Im Zentrum stehen zwei Paare, Anfang 30, deren Beziehungen zerbrechen: Louis (Simon Kirsch) trennt sich von Prior (Nicolas Streit), weil er mit dessen Aids-Erkrankung und dem drohenden Tod nicht umgehen kann. Die Ehe der Mormonen Harper (Sophia Burtscher) und Joe (Henri Mertens) scheitert, weil er seine psychisch kranke Frau nur geheiratet hat, um die eigene Homosexualität zu unterdrücken.

Nachdem sich Louis von Prior getrennt hat, kommt er mit Joe zusammen. Aber auch sie scheitern als Paar, zu sehr fühlen sie sich ihren vorherigen Partnern gegenüber schuldig.

Parallel dazu versucht der Anwalt Ray Cohn (Andras Grötzinger), Joe in seine korrupten Machenschaften hineinzuziehen und zu einem Teil seines erzkonservativen, reaktionären Netzwerkes zu machen, das die USA mit seinen rückwärtsgewandten Ideen unterwandern will. Cohn selbst hat sich beim Sex mit Männern ebenfalls mit HIV infiziert.

Prior (Nicolas Streit) konfrontiert eine Schar von Engeln.

Prior (Nicolas Streit) konfrontiert eine Schar von Engeln.

Die drei Erkrankten Prior, Harper und Cohn eint, dass sie sich allein und überfordert fühlen und Visionen sie heimsuchen. In Cohns Wahnvorstellung tritt Ethel Rosenberg (Yvon Jansen) auf, eine angebliche Spionin, die er auf den elektrischen Stuhl brachte. Harper flüchtet sich in Fantasien, in denen sie getriggert von Nachrichten zum Klimawandel mit einem Reiseleiter (Kelvin Kilonzo) das Ozonloch besuchen will.

Prior wird von einem Engel (Nicola Gründel) attackiert, einer ebenfalls radikalen Spezies, die Menschen als Feinde betrachtet: Ihre Weiterentwicklung erschüttere den Himmel, so der Vorwurf.

Getrieben von Unsicherheit und Ängsten

Kushner versammelt ein Personal, das getrieben ist von Unsicherheiten, Selbstzweifeln, Ängsten und Schuldgefühlen. Dies reichert er an mit Fakten und Bezügen zur US-amerikanischen Geschichte, dem Judentum, der Religion der Mormonen und der homosexuellen Emanzipationsbewegung.

Ganz schön viel Stoff, der da verhandelt wird. Regisseur Matthias Köhler hat beherzt gestrichen und verlässt sich erfrischenderweise in erster Linie auf den Text des Stücks.

Die Bühne von Patrick Loibl bietet dazu wunderbare Spielmöglichkeiten. Mit ihren beweglichen Elementen, gemalten Kulissen und Projektionsflächen repräsentiert sie ein verwüstetes New York, in dem Tabletten vom Himmel schneien und Menschen zur Erde fallen.

Räume entstehen durch das Hinzufügen eines Elements oder eines Möbels, perfekt für Kushners Konstrukt, die Charaktere in zeitgleichen Szenen manchmal über Kreuz spielen zu lassen.

Andreas Grötzingers Tour de Force

Köhlers Ensemble nutzt diese Spielfläche weidlich aus, allen voran Andreas Grötzinger. Er legt als Roy Cohn eine Tour de Force hin, ist so widerwärtig, wie man in dieser Figur nur sein kann. Dabei lässt Grötzinger Cohns Angst vor dem Tod immer wieder durchscheinen.

Seinen stärksten Moment hat er in einer Szene, in der er nicht aktiv spielt, sondern einfach immer noch auf der Bühne ist und die Scheinwerfer auf andere gerichtet sind: Während Joe und Louis frisch verliebt anbandeln, sieht man in Grötzingers Gesicht die Verzweiflung über ein in Sachen Liebe verpfuschtes Leben.

Mit Know-how und Herzblut

Auch der Rest der Truppe agiert mit Know-how und Herzblut, selbst in kleineren Rollen. Yvon Jansen macht aus ihren Auftritten als Ethel oder Joes Mutter bewegende Momente, Nicola Gründels Racheengel möchte man nicht im Dunkeln begegnen. Kelvin Kilonzo glänzt als Harpers verführerischer imaginärer Freund genauso wie als Roy Cohns knallharter Krankenpfleger.

Nicolas Streits Prior bleibt in der tiefsten Verzweiflung flamboyant, Sophia Burtschers Harper vergisst selbst in der Depression ihre herbe Stärke nicht.

Leider fällt es schwer, für den von Simon Kirsch arg viril angelegten Louis Mitleid zu empfinden, wenn dieser sich aus dem Staub macht, weil er von der Krankheit seines Freundes überfordert ist.

Bejubelte Premiere

Henri Mertens kann zwar aussehen wie frisch aus der Zwieback-Werbung, sein Joe ist jedoch mehr aufgeregter Welpe als verklemmter Mormone. Mit ihrer starken Bühnenpräsenz überzeugen letztlich beide.

Der lange Abend überfordert bisweilen mit seiner Fülle an Informationen und überraschenden Querverbindungen zwischen den Figuren. Die Drastik in Aktionen und Sprache war vor 30 Jahren sicher revolutionär, heute wirkt sie mitunter aufgesetzt.

Doch die Probleme der beiden Paare sind zeitlos und universell: Erkrankungen jeglicher Art sind immer eine Belastung für Beziehungen, genauso wie eine, wie auch immer motivierte Selbsttäuschung. Darüber hinaus ist Kushners Beschreibung der republikanischen Agenda erschreckend prophetisch, wenn man sieht, was derzeit im Weißen Haus geschieht. Verdienter Jubel des Premierenpublikums.

Gut vier Stunden (inkl. Pause). Wieder am 25.2., 7. und 12.3., jeweils 18.30 Uhr, außerdem am 16.3. und 20.4. um 16 Uhr.