Liebesbriefe vom Lehrer: Buchautorin Britta Rotsch spricht im Interview über Machtmissbrauch im Kontext Schule.
Opfer von Machtmissbrauch in der Schule„Er hat mich über Jahre kontaktiert“

Autorin Britta Rosch veröffentlicht mit „Wenn Lehrer Grenzen überschreiten“ ein Buch über Machtmissbrauch im Kontext Schule.
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In der ersten Mail, die Britta Rotsch von ihrem Lehrer erhalten hat, steht: „Du bist wunderschön. LG“. Es folgen viele weitere E-Mails, SMS und Anrufe. Da war sie zwölf Jahre alt. Heute ist Britta Rotsch 37 und weiß, dass da ein emotionaler Machtmissbrauch stattgefunden hat, wie sie im Interview mit Ankea Janßen berichtet. In ihrem Buch „Wenn Lehrer Grenzen überschreiten“ legt Rotsch auch dar, wodurch in der Schule Missbrauch begünstigt werden kann.
Frau Rotsch, zum Abitur haben sie von ihrem Deutschlehrer einen Brief bekommen. Darin stand unter anderem „Und ich hoffe, dass du mir irgendwann glauben kannst, dass ich dich liebe“. Das war nicht die einzige Nachricht dieser Art von ihm, oder?
Es gab über 100 E-Mails, SMS, manchmal Anrufe und eben Briefe. Er hat mir über zwei Jahre während der Schulzeit geschrieben, aber auch danach ging es weiter. Über Jahre hat er mich kontaktiert, mich gefragt, wie es mir geht, ob wir uns treffen können und mir Lebenstipps gegeben.
Wie lange haben Sie auf diese Nachrichten geantwortet?
Am Anfang regelmäßig, wenn auch immer wieder mit einigen Tagen Pause dazwischen. Mit der Zeit wurden meine Antworten aber immer kürzer, irgendwann blieb ich stumm. Jemanden aus meinem Leben zu verbannen, der mich „liebt“ und sich um mich sorgt – dieser Gedanke war lange schwer zu ertragen für mich.
Mittlerweile können Sie das als klaren Machtmissbrauch benennen. Das hat aber lange gedauert. Gab es einen Schlüsselmoment, an dem Sie gemerkt haben, was da mit Ihnen passiert?
Dass ein emotionaler Missbrauch stattgefunden hat, war es für mich schwer zu erkennen, denn ich wurde von vornherein manipuliert. Lange habe ich das gegenüber anderen als lustige Geschichte abgetan. Irgendwann hat mir mein Lehrer geschrieben, dass er den Ponyhof besucht hat, auf dem ich als Kind geritten bin. Da hat sich etwas in mir verändert. Ich habe es als extrem empfunden, dass er derart in meine Vergangenheit eindringt. Da war ich aber schon Anfang 30. In der Recherche für mein Buch habe ich dann gemerkt, dass ich eine von vielen bin.
Sie haben mit zahlreichen Frauen gesprochen, die ebenfalls Machtmissbrauch in der Schule erlebt und deren Geschichten Sie anonymisiert in Ihrem Buch veröffentlicht haben. Haben Sie Parallelen zu ihren eigenen Erfahrungen festgestellt?
Ja, die Vorgänge sind immer gleich. Es fängt mit Grooming (gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener mit Minderjährigen in Missbrauchsabsicht, Anm. d. Red.) durch die Lehrkraft an. Die Täter suchen sich bewusst Menschen aus, die vulnerabel sind, keine Grenzen setzen können und nicht das größte Selbstbewusstsein haben. Wer gut sexuell aufgeklärt wurde, hat ein geringeres Risiko, in so etwas hereingezogen zu werden und auch der familiäre Hintergrund und die Bindung zu den eigenen Eltern ist sehr wichtig.
Wie war die Beziehung zu Ihren Eltern?
Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, war die einzige, die Abitur gemacht und studiert hat. Meine Eltern haben meine Interessen nicht geteilt. Mein Lehrer hingegen schon. Er hatte Psychologie und Germanistik studiert, ich konnte mich mit ihm über Literatur austauschen. Er wurde schnell eine Art Mentor für mich.
Fördert ein Lehrer die individuellen Interessen und Stärken eines Schülers, ist das ja erstmal positiv zu bewerten. Wann, würden Sie sagen, werden Grenzen überschritten?
Handynummern werden ja mittlerweile schnell ausgetauscht, es gibt Klassenchats und so weiter. Wenn ein Lehrer aber Nachrichten am Abend oder mitten in der Nacht schreibt und versucht eine Verbindung jenseits vom schulischen Kontext aufzubauen, dann sollte man stutzig werden. Viele berichten mir auch, dass der Lehrer plötzlich in derselben Bar oder im Schwimmbad aufgetaucht ist. Das sind auf jeden Fall Warnzeichen. Sowas soll und darf nicht sein.
Welche Faktoren gibt es noch, die Machtmissbrauch im Kontext Schule begünstigen?
Das Thema wird immer noch tabuisiert. Nach dem Motto: Was nicht sein darf, gibt es auch nicht. Gelder für Studien werden gestrichen, was das System weiter begünstigt. Außerdem ist das Schulsystem in Deutschland so individuell, jedes Bundesland hat seine eigenen Vorgaben und niemand hat einen Überblick. Schulen haben den Auftrag, die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu schützen, aber das passiert meines Erachtens zu wenig. Fortbildungen zum Thema gibt es nur wenige, sie werden nicht bezahlt oder es wird Lehrkräften nicht die Zeit dafür eingeräumt. Auch angehende Lehrerinnen und Lehrer werden in sexueller Bildung nicht ausreichend geschult. Es gibt an vielen Schulen zwar Schutzkonzepte, aber Lehrkräfte werden nicht richtig gebrieft und auf den Ernstfall vorbereitet. Und auch der Lehrermangel spielt eine Rolle.
Im Zuge Ihrer Recherchen haben Sie Ihren Lehrer nochmal kontaktiert, es gab aber keine Antwort. Hätten Sie sich eine Entschuldigung gewünscht?
Ich habe ihm einige Fragen gestellt und mich hätte seine Sicht wirklich interessiert. Es hat mich anfangs geärgert, dass er nicht geantwortet hat. Für mich war das dann aber der Beweis, dass er sich ertappt fühlt. Eine ernsthafte Entschuldigung für sein Verhalten hätte ich von ihm wahrscheinlich nie bekommen. Ich bin in meinem Verarbeitungsprozess mittlerweile auch so weit, dass ich keine mehr brauche.