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Projekt für die „Hardcore-Fans“Revolverheld geht mit „R/H/1“ im Carlswerk zurück zu den eigenen musikalischen Wurzeln

Lesezeit 4 Minuten
Revolverheld (2002 gegründete deutsche Rockband aus Hamburg) auf der
"R/H/1"-Tour im Carlswerk Victoria in Köln am 7.1.24. Revolverheld besteht aus: Johannes Strate (Gitarre, Gesang), Kristoffer Hünecke (Gitarre, Gesang), Niels  Kristian Hansen (Gitarre) und Jakob Sinn (Schlagzeug) sowie Arne Straube (Keyboards.

Revolverheld auf der „R/H/1“-Tour im Carlswerk in Köln

Die Band geht mit ihrem siebten Album „R/H/1“ auf Tour. Nur wer ein Ticket für die Liveshows hat, bekommt die neuen Songs zu hören. 

Eine Band hat ein neues Album und geht damit auf Tour. Klingt nicht besonders revolutionär. Aber der Titel dieses neuen Albums macht stutzig. „R/H/1“. Liest sich wie der Auftakt einer Versuchsanordnung. Und ganz ähnlich verhält es sich auch. Mit der siebten Studioproduktion von Revolverheld. „R/H/1“ kann man nicht kaufen, nicht streamen und auch nicht im Radio hören. Die zwölf neuen Songs gibt es nur live – und anschließend dreifach als Geschenk. Wie das geht, zeigen Revolverheld Sonntagabend im Carlswerk.

„Nach 17 Jahren haben wir uns von unserer Plattenfirma getrennt und uns ein eigenes kleines Label ausgedacht“, erläutert Frontmann Johannes Strate (43) die Hintergründe für das, was er, als „ein bisschen was anderes“ ankündigt. „Dass ihr auf euch dieses Experiment einlasst, das erfüllt unsere Herzen mit Wonne – und ihr seid offenbar mutig, denn ihr habt die Katze im Sack gekauft.“

„Softie-Band spielt endlich mal Riffs“

Zu diesem Zeitpunkt haben die 1 300 Katzenkäuferinnen und –käufer in der gut gefüllten Mülheimer Halle die erste Kostprobe oder, um im Bild zu bleiben, den ersten Samtpfoten-Check, bereits hinter sich. Der kein bisschen samtig daherkommt, sondern Kralle zeigt. „Krieg mit mir selbst“ bricht als brachiales Rockgewitter los. Hart, schnell und laut. Womit die Richtungsvorgabe klar wäre. Back to the Roots. Zurück zu den Wurzeln.

„2004, als wir die erste Platte gemacht haben, waren das genau die Sachen, mit denen wir damals unterwegs waren“, wird Strate später sagen. Tatsächlich klingen ganz frühe Stücke wie „Rock’N’Roll“ oder „Generation Rock“ ähnlich wild und losgelöst. Raue, schartige Musik, die sich nach und nach in Wohlgefallen und im Mainstream auflöste. „Nun spielt die Softie-Band endlich mal ein paar Riffs“, kommentiert Strate ironisch das Ende einer Entwicklung, an der besagte Plattenfirma wohl nicht ganz unschuldig war. Nun ballern die Revolverhelden wieder.

Erinnerung an die Feierbekanntschaft

Und ihre aus dem Sack gelassene Katze frisst kein Tofu. Sie macht auch keine Gefangenen. „So kaputt! So kaputt! So kaputt!“ brüllt Strate beim nächsten Stück, das beinahe schon als Heavy Metal durchginge. Positive Grundaussagen und Botschaften sucht man bei „R/H/1“ vergebens. Es geht um Zerrissenheit, Gefühllosigkeit und Gier, zerstörte Träume, Selbstekel und Liebe, die es nur auf Kredit gibt, aber selbst der ist irgendwann aufgebraucht: „Das mit uns wird nichts.“

Und das Stück über „Henrik“, den nach 40 Jahren Feierbekanntschaft der Krebs „gefickt hat“, bringt selbst die „Hardcore-Fans“, für die die einstigen Pop-Pistoleros ihr „R/H/1“-Projekt konzipiert haben, an Grenzen. Weil aber zwölf Stücke für 90 Minuten Konzert nicht ausreichen, „spielen wir auch den ein oder anderen alten Song – aber da müssen wir noch ein bisschen dran rumfeilen, ihn R/H/1-tauglicher machen.“  Was sich im Fall von „Das kann uns keiner nehmen“ dann anhört wie Santiano auf Speed.

In den nachfolgenden Jubel mischen sich auch Pfiffe. Und später, wenn das ultimative Schmusestück „Ich lass für dich das Licht an“ als erste Zugabe so klingt, als würde eine Langspielplatte mit Singlegeschwindigkeit abgespielt, verlassen viele mittendrin die Halle. Dabei ist es da erst kurz nach 21.15 Uhr. Und die Zahl derer, die am nächsten Tag zur Schule müssen, hält sich arg in Grenzen.

Original-„Oldschooliges“ wie „Halt dich an mir fest“ ruft dagegen pures Entzücken hervor. Beseligt säuselt das Publikum den Refrain mit, Arme werden um Schultern geschlungen, Paare rücken ganz, ganz nah zusammen. Obwohl das, eigentlich, nur als Anhörungsmaterial gedacht war: „So haben wir vor zehn Jahren geklungen.“

Für Revolverheld ist „R/H/1“ ein Sehnsuchtsprojekt. Eine Herzensangelegenheit. Und ein Akt der Selbstermächtigung. Weil es sich für diese Band „ein bisschen so anfühlt, wie die Platte, die wir immer schon machen wollten“. Die Fans im Carlswerk dürfen sie gleich dreifach, als Geschenk, mit nach Hause nehmen: auf CD, auf Vinyl und, per Code, zum Downloaden. Mitsamt schwarzroter „R/H/1“-Tragetasche.

Aber was ist mit denen, die nicht da waren? „R/H/1“ kann man nicht kaufen, nicht streamen und auch nicht im Radio hören. Die neuen Songs gibt es nur live. Alle, die kein Geld für ein Ticket haben, müssen auf sie verzichten. Eine Karte fürs Carlswerk hat 79 Euro gekostet. Sozialverträgliche Fanfürsorge geht anders.


Helden und beknackte Namen

Bevor Revolverheld Revolverheld hießen, firmierten sie unter Manga und als Tsunami Killer. Während der erste Name eine Affinität zu japanischen Comics vermuten ließ, erwies sich der zweite nachträglich als äußerst unglückliche Wahl. 2004 löste ein Erdbeben im Indischen Ozean eine Reihe von Tsunamis aus, die mehr als 200 000 Menschen das Leben kosteten.

Und wieso dann Revolverheld? „Unser erstes Album war ja schon sehr direkt und wir dachten immer: Unser Revolverheld schießt mit Worten. Fanden wir irrsinnig cool“, erklärte Frontmann Johannes Strate 2018 beim Start der 5. Staffel von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“. Um bei gleicher Gelegenheit zu äußern: „Wir sind die Band mit den voll beknackten Namen.“ Da kann auch Judith Holofernes (Ex-Frontfrau Wir sind Helden) ein Wörtchen mitreden: „Wir hießen mal ,Als Hobby okay’.“ Allerdings nur fünf Minuten lang. (sus)