Der Prozess gegen Chirurgen Joël Le Scouarnec wegen Missbrauchs von 299 überwiegend minderjährigen Patient:innen, enthüllt erschreckende Details.
„Fürchterliche Taten begangen“Grausige Details beim Prozess um Kindesmissbrauch

Joël Le Scouarnec
Copyright: AFP
Sein Prozess läuft erst seit wenigen Tagen, doch Joël Le Scouarnec hat bereits mehrmals seiner Reue Ausdruck verliehen. „Ich habe fürchterliche Taten begangen“, sagte der frühere Chirurg zum Auftakt seines Prozesses am Montag wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung von 299 Patientinnen und Patienten. Diese waren überwiegend minderjährig und befanden sich teils unter Narkose nach einer Operation, als er sich an ihnen verging. Er bedauere zutiefst, so viel Leid über so viele Menschen gebracht zu haben, betonte der 74-Jährige.
Kontrast zu Tagebüchern
Doch seine Worte stehen in einem verstörenden Kontrast zu den Tagebüchern, die er über Jahrzehnte hinweg führte. Der Spezialist für Darmerkrankungen beschrieb darin nicht nur seine Handlungen detailliert, er notierte auch die Namen und Adressen seiner Opfer. „Tagesbücher des Grauens“ nennen die französischen Medien die Aufzeichnungen. „Ich habe beim Rauchen meiner Morgen-Zigarette über die Tatsache nachgedacht, dass ich ein großer Perverser bin“, schrieb Le Scouarnec im April 2004. Er sei gleichzeitig Exhibitionist, Voyeur, Sadist, Masochist, Fetischist, Pädophiler. „Und ich bin sehr glücklich darüber.“ Immer wieder rühmte er sich, nicht ertappt worden zu sein, wenn er ein Kind im Krankenbett angriff und es unter dem Vorwand einer medizinischen Untersuchung mit den Fingern penetrierte. Der zweitälteste seiner drei Söhne sagte aus, sein Vater sei „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“: ein liebevoller Vater, der zugleich im Verborgenen zu fürchterlichen Taten fähig war. Der Erstgeborene wiederum versicherte, bis 2017 habe er „nur die gute Seite meines Vaters gekannt, eines Mannes mit viel Humor, sehr intelligent und ruhig“.
Taten sind teilweise verjährt
Bei dem Prozess in Vannes geht es um Fälle, die sich zwischen 1989 und 2014 in knapp einem Dutzend Krankenhäusern in Westfrankreich zugetragen haben sollen. Weiter zurückliegende sind verjährt. Weil das Gericht für die riesige Zahl von Zivilklägern zu klein ist, wurden mehrere Säle in der ehemaligen juristischen Fakultät kostspielig umgebaut. Frankreichs bisher größter Kinderschänder-Prozess ist auf vier Monate angesetzt. Le Scouarnec droht die Höchststrafe von 20 Jahren.
Bereits 2020 war er wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung von zwei Nichten, einer vierjährigen Patientin und einem sechsjährigen Nachbarsmädchen zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Anschuldigungen der Nachbarin führten zu einer Durchsuchung von Le Scouarnecs Haus in Jonzac an der französischen Westküste. Dort fand die Polizei Sexspielzeug, große Puppen, Kinderunterhosen sowie seine Tagebücher. Auch hatte er rund 300.000 Fotos und Videos von Kindesmissbrauch abgespeichert.
Eine Meldung des US-Sicherheitsdienstes FBI, weil er auf kinderpornografischen Seiten unterwegs war, führte 2005 zu einer Bewährungsstrafe für Le Scouarnec. Berufliche Konsequenzen hatte diese nicht.
„Mein Vater kommt überall durch, er hat gute Manieren, ist kultiviert und höflich“, beschrieb ihn nun sein zweiter Sohn, der als Kind selbst von dem Vater des Angeklagten missbraucht worden war. Herrschte in der Familie das Gesetz des Schweigens? Le Scouarnecs Bruder beschuldigte dessen Ex-Frau, ihren Ex-Mann lange gedeckt zu haben. Die 71-Jährige wies den Vorwurf empört von sich, nannte aber auch eine von ihm vergewaltigte Nichte eine „Lügnerin“ und behauptete, dass es manchen Opfer „gut gefalle“, missbraucht zu werden. Eine Anwältin wies sie auf ihr „großes Glück“ hin: „Sie sollten neben Ihrem Ex-Mann auf der Anklagebank sitzen: Wir sind überzeugt davon, dass Sie von seinen Taten wussten und nichts getan haben.“ Hätte Le Scouarnec früher gestoppt werden können? Die 299 Zivilkläger erhoffen sich Aufklärung in den nächsten Wochen.