Mit seinem „Zauberberg 2“ geht Heinz Strunk hundert Jahre nach Thomas Manns Roman mit einer eigenen Version auf den Buchmarkt.
Nur die destruktive KomponenteHeinz Strunk wagt sich an „Zauberberg 2“

Autor Heinz Strunk.
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So vermessen, sich mit Thomas Mann zu vergleichen, ist Heinz Strunk nicht wirklich. Warum sonst erscheint sein Roman „Zauberberg 2“ erst eine Woche nach dem Jubiläum des vor 100 Jahren veröffentlichten Originals, das in allen Medien noch mal ordentlich abgefeiert wurde. Vielmehr als die Ausgangssituation haben die beiden Bücher auch nicht gemein.
Volkskrankheit Depression
Während es um die Jahrhundertwende aber die Tuberkulose war, von der die Menschen sich in Sanatorien Heilung versprachen, sind es heute Depressionen, die zur Volkskrankheit geworden sind. Auch Jonas Heidbrink im Buch hat damit so seine Erfahrungen gemacht. Nach mehreren erfolglosen Therapieversuchen entschließt sich der Erfinder, dem keine Erfindungen mehr einfallen wollen, zu einem längeren Aufenthalt in einem privaten Sanatorium am Stettiner Haff. Eigentlich ist ein Monat angedacht.
Aus dem aber wird mehr als ein Jahr. Der anfängliche Tumor-Verdacht erweist sich zwar als Fehldiagnose. Aber bald schwindet bei Heidbrink, wie bei Hans Castorp in der Vorlage von Thomas Mann, das Gefühl für Zeit. Mit anderen Patienten wird er nicht warm. Musik- und Tanztherapie lässt er ebenso freudlos über sich ergehen wie andere Therapieansätze. Einzige Ablenkung ist der Tod seines Kumpels Klaus, der sich aus dem Leben trinkt, sowie das Verschwinden eines jungen Pärchens. Nur ein Kleidungsstück im Sumpf lässt über den Verbleib der beiden spekulieren.
Als Komiker hat Heinz Strunk sich einen Namen gemacht. Aber viel Komik hat der 1962 in Bevensen als Mathias Halfpape geborene Autor in seinen neuen Roman nicht reingepackt. Er selbst hat früh die Psychiatrie kennengelernt. Als er zwölf war, wurde bei seiner Mutter eine schizoaffektive Psychose diagnostiziert. Mehrere Klinikaufenthalte scheiterten ebenso wie ihr Selbstmordversuch. Seinen Vater hat er erst mit 15 kennengelernt.
Strunk ist kein Menschenfreund
Und auch Halfpape selbst erkrankte infolge seines Cannabiskonsums an einer Psychose, litt an Depressionen und immer wieder an Angstzuständen, gegen die er Psychopharmaka nahm. Er weiß also, worüber er schreibt. Das merkt man seinen Schilderungen der unterschiedlichen Sitzungen auch an. Aber augenscheinlich haben sie ihm bis heute nicht nachhaltig geholfen. „Therapien, so sinnlos wie das Leben“, formuliert er an einer Stelle mit dem ihm eigenen Humor.
Nein, Heinz Strunk ist kein Menschenfreund und wird es auch nicht mehr werden. Das hat er in Büchern wie „Fleisch ist mein Gemüse“ (2004), „Der goldene Handschuh“ (2016) oder „Ein Sommer in Niendorf“ (2022) hinlänglich bewiesen. Auch im „Zauberberg 2“ wimmelt es wieder von Losern. Komik entsteht nur durch die zynische, ja mitunter menschenverachtende Beschreibung der Figuren, die mittlerweile zu einem Markenzeichen Strunks geworden ist.
Alle in diesem Buch haben „knallrote Pickel, verstopfte Poren, Mitesser und Akneflechten“, oder „puddingfarbene Speckrollen im Nacken“, wenn sich nicht ihr Weichteil klobig in der engen Hose abzeichnet. Das ist auf Dauer schwer zu ertragen. Ebenso der Hass auf die Welt und die Hoffnungslosigkeit, die die Patienten fortwährend artikulieren. Es gehe Heinz Strunk darum, seinen Lesern gerade auch aus „gut situierten und gebildeten Kreisen“ einen Spiegel vorzuhalten, was natürlich nicht als angenehm empfunden werde, haben Kritiker mitunter angeführt, um seinen Sarkasmus zu entschuldigen.
Trägt selbst die Schuld
Das mag so sein. Trotzdem stellt sich die Frage, warum man sich das antun, warum man diese Tiraden lesen soll? Während Thomas Mann mit Naphta und Settembrini seinem „Zauberberg“ die dunkle und die helle Seite eingeschrieben hat und am Ende als Humanist aus seinem inneren Ringen hervorging, gibt es bei Heinz Strunk nur die destruktive Komponente. Es mag unfair erscheinen, sein Buch an dem Jahrhundertroman des Literatur-Nobelpreisträgers zu messen. Daran aber trägt er selbst die Schuld. Mit einem anderen Titel und ohne das vorletzte Kapitel, in dem er Thomas Mann direkt zitiert, wäre ein ganz normaler Heinz-Strunk-Roman daraus geworden.
Heinz Strunk: Zauberberg 2. Roman, Rowohlt, 288 S., 25 Euro