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Konzert in der Live Music HallBerq betört Kölner Publikum mit Samt-Stimme und Seelenmusik

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Berq bei der jüngsten Verleihung der „1Live Krone“. Er wurde als bester Newcomer ausgezeichnet.

Berq bei der jüngsten Verleihung der „1Live Krone“: Er wurde als bester Newcomer ausgezeichnet.

Berq hat am Samstagabend das Publikum in Köln begeistert. Der 20-jährige Preisträger macht nicht nur in Sachen Musik vieles richtig.

Sich den Beinamen „Felix“ – für „der vom Glück Begünstigte“ – zu verleihen, fanden schon die römischen Kaiser schick. Felix Dautzenberg hat genau das Gegenteil getan. Er legte den Felix ad acta und verkürzte seinen Nachnamen auf die letzte Silbe. Die zwar genauso ausgesprochen wird wie Berg, sich aber Berq schreibt.

Vom Glück begünstigt ist Berq trotzdem. Erst letzte Woche wurde der Sänger, Songschreiber und Musikproduzent bei der „1Live Krone“ als „Bester Newcomer“ des Jahres ausgezeichnet. Alle Konzerte 2024 sind ausverkauft, die 17 Konzerte im Februar 2025 auch. Aber der Felix, der kein Felix mehr sein will – jedenfalls nicht als Künstler – macht auch glücklich.

Er verzaubert. Er betört. Er entzückt. Schon auf der EP „Rote Flaggen“ (2023) tut er das. Und auf seinem ersten Album „Berq“, Ende Oktober veröffentlicht, tut er das. Aber live ist das noch besser. Viel, viel, viel besser. Das, was Berq am Samstag mit seiner Band in der bis kurz vorm Platzen vollen Live Music Hall in 75 Minuten (die Kürze ist der Party geschuldet, die immer samstags im Club in Ehrenfeld ansteht) ist großartig. Gigantisch. Genial.

Berqs junges Kölner Publikum ist wild begeistert

Solche Superlative sind absolut angemessen für den erst 20-Jährigen, weil er, auch unter Zuhilfenahme von Licht und Schatten, etwas inszeniert, was viel mehr ist als nur Konzert: es ist Seelenmusiktheater. Schwelgerisch, dramatisch, herzbewegend. Angefangen vom Intro „Heimweg“ bis hin zur letzten Zugabe „Rote Flaggen“. Es sind Rührstücke. Im besten Sinne des Wortes. Weil sie an- und berühren. Melodie und Melancholie enden hier nicht im Kitsch, sondern sie bilden eine traumwandlerisch sichere Symbiose.

Film Noir-Gefühle, nostalgische Schiffschaukelklänge, wilde Wehmutsfreuden und Berqs Stimme, wie ummantelt von einem Trauerflor. Nicht aus fluddrigem Tüll, sondern aus sattem Samt. Schon der erste Jubel des Abends gleicht einem Orkan. Dem folgen noch viele.

Elektronische Impulse zum Auftakt, eine Säule aus Licht auf der sonst dunklen Bühne, tastende Laserfinger. Scheinwerfer, die den suchen, auf den alle warten. Ein Piano, das die Töne wie Tränen in die Stille hinein träufelt. Der erste Jubel des Abends gleicht einem Orkan. Berq scheint das ähnlich zu empfinden: „Das ist der beste Start der ganzen Tour. Da gab es eine Stadt, die war, hm, etwas verhalten, ich sag’ jetzt keinen Namen…“. Verhalten kann man die Fans in Köln – zumeist im Alter von Berq oder jünger oder nur unwesentlich älter – nun wirklich nicht nennen. Sie sind wild begeistert. Und dankbar.

Berq sagt Ausgrenzung den Kampf an

Immer wieder werden Mitbringsel hoch auf die Bühne gereicht. Was aber, im Vergleich zu anderen Städten, keine Ausnahme ist: „Ich werde wirklich jeden Tag toll beschenkt, ich hab’ so ne kleine Kiste im Bus, da kommt alles rein.“ Bald wird er wohl eine große Kiste brauchen. Und irgendwann einen Container. Spätestens nach der Zusatztour, die ihn und seine Bands 2025 in die größeren Clubs führt, wie in Köln ins Palladium. Jede Wette: Spätestens 2026 ist Berq reif für die Arenen. Oder die Arenen für ihn. Falls er bis dahin nicht etwas gravierend Falsches tut oder verlauten lässt.

Alldieweil macht er alles richtig. Er lobt (siehe oben). Er macht sich über sich selbst lustig („Ich hab’ noch ein zweites Hemd, aber das wurde, glaube ich, beim Bügeln geschmolzen.“). Kokettiert: „Wisst ihr, wo ich vorgestern war?“ (Klar, bei der Eins Live Krone). Macht sich für Nähe stark: „Nehmt euch in den Arm, habt’ euch ganz doll lieb!“ (vor „Vergissmeinnicht“, „Im Wind“ und „Blauer Ballon“, die als Suite direkt hintereinander gespielt werden).  Und fordert (vor der letzten Zugabe „Rote Flaggen“) dazu auf, Entwürdigung jedweder Art den Kampf anzusagen. So wie er: „Ich kann zumindest sagen: auf meinen Konzerten ist kein Platz für Ausgrenzung, Rassismus und Sexismus.“ Der Applaus, der daraufhin folgt, ist womöglich der stärkste von allen.