Die Othmans flohen 2015 vor dem Krieg in Syrien und fanden in Köln ein neues Zuhause. Sameer, ehemaliger Fußball-Nationalspieler, arbeitet als Zahntechnikermeister, während Monna sich um die Kinder kümmert.
NeuanfangFamilie Othman floh vor dem Krieg in Syrien – und lebt heute in Köln

„Wir sind offen“, sagt Sameer Othman. Er und seine Frau Monna, Raghed, Rahf und Hala (v.l.) fühlen sich zu Hause in Ostheim.
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Wenn die Mädchen von ihrer Lieblingsbeschäftigung erzählen, dann sieht man ihnen ihre Begeisterung an, und auch, dass sie stolz darauf sind. Beide spielen bei TuS Köln Rechtsrheinisch Fußball, Rahf als Rechtsaußen, ihre Schwester Raghed in der Abwehr. Schuld daran ist womöglich Vater Sameer Othman. Der war syrischer Fußball-Nationalspieler. Heute kickt er bei Deutz 05, in der Kreisklasse, „nur so, am Wochenende“, zum Trainieren fehle ihm leider die Zeit.
Othman leitet eine Zahntechnik-Werkstatt, seit 2024 ist er Meister seines Fachs. Mit seiner Frau Monna und den drei Töchtern Rahf, Raghed und Hala ist er 2015 vor dem Krieg aus Syrien nach Deutschland geflohen. Da waren die Mädchen fünf und drei Jahre sowie sieben Monate alt. Heute sind sie 13, 11 und 9. An Syrien, die wochenlange Flucht und die gefährliche Bootsfahrt nach Griechenland kann sich Rahf noch erinnern. Raghed und Hala dagegen kennen nur Köln. Alle drei sagen, dass die Menschen hier nett sind und dass sie viele Freunde haben. Auch Hala, die jüngste, fühlt sich in ihrer Förderschule wohl. Sie mag Ponys, und wie ihre Schwestern, das Schwimmen. Köln ist ihre Heimat.
Familie Othman in Köln: Erinnerung an schwere Zeiten
Ihre Eltern erinnern sich auch an schwere Zeiten, das Leben in Containern, dem Übergangshotel, der Turnhalle, an die Angst um ihre Kinder während der langen Flucht. „Vor dem Krieg hatten wir uns ein gutes Leben aufgebaut“, sagt Sameer Othman. „Mit einer Wohnung in einer Kleinstadt und einem Häuschen im Dorf der Eltern meiner Frau.“ Othman hat als Zahntechniker gearbeitet, seine Frau Monna ist Friseurin. „Als Geflüchteter findet man sich ganz unten wieder. Man muss ganz neu anfangen“, sagt der 40-Jährige. Das tut er 2016. Weil er Latein kann, lernt er schnell Deutsch. Statt auf die unsichere Anerkennung seines Berufes nach einem Kurs zu warten, macht er seine Ausbildung erneut und ist nach dreieinhalb Jahren auf dem aktuellen Stand der Zahntechnik. Er macht in der Abendschule den Ausbilderschein, eine kaufmännische Zusatzausbildung und dann den Meisterabschluss.
Für seine Frau ist alles anders. „Sie hat in den ersten Jahren fast jeden Tag geweint vor Heimweh“, erinnert er sich. Denn Monna Othman ist viel zu Hause und kümmert sich allein um die Mädchen; Hala hat eine geistige Beeinträchtigung. Immer wenn ein Kind krank ist, kann sie nicht am Sprachkurs teilnehmen. Aus ihrer Unterkunften in der Innenstadt und später in Deutz bringt sie die beiden Älteren jeden Tag in eine Kita in Ehrenfeld, wo es freie Plätze gab. „Die Leiterin dort war unbeschreiblich, sie hat uns so geholfen. Die Kinder haben sich sehr wohl gefühlt und dort Deutsch gelernt“, beschreibt sie. Mit Hala ist sie dreimal in der Woche bei der Sprach- oder Physiotherapie – man merkt der selbstbewussten fröhlichen Neunjährigen an, wie gut ihr die Förderung tut. Ihre Mutter würde sehr gerne arbeiten, aber noch geht es nicht.
Unsere Kinder sollen in Frieden und Sicherheit aufwachsen.
„Als wir hier ankamen, haben wir überlegt, wie wir es schaffen. Und entschieden, einer muss lernen, einer mit den Kindern alles machen“, erzählen beide. „Ohne meine Frau hätten wir das nie geschafft“, sagt Othman. Rahf geht in die Realschule, sie will danach Abitur machen und Medizin studieren. „Einfach ein gutes Abi“ will ihre Schwester schaffen, die auf dem Gymnasium ist.

Familie Othman zuhause
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Nach Syrien zurückzugehen ist für die Familie undenkbar. „Unsere Kinder sollen in Frieden und Sicherheit aufwachsen“, sagen die Eltern. Sie fürchten, dass dort die Islamisten die Macht übernehmen, „weil es keine Kräfte gibt, die das auf Dauer verhindern. Und dann wird es noch schlimmer als unter Assad.“ Ihre Eltern hat Monna Othman seit neun Jahren nicht sehen können, jetzt ist die Sorge um sie noch größer.
Sameer und Monna Othman wollen in Köln bleiben, bis die Kinder auf eigenen Füßen stehen, und womöglich für immer. Deshalb haben sie 2021 ihre Einbürgerung beantragt. „Wir haben alle Unterlagen eingereicht und alles erfüllt, was wir mussten. Es wurden immer wieder neue Schulbescheinigungen und 2024 noch mein Meisterbrief nachgefordert. Bis heute sind wir nicht eingebürgert“, so Vater Sameer. Vollwertiger Teil der Gesellschaft zu werden, das sei ihnen nach zehn Jahren hier sehr wichtig, sagen sie. „Und auch, weil wir ja nicht wissen, was noch kommt in Deutschland.“