Auf einer Pressekonferenz berichteten die Bonner Polizei und Staatsanwaltschaft über die bisherigen Ermittlungsergebnisse.
Europaweite RazziaIm Rhein-Sieg-Kreis, Bonn und Köln gelang ein großer Schlag gegen Drogenhandel

Pressesprecherin Daniela Lindemann, Leiter der Kriminaldirektion Kriminalität, Klaus Zimmermann, Staatsanwalt Julius Sterzel, Zentral- und Ansprechstelle für die Verfolgung Organisierter Straftaten in Nordrhein-Westfalen (ZeOS) und der Einsatzleiter Jan Peter Klug präsentierten Ergebnisse.
Copyright: Ralf Rohrmoser-von Glasow
„Das war ein großer Schlag gegen den internationalen Rauschgifthandel“, sagte Polizeioberrat Jan Peter Klug, Einsatzleiter der Festnahme- und Durchsuchungsaktionen in fünf europäischen Ländern mit Schwerpunkt in Köln, Bonn, Rhein-Sieg- und Rhein-Erft-Kreis. Gemeinsam stellten die Zentral- und Ansprechstelle für die Verfolgung Organisierter Straftaten in Nordrhein-Westfalen (ZeOS NRW) und die Bonner Polizei die vorläufigen Ergebnisse des Ermittlungsverfahrens unter anderem wegen des Verdachts des bandenmäßigen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor.
33 Wohn- und Gewerbeobjekte waren in Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Polen und Spanien durchsucht worden. Mehrere Hundert Beamte waren im Einsatz, Polizeihundertschaften, Spezialeinsatzkräfte (SEK), spezielle Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BfE), zahlreiche