Ulla Fiebigs Tara-Tierhilfe im Ortsteil Krahwinkel in Lohmar ist ein Lebenshof für Pferde, Schafe und Ziegen.
„90 Prozent wären sicher tot“In Lohmar finden alte und ausgediente Nutztiere ein neues Zuhause

Martina Boeren-Kulmbach und Ulla Fiebig mit dem Esel „Corazon Espinado“ (dorniges Herz).
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„Hallo Otto, mein Schatz“, begrüßt Ulla Fiebig das kleine Pony, das gerade aus dem Stall getrottet kommt. Mit dem einen, heilen Auge blickt es zu ihr hinauf, lässt sich bereitwillig streicheln. „Der kleine Kerl gehörte mal einem Zirkus und führte dort eine Nummer mit einer Ziege auf, bis er nicht mehr versorgt werden konnte“, sagt die Gründerin der Tara Tierhilfe in Lohmar-Krahwinkel.
Sie kennt alle Tiere auf dem Hof mit Namen – und ihre Geschichten. Es ist nicht nur die von Kuh Hilde, die auf ihrer Flucht vor dem Schlachter wochenlang durch die Wälder streifte, ehe sie eingefangen und vorübergehend bei der Tara Tierhilfe untergebracht wurde. „Hier leben Tiere, die woanders kein Zuhause mehr haben. Meistens können die Besitzer sich die Haltung nicht mehr leisten“, erläutert die 56-Jährige.
In Lohmar leben Tiere, die woanders kein Zuhause mehr haben
Das Wort „Gnadenhof“ möge sie nicht, „Lebenshof“ sei passender. „Ohne den Hof wären 90 Prozent der Tiere sicher tot.“ Vierbeinern das Leben retten, das macht sie, seit sie 15 Jahre alt ist. Damals kaufte sie heimlich, ohne das Wissen ihrer Eltern, ein Pferd. Im Jahr 2000 gründete sie die Tara Tierhilfe, deren ehrenamtliches Engagement sie 2017 in rechtliche Bahnen lenkte, indem sie den gleichnamigen Verein ins Leben rief.

Mulis und Pferde mögen besonders die jungen Besucherinnen und Besucher gern.
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„Wir hatten damals einen Stall in Lohmar, an der Autobahn. Eines Tages kam eine Frau, die uns die Möglichkeit gegeben hat, mit den Tieren hier nach Krahwinkel zu ziehen. Es war genau der richtige Zeitpunkt, länger hätten wir keine Kraft aufbringen können.“ Auf dem Hof leben Pferde, Ziegen und Schafe, aber auch Geflügel, dazu Schweine und Esel. Hunde, Katzen und Kleintiere nimmt die Tierhilfe dagegen nicht auf.
Das Besondere an der großflächigen Anlage ist: Die meisten Tiere laufen frei herum. Eines der Ponys trottet vorbei, die Schafe liegen auf einer Wiese ohne Zaun in der Sonne, die Ziegen kommen angelaufen, weil die Besucher Futter dabeihaben könnten.
Auf dem Hof in Lohmar engagieren sich rund 80 Ehrenamtliche
„Es ist ein wunderschöner Ort, hier gibt es viel Platz, und wir haben alles, was es für die Versorgung der Tiere braucht“, sagt Martina Boeren-Krumbach, eine von rund 80 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Zur Ausstattung gehören Rotlicht, Wärmelampen und Inhalationsboxen, in denen lungenkranke Pferde Atemmittel einatmen können.
Denn alt und krank sind die meisten Pferde, die hierherkommen. „Es kommt häufig vor, dass sie nicht mehr aufstehen können. Dafür gibt es eine Notfallgruppe mit Ehrenamtlichen, die sich per Whatsapp organisiert. Die stehen dann nachts im Schlafanzug hier und helfen, das Pferd wieder hochzuheben“, schildert Boeren-Krumbach. Dafür nutzten sie ein spezielles Tragetuch. „Wer nicht tragen kann, kocht halt Kaffee. Es ist schön zu sehen, wie wenige Minuten nach dem Ruf die Autos herankommen, wie bei einer Sternfahrt.“

Das Besondere an dem Hof der Tara Tierhilfe ist, dass die meisten Tiere frei herumlaufen: wie diese Ziegen.
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Auch Fiebig arbeitet ehrenamtlich bei Tara Tierhilfe, sie verdient ihr Geld als ambulante Krankenschwester. „Es wird immer schwieriger, Ehrenamtliche zu finden. Manche wollen sich nur um ein Pferd kümmern oder haben wenig Zeit“, sagt sie.
„Tierschutz ist anstrengend körperlich, aber auf dem Hof ist für alle etwas dabei. Jeder ist willkommen, jeder kann sein, wie er ist, und in Verbindung mit den Tieren ist das eine schöne Sache“, ergänzt Boeren-Krumbach. Auch Menschen mit Einschränkungen arbeiteten auf dem Hof. „Das ist ihnen lieber als eine Behindertenwerkstatt.“
Die werden normalerweise kein Jahr alt.
Fiebig lockt Martin aus seinem Stall, ein ausgesprochen riesiges Schwein. „Ihm wurde eine Rippe hinzugezüchtet, damit man mehr Koteletts aus ihm schneiden kann“, sagt Boeren-Krumbach. Das Schwein, das nun grunzend am Zaun steht, wurde als Ferkel vor dem Schlachter gerettet. „Die werden normalerweise kein Jahr alt“, sagt Fiebig. Auch Tiere hätten den Willen zum Überleben. Sie trauerten um ihre Partner, indem sie nach ihnen suchten, lethargisch würden oder nichts fressen wollten.
„Wir bieten tierethische Führungen an, in denen wir erklären, welche Rechte Tiere haben sollten. Es ist wichtig, auf ihre bedauerliche Situation hinzuweisen und dass jedes Wesen ein Recht auf Leben hat. Das bringt die Leute zum Nachdenken und schließlich zum Umdenken“, berichtet Fiebig.
Der Verein biete Tierpatenschaften an, sei auf Weihnachtsmärkten vertreten, veranstalte drei Tage der offenen Tür im Jahr. Zugleich sei er auf Spenden angewiesen. „Vor zwei Jahren wurde die Gebührenordnung für Tierärzte angepasst, es ist jetzt viel teurer, einen Tierarzt dazu zu holen. Zum Vergleich: Für ein Röntgenbild bei meinem Hund habe ich 900 Euro bezahlt – das kann man ja mal auf ein Pferd hochrechnen“, sagt Boeren-Krumbach. Fiebig: „Wir lassen auch ein Huhn röntgen. Wenn wir helfen können, wird auch dem Huhn geholfen.“
Die Tara Tierhilfe bietet Kindergeburtstage auf dem Hof in Lohmar an. Außerdem gibt es Kurse zum „Esel-Einmaleins“, bei dem Interessierte die Tiere streicheln, beobachten oder mit ihnen spazieren gehen können. Dazu kommen die tierethischen Führungen, bei den Kinder und Erwachsene einiges über den Umgang von Menschen mit Tieren lernen können. Adresse und Kontakt: Krahwinkeler Straße 46 in Lohmar, Telefon: 02247/9238650, Mail an info@tara-tierhilfe.de.