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Neues SpezialfahrzeugTroisdorfer Feuerwehrleute können sich künftig an der Einsatzstelle reinigen

Lesezeit 4 Minuten
Nico Schiffbauer reicht seinem Kameraden Dennis Ried Einmal-Handschuhe, damit nicht weitere Schadstoffe beim Entkleiden an seine Hände gelangen.

Nico Schiffbauer reicht seinem Kameraden Dennis Ried Einmal-Handschuhe, damit nicht weitere Schadstoffe beim Entkleiden an seine Hände gelangen.

Einsatzstellenhygiene wird immer wichtiger. Mit dem neuen Konzept steigen Wehrleute nach dem Einsatz gereinigt und frisch gekleidet in ihre Fahrzeuge.

Früher sind Feuerwehrleute mit ihrer verrußten, möglicherweise mit Giftstoffen beaufschlagten Einsatzkleidung in ihre Fahrzeuge gestiegen, um zurück ins Gerätehaus zu kommen. Sie atmeten Schwebstoffe ein, über die Haut nahmen sie sogenannte Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) auf. Das sind Verbindungen, die nach Angaben des Umweltbundesamtes als krebserregend gelten und bei unvollständiger Verbrennung organischer Stoffe entstehen, Holz, Kohle oder Öl zum Beispiel.

Diese Zeiten sind vorbei, Einsatzstellenhygiene ist zum wichtigen Thema geworden. Die Feuerwehren auch im Rhein-Sieg-Kreis haben begonnen, mit verschiedenen Konzepten ihre Kräfte noch vor Ort zu dekontaminieren, also von den Giftstoffen zu reinigen. Die Freiwillige Feuerwehr Lohmar etwa hat eine eigene Gruppe dafür aufgebaut, die auch von den Nachbarwehren angefordert werden kann.

Ein ausgemusterter Notarztwagen dient als Zugmaschine

Die Feuerwehr Troisdorf hat jetzt für rund 110.000 Euro einen Anhänger angeschafft. „Wir haben uns bewusst für diese Variante entschieden“, sagt Dirk Zehe, als Sachgebietsleiter verantwortlich für die Beschaffung von Fahrzeugen und Geräten. „Wir haben einen ausgemusterten Notarztwagen als Zugmaschine, dafür ist kein Lastwagenführerschein notwendig.“ Das zwei Tonnen schwere Gefährt ist innerhalb von zehn Minuten aufgebaut und kann von zwei bis drei Personen bedient werden.

Die Feuerwehr Troisdorf hat einen Anhänger für die Einsatzstellenhygiene angeschafft. Eine Markise schützt vor Regen oder Sonne.

Die Feuerwehr Troisdorf hat einen Anhänger für die Einsatzstellenhygiene angeschafft. Eine Markise schützt vor Regen oder Sonne.

Im Inneren herrscht Unterdruck, sodass keine Schadstoffe nach draußen gelangen. Was herumschwebt, wird in zwei Stufen gefiltert, genauso wie das Abwasser. Es ist danach so sauber, dass es in den Kanal eingeleitet werden kann. Denn die Feuerwehrleute entkleiden sich da drin nicht nur, sie können sich warm duschen und erhalten saubere Ersatzkleidung, getrennt nach Mann und Frau, für die es auch einen frisch verpackten BH gibt.

Vor dem Eingang, dem sogenannten Schwarzbereich, liegt eine dunkle Plane. Der Trupp aus dem Einsatz kommt dort hin und stellt die Stiefel erst einmal in die eigens dafür vorgesehene Waschanlage. Dabei trägt er so lange wie möglich das Atemschutzgerät. Anschließend kniet sich die Einsatzkraft auf die Plane und entkleidet sich taktisch, das heißt, alle Kleidungsstücke werden so ausgezogen, dass sie die Haut nicht mehr berühren. 

Auf einem Laufzettel wird unter anderem ermittelt, welche Ersatzkleidung  benötigt wird.

Auf einem Laufzettel wird unter anderem ermittelt, welche Ersatzkleidung  benötigt wird.

Dennis Ried macht es vor. So kniet er sich zum Beispiel auf seine Handschuhe und zieht seine Hände heraus. Die Atemluftflasche nimmt er ab, nutzt aber weiter das Mundstück, bis ihm Nico Schiffbauer eine FFP2-Maske gibt. Schiffbauer notiert im nächsten Schritt Namen, Geschlecht und welche Ersatzkleidung in welcher Größe notwendig ist. Persönliche Ausrüstungsgegenstände und Funkgerät kommen in Boxen. Sie werden separat gereinigt.

Anschließend betritt Ried den ersten Raum, packt den Laufzettel in eine Plastiktüte und Jacke, Hose, Shirt, Socken sowie Unterwäsche in einen Sack, der an einer Öffnung nach draußen angebracht ist. Der wird hermetisch verschlossen. Ried betritt als nächstes den Duschraum, wo er durch eine Schleuse seinen Zettel nach draußen gibt. Mit einer Spezialseife, der einzigen, die zuverlässig PAKs entfernt, kann er sich säubern. Spätestens nach einer Stunde sollten sie abgewaschen sein.

Im dritten Raum ist eine weitere Schleuse, über die die angeforderte Ersatzkleidung mit Handtuch durchgereicht wird. Der Feuerwehrmann oder die Feuerwehrfrau kann sich in Ruhe abtrocknen und wieder ankleiden. „Wir können bis zu vier Trupps wieder für den Innenangriff bereit machen“, erklärt Zehe. So viel vollwertige Einsatzkleidung ist in dem Regal im vierten Raum gelagert.

Neben der Durchreiche für verschmutzte Kleidung gibt es eine chemische Toilette.

Neben der Durchreiche für verschmutzte Kleidung gibt es eine chemische Toilette.

Daneben gibt es aber noch etwa 20 Overalls, so dass sich zahlreiche weitere Feuerwehrleute reinigen und neu einkleiden können. Etwa acht Minuten dauert ein Komplettdurchgang für jeden, doch wenn einer oder eine duscht, kann der oder die nächste sich schon entkleiden. Für die Bediener, die nicht tauglich für die Pressluftatmer sein müssen, gibt es spezielle Filtergeräte, sollte die Kontaminierung extrem stark sein.

„Das Ziel ist es, alle Leute an der Einsatzstelle zu säubern“, betont Zehe. Benutzt wird ausschließlich Trinkwasser, das über ein spezielles Standrohr und geeignete Schläuche in den Anhänger gepumpt wird. Zwei Elf-Kilogramm-Gasflaschen heizen die Räume und das Duschwasser. Es gibt sogar eine Chemie-Toilette. Dank der Batterien kann die Hygieneeinheit sechs Stunden lang autark betrieben werden. Extrem verschmutzte Abwässer werden in einem 150-Liter-Tank aufgefangen.

Das Ziel ist es, alle Leute an der Einsatzstelle zu säubern.
Dirk Zehe, Sachgebietsleiter für die Beschaffung von Fahrzeugen und Geräten

Inzwischen sind die Wachabteilungen der hauptamtlichen Wache bereits geschult. Die Freiwilligen werden jetzt eingewiesen. Hänger und Zugfahrzeug sollen künftig bei der Löschgruppe Mitte stationiert werden.