Kathrin Schultze-Gebhardt ist Vorsitzende von „down-syndrom köln“. Wir haben mit ihr anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tages gesprochen.
Welt-Down-Syndrom-Tag„Von einer inklusiven Gesellschaft sind wir noch weit entfernt“

Schüler sitzen am in einer Inklusions-Klasse unter dem Schriftzug „Inklusion“
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Sie demonstrieren am Freitag, dem Welt-Down-Syndrom-Tag, für mehr Vielfalt und Inklusion. In welchen Feldern fordern Sie Veränderung?
In nahezu allen Bereichen. Es hat sich in den vergangenen Jahren schon einiges in die richtige Richtung entwickelt, aber von einer inklusiven Gesellschaft sind wir noch weit entfernt.
Woran merken Sie das?
Ganz zentral ist, dass Menschen mit Trisomie 21 in allen Feldern wenig zugetraut wird. Das sitzt in den Köpfen von Lehrkräften, Arbeitgebern, Vermietenden und dadurch werden ihnen viele Möglichkeiten der persönlichen Entwicklung verwehrt.
Fängt das schon in der Schule an?
Da gab es nach der Unterzeichnung der Behindertenrechtskonvention 2009 Fortschritte, aber aktuell stagniert die Entwicklung im gemeinsamen Lernen. In Köln landen wieder mehr Schülerinnen und Schüler in den Förderschulen, manchmal fehlt es an baulichen Voraussetzungen, oft an Personal zur Inklusionsbegleitung, oder an Transportmöglichkeiten. Vor allem aber an politischem Willen. Inklusion wird immer noch als „nice to have“ angesehen. Wenn wir sie uns leisten können, schön. Aber bei knappen Kassen fällt sie mit als erste unter den Tisch. Doch Inklusion ist kein „nice to have“. Sie ist ein Menschenrecht. Auf Bildung, Teilhabe und ein eigenständiges Leben.
Das bedeutet ja auch, einen Platz im Arbeitsleben zu finden. Wie gelingt das denn mit der aktuellen Ausformung von Ausbildungen?
In den letzten Jahren sind einige neue Berufsbilder mit verringerten Anforderungen geschaffen worden. Auch gibt es teils Assistenzen oder eine Begleitung am Ausbildungsplatz. Aber das Spektrum an Berufen ist sehr klein. Denkbar wäre ja auch, dass Ausbildungen nicht drei Jahre dauern, sondern fünf, wenn Menschen langsamer lernen. Oder dass schwerpunktmäßig Fähigkeiten geprüft werden statt theoretischer Kenntnisse.
Und wir sind darauf angewiesen, dass Arbeitgebende sich öffnen und verstärkt wahrnehmen, was Menschen mit Beeinträchtigungen leisten können.
Wichtig für ein eigenständiges Leben ist das Wohnen. Wie ist die Lage da für junge Menschen mit Down-Syndrom?
Es gibt ganz unterschiedliche Angebote – vom betreuten Wohnen bis zur inklusiven WG. Aber es sind viel zu wenige. Auch deshalb, weil für die betreuten Angebote Personal fehlt. Diese Möglichkeiten müssten konsequent ausgebaut und Anreize fürs Personal gegeben werden. Bei der Vergabe von Baufeldern müssten Initiativen, die inklusive Wohnprojekte verwirklichen wollen, konsequent bevorzugt werden.
Seit Juli 2022 werden nicht-invasive Pränataltests auf Trisomie 21 durch die Krankenkassen finanziert. Wirkt sich das auf die Haltung zu Menschen mit Trisomie 21 aus?
Wir habe die große Sorge, dass dieser Test zum Screening wird, also quasi flächendeckend und unhinterfragt erfolgt. Und dass mit ihm die gesellschaftliche Erwartungshaltung verknüpft wird, „so ein Kind doch nicht bekommen zu müssen“. Die Frage, die sich hier stellt, ist, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Für uns ist vollkommen klar: In einer Gesellschaft, in der Platz für alle Menschen ist und in der sich jede und jeder entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten entwickeln kann. Vielfalt, Menschlichkeit und ein vielgestaltiges Zusammenleben sind eine Bereicherung für uns alle. Und genau das wollen wir bei unserer Demo auch zeigen und feiern!