Christoph Kuckelkorn wurde als erster Vertreter des Karnevals mit der Rosel-Rutkowsky-Medaille ausgezeichnet.
EhrungAn diese Frau im Kölner Karneval erinnern die Kölsche Kippa Köpp

Banner an der Synagoge an der Roonstraße.
Copyright: Costa Belibasakis
Rosel wer? Selbst bei vielen Freunden und Kennern des Karnevals dürfte der Name Rosel Rutkowsky eher ein Fragezeichen, denn ein Ausrufungszeichen hervorrufen. Dabei war die 1896 in Köln geborene Frau insbesondere in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine bekannte Unterhaltungskünstlerin. Mehr noch: Zusammen mit ihrer Schwester war sie eine feste Größe im kölschen Fasteleer. Sie waren damals die einzigen Frauen im Karneval. Rosel Rutkowsky trat als rheinische Stimmungssängerin auf und arbeitete eng mit der Karnevalslegende Hans Tobar (1888 bis 1956) zusammen.

Rosel Rutkowsky
Copyright: Kölsche Kippa Köpp
Um die Erinnerung an diese verdiente Karnevalistin und Kölnerin und damit auch an deren Familie wieder auf- und weiterleben zu lassen, hat die Karnevalsgesellschaft „Kölsche Kippa Köpp“ die Vergabe der „Rosel-Rutkowsky-Medaille“ für ein besonderes Engagement gegen Judenhass und für ein gesellschaftliches Miteinander initiiert. Im Gemeindesaal der Synagogen-Gemeinde wurde nun erstmals durch den 2017 gegründeten jüdischen Karnevalsverein die Medaille an eine Persönlichkeit vergeben, „die nicht nur für Toleranz und die gemeinschaftlichen Werte des Karnevals steht, sondern auch als Pate an der Wiege der Kölschen Kippa Köpp“ stand: Christoph Kuckelkorn, der Präsident des Festkomitees Kölner Karneval (FK).
Aaron Knappstein, Präsident der Kölschen Kippa Köpp, betonte die zwei Seiten der Medaille, die erstmals vergeben wurde: einerseits erinnere sie an den damaligen und heute wieder realen Judenhass. Andererseits stehe sie für das Lachen, Feiern, die Liebe zum jüdischen Leben. Das zeigt auch die Biografie von Rosel Rutkowsky. Schon bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten endete für ihre Schwester Ida und sie das fröhliche Leben. Denn die Rutkowsky-Schwestern entstammten einer jüdischen Familie, die in den 1890er Jahren aus dem damals russischen Grajewo (heute Polen) an den Rhein gekommen war.

