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Rundschau-Debatte des TagesSind die Ziele bei Windparks zu ambitioniert?

Lesezeit 5 Minuten
Sassnitz: Blick auf den Offshore-Windpark ‚Arkona‘ in der Ostsee vor der Insel Rügen.

Sassnitz: Blick auf den Offshore-Windpark ‚Arkona‘ in der Ostsee vor der Insel Rügen.

Die Windkraft-Branche schlägt Alarm: Für den deutschen Offshore-Ausbau und die Ziele der Bundesregierung fehlt es derzeit von Material bis Fachkräften an allen Ecken. 

Deutschland braucht unbedingt mehr Strom. Den Löwenanteil sollen neue Offshore-Windparks in der Nordsee liefern. Das Ziel: die Produktion von 8 Gigawatt in nur sieben Jahren auf 30 Gigawatt vervierfachen. Aber Netzbetreiber und Experten schlagen Alarm, weil Bauteile fehlen. Wie dramatisch ist die Lage?

Als Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) Ende März den Windpark Kaskasi vor Helgoland einweiht, kennt sein Optimismus keine Grenzen. Auch Kanzler Olaf Scholz (SPD) schwärmt Ende April beim Offshore-Gipfel im belgischen Ostende: „In ganz kurzer Zeit wird die Nordsee, noch viel mehr als wir das heute schon wissen, der wichtige Ort der Energieproduktion sein.“

Nur drei Monate später ist die Euphorie bei Fachleuten verflogen. „Der Energiewende-Turbo hat zu einer Verknappung auf den Zuliefermärkten geführt“, sagt Stefan Kapferer, Chef des an vielen Offshore-Projekten beteiligen Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz, unserer Redaktion: „Wenn wir ehrlich sind, müssen wir feststellen: Es fehlt an allem. Und das wird auf Jahre so bleiben.“ Werden in Berlin nicht schnell viele Hebel umgelegt, dann werde die Erreichung der Ausbauziele „nicht gelingen“, warnt auch Andreas Mummert, Politikchef der Stiftung Offshore Windenergie.

Was genau fehlt für den Offshore-Ausbau?

„In der Tat, es fehlt an allem: Konverterplattformen, Turbinen, Fundamenten, Schiffen, Hafenkapazitäten…“, sagt Mummert. Bei den Türmen, auf die die Turbinen montiert werden, übersteige die Nachfrage das Angebot schon ab 2026 erheblich, und zwar in Deutschland, Europa und weltweit. Ähnlich sieht es bei den Turbinen aus. Genug Hochleistungskabel gebe es frühestens in „fünf bis zehn Jahren“, sagt ein anderer Insider. Und damit nicht genug: Allein für die Vielzahl an Spezialschiffen, etwa zur Installation oder zum Verlegen von Kabeln, wird sich der Bedarf vervielfachen. Und für all das braucht es Fertigungskapazitäten und Flächen, die nicht in Sicht sind. Hinzu kommt der akute Mangel an Fachkräften. Die ohnehin „erheblichen“ Herausforderungen würden sich durch die globale Konkurrenz um Offshore-Produkte noch „massiv“ verstärken, heißt es in einer vertraulichen Bestandsaufnahme der Stiftung Offshore Windenergie.

Wo liegt das Problem bei Konverter-Plattformen?

Zwei Zahlen belegen den krassen Mangel: Allein an den Häfen werden der Stiftung zufolge 150 bis 200 Hektar zusätzliche Umschlag- und Lagerfläche mit Kaikantenzugang gebraucht. Und das Herzstück von Offshore-Windparks sind Konverter-Plattformen, die den Strom transportabel machen. In Deutschland und den Niederlanden werden davon bis 2030 noch mindestens 20 weitere Systeme ausgeschrieben. Zwischen 2030 und 2035 werden allein für Deutschland mindestens zehn bis zwölf weitere Stationen benötigt. Zurzeit gibt es in Europa einen Standort, an dem Systeme gebaut werden, die leistungsstark genug sind: im spanischen Cadiz. Der Output: eine Plattform pro Jahr. Zwar fertigen auch die Chinesen solche Anlagen. Sie sind aber mit sensibler Technik vollgepackt, und „made in China“ kommt deswegen eigentlich nicht infrage.

Warum die desaströse Knappheit?

