Drei Stunden lang äußerte sich ein Jugendfreund des Angeklagten. Seit 2016 gab es wieder einen engeren Kontakt - nicht frei von Vorbehalten.
Missbrauchsprozess Köln-Zollstock„Er war ein Außenseiter“ – Jugendfreund sagt vor Gericht aus

Durchsuchung der Wohnung des Angeklagten in Zollstock
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Im Prozess gegen den Kinderbetreuer, dem schwerer sexueller Missbrauch an sieben Jungen und 16 Mädchen im Alter von ein bis sechs Jahren vorgeworfen wird, hat das Schwurgericht am Mittwoch einen langjährigen Freund des Angeklagten befragt. In der fast dreistündigen Vernehmung interessierten vor allem die Belastungsfaktoren im Leben des 33-jährigen Zollstockers.
Die Atmosphäre im Internat wirkte auf mich seltsam leblos und er leidend“
Der gleichaltrige Zeuge und der Angeklagte wuchsen im selben Dorf im Kreis Düren auf und besuchten zwei Schuljahre lang dieselbe Gymnasialklasse. Als lustig, im Umgang mit den damals aufkommenden neuen Medien den anderen weit voraus, aber auch als hyperaktiv und eher einzelgängerisch beschrieb der Zeuge den Mitschüler. So soll sich die Mathelehrerin beklagt haben, dass er nach Unaufmerksamkeit im Unterricht anschließend in einer Art Privatstunde nochmaliges Erklären des Stoffs verlangt habe. Der Kontakt schlief ein, nachdem der Angeklagte in ein Internat geschickt wurde, wo der Zeuge ihn einmal besuchte.
Witze über Windeln: Ich hielt das für seinen Fetisch“
„Die Atmosphäre im Internat wirkte auf mich seltsam leblos und er leidend“, schilderte er seinen Eindruck. Bereits das Klima im Elternhaus des Angeklagten habe er als „recht steril und übermäßig ordentlich“ empfunden, was er auf dessen Allergie zurückführte. Trotzdem habe er es dort „immer schön“ gefunden, nicht zuletzt, weil der Vater, ein renommierter Facharzt, „lustig und zugänglich“ gewesen sei - wenn ihn die Jungen wegen seiner vielen Arbeit überhaupt mal zu Gesicht bekamen.
Erst 2016 seien die beiden auf Initiative ihrer befreundeten Mütter wieder intensiver in Kontakt gekommen. Überwiegend hätten sie sich online zu Computerspielen verabredet und gelegentlich an Gaming-Veranstaltungen in Köln teilgenommen. Ein gemeinsames Projekt, Tablets kindergerecht umzubauen, war schon erfolgreich getestet, als es zum Bruch kam. „Er piesackte mich, bis Grenzen überschritten waren“, sagte der Zeuge. Besonders habe ihn gestört, dass alltägliche Wörter wie „wechseln“ beim Freund sexuell aufgeladene Scherze über Menschen, die Windeln tragen, auslösten. „Ich hielt das für seinen Fetisch“, erklärte der Zeuge, der einmal, als der Angeklagte körperliche Nähe zu ihm suchte, auch überlegte, ob er vielleicht latent bi- oder homosexuell sei.
In die Probleme des Angeklagten, der im Anschluss an sein Webdesign-Studium den Berufseinstieg nicht schaffte, nach eigenen Angaben wegen eines aggressiven Vorgesetzten, und zum Kinderbetreuer umsattelte, fühlte sich der Zeuge zunehmend unangemessen hineingezogen. Er äußerte vor Gericht seine Bewunderung für die IT-Fähigkeiten und den gewissenhaften Arbeitsstil des Angeklagten und bejahte zögerlich die Frage von Richter Christoph Kaufmann, ob er den Jugendfreund im Gefängnis besuchen wolle.