Frank Levy, Christoph Kuckelkorn, Aaron Knappstein, Dieter Beumling
Copyright: Constantin Hoensbroech
Zunächst konnten sie noch bei Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbunds auftreten. Ida, von der es kein Foto gibt, wurde 1942 ebenso wie der Bruder Julius, ein in Köln rund 20 Jahre gefeierter Schauspieler, im Vernichtungslager Majdanek ermordet. Rosel gelang mit ihrem Mann Walter Lyon im Jahr 1938 die Flucht in die USA. In den 1940er Jahren trat sie mit dem ebenfalls emigrierten Hans Tobar unter anderem in New York bei karnevalistischen und rheinischen Veranstaltungen auf. Sie war auch im Rat der dort von Tobar gegründeten KG Suppengrün. Die kölsche Jüdin starb 1990 in Florida. Walter Lyon (gest. 1978) betrieb bis zur Emigration in der Engelbertstraße im Kwartier Latäng einen Autohandel – gleich um die Ecke vom jüdischen Gotteshaus an der Roonstraße. Es ist sicherlich reizvoll, darüber zu spekulieren, was Walter und Rosel zu den heutigen Karnevalsfeiern am 11.11. in ihrem einstigen Veedel sagen würden oder zum Antisemitismus, den es eben auch im Karneval gibt.
Christoph Kuckelkorn: Klare Kante von Anfang an
„Daher wollen und müssen wir eine Ehrung gegen Antisemitismus vergeben“, leitete Aaron Knappstein seine Laudatio ein und nannte eine Reihe von antisemitischen Vorfällen aus jüngster Zeit. „Der Karneval steht mitten im Leben, und wir müssen füreinander einstehen.“ Christoph Kuckelkorn habe von Anfang an klare Kante gezeigt und nannte beispielsweise dessen Engagement für einen jüdischen Karnevalswagen im Rosenmontagszug 2023. Zudem erinnerte Knappstein daran, dass Kuckelkorn auf eigene Kosten das Grab von Emil Jülich (Komponist vom ehemaligen Sessionslied „Ov krüzz oder quer, mer looße nit vum Fasteleer“) restaurieren ließ. „Menschen wie Christoph Kuckelkorn machen deutlich, was sie von Rassismus und Antisemitismus halten.“ Dies habe sich auch beim spontanen Schulterschluss von Vertretern der Karnevalsgesellschaften am 11.11. im vergangenen Jahr vor der Synagoge gezeigt.
Der Geehrte betonte, dass das FK sowie dessen 140 Vereine und Gesellschaften eine besondere Verantwortung für den Fastelovend und die Stadtgesellschaft und den „kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Reichtum“ haben. Er blickte zurück, als er vor 19 Jahren von seinem Vorgänger Markus Ritterbach die Aufgabe übernommen habe, die Rolle des FK in der NS-Zeit aufzuarbeiten. „Seitdem haben mich die Gedanken an den Missbrauch unseres Brauchtums nicht mehr losgelassen.“ Kuckelkorn widmete seine Ehrung seinem Vorgänger sowie allen FK-Vorständen der vergangenen 19 Jahre. Das Festkomitee und seine Mitgliedsgesellschaften stünden auf einem stabilen gesellschaftlichen Fundament: „Wir sind ein starkes Bündnis.“
Es sei nicht nur die Pflicht der Karnevalisten, sondern vielmehr Menschenpflicht gegenüber Rassismus und Antisemitismus wachsam zu sein, wachsam zu bleiben und zu handeln „und unsere demokratischen Werte im Kleinen wie im Großen zu verteidigen“, schloss Kuckelkorn unter dem Applaus der zahlreichen geladenen Gäste. Darunter waren der Präsident des nordrhein-westfälischen Landtags, André Kuper, sowie das designierte Dreigestirn von der Stattgarde Colonia Ahoj, außerdem der Musiker Rolly Brings, Moderator und „Sessionsarbeiter“ Wicky Junggeburth sowie Präsidenten und Vorstände von Kölner Karnevalsgesellschaften. Auch der Grandseigneur des Kölner Karneval, Ludwig Sebus (99), war in die Synagoge gekommen und kommentierte: „Es ist gerade angesichts der aktuellen Vorkommnisse wichtig, immer wieder an das jüdische Erbe und dessen Beiträge für unseren Karneval zu erinnern und diese weiter zu pflegen.“
„Er steht zur jüdischen Gemeinschaft sowie zu den Grundwerten unserer Gesellschaft“
Gil Yaron, Leiter des nordrhein-westfälischen Büros in Israel, mahnte in seinem Grußwort: „Antisemitismus ist keine Meinung, sondern eine mit Leidenschaft vertretene Weltanschauung.“ Es müsse daher konsequent darum gehen, den Antisemitismus, der sich zahlreicher Kostüme und Chiffren bediene, zu demaskieren. „Christoph Kuckelkorn hat Konsequenzen gezogen und gehandelt“, dankte er dem Medaillenträger und fügte hinzu: „Er steht zur jüdischen Gemeinschaft sowie zu den Grundwerten unserer Gesellschaft.“
Laut Aaron Knappstein ist den Kölschen Kippa Köpp die Ehrung und Erinnerung an Rosel Rutkowsky auch deshalb wichtig, weil sie Jüdin und Frau gewesen ist: „Somit gehörte sie zu zwei Gruppen, die bis heute Minderheiten auf den Bühnen, den Festsälen, in den Komitees, Elferräten und Bütten sind.“ Abraham Lehrer, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach nach der Veranstaltung von einem schönen jüdisch-kölschen Abend „mit unterschiedlichen Traditionen, aber einem gemeinsamem Ziel: Frieden und Spaß“.