In Deutschland wurde die Offshore-Industrie durch die Kappung der Ausbauziele 2014 böse ausgebremst und kam bis 2020/21 zum Erliegen. Jetzt sind die Produktionsflächen nicht mehr verfügbar, aber seit anderthalb Jahren explodiert die Nachfrage europäisch und weltweit. Offshore-Spezialist Mummert sagt: „Inzwischen herrscht eine heftige Konkurrenz, und zwar national, europäisch und global, um die viel zu geringen Produktionskapazitäten.“ Und das heißt: Selbst, wenn etwa deutsche Fundamentehersteller wie EEW oder Steelwind hierzulande ihre Produktionskapazitäten um Hunderte Fundamente pro Jahr ausbauen würden, wäre keineswegs gesichert, dass all diese in Deutschland aufgestellt werden würden.

Bei den Seehäfen hat der nationale „Fadenriss“ dazu geführt, dass Deutschland erhebliche Marktanteile an Dänemark und die Niederlande verloren hat. In Bremerhaven, Wilhelmshaven und Cuxhaven wandte man sich anderen Geschäftsfeldern zu. Was erschwerend hinzukommt: Bei wichtigen Offshore-Unternehmen fehlt es nach Jahren des wirtschaftlichen Darbens an Eigenkapital. Wird das grüne Offshore-Kraftwerk nicht rechtzeitig fertig?

Dass es zu Verzögerungen beim Offshore-Ausbau kommt, daran hegen die Experten keinen Zweifel. Die Erreichung des 2030-Ziels werde eine Herausforderung. Die Verknappung durch den explodierten Markt „könnte auch Bornholm Energy Island und vergleichbare Projekte verzögern“, sagt Kapferer. Von der dänischen Energie-Insel vor Bornholm soll in wenigen Jahren Grün-Strom nach Deutschland fließen, 50Hertz ist für die Anschlüsse verantwortlich. Habeck hatte bei der Unterzeichnung des Regierungsabkommens im Juni vom „ersten Offshore-Kooperationsprojekt Europas“ geschwärmt. Und jetzt sagt der 50Hertz-Chef, im Worst Case könnten benötigte Komponenten wie Kabel und Konverter mit erheblicher Verspätung geliefert werden. Sein Fazit: „Es müssen rasch Lösungen gefunden werden, sonst wird das grüne Großkraftwerk in Nord- und Ostsee, über das Bundeskanzler Olaf Scholz beim Offshore-Gipfel in Ostende im April gesprochen hat, nicht schnell genug fertig. Und das wäre für Deutschland und Europa nicht gut.“


Ausbauziel

30 Gigawatt aus Offshore-Windparks bis 2030 sind nur eine Zwischenetappe. Bis zum Jahr 2035 soll die Produktion schon 40 Gigawatt betragen, für 2045 sind sogar 75 Gigawatt angepeilt – so viel, wie 70 Atomkraftwerke liefern. Und nur für Deutschland, wohlgemerkt. In Europa soll die Produktion binnen sieben Jahren auf bis zu 90 Gigawatt hochgehen und bis 2050 auf 300. (tob)


Maßnahmen und Forderungen

Die Politik hat die Probleme auf dem Schirm. Schon 2022 gab es Runde Tische, und Robert Habeck richtete ein neues Referat ein, das die Brücke zwischen Industrie- und Energiepolitik schlägt. Die Ampel-Fraktionen wollen nach der Sommerpause zudem ein Gesetz zur Stärkung der maritimen Wirtschaft verabschieden.

„Aber leider gilt: Was man über Jahre verbockt hat, ist kaum innerhalb eines Jahres zu reparieren“, sagt Andreas Mummert von der Stiftung Offshore Windenergie. Zu den Forderungen der Unternehmen gehört, Mittelstandsunternehmen in die Förderbürgschaftsabsicherungsprogramme des Bundes einzubeziehen und das Finanzierungsinstrumentarium und die Bürgschaftsprogramme anzupassen. Besonderes Ärgernis ist das Gezerre um die Hafenfinanzierung. So liegt für den Ausbau von Cuxhaven der Planfeststellungsbeschluss vor. „Eine Beteiligung des Bundes könnte hier zu einer schnellen Umsetzung führen. Daran hängt es“, sagt Mummert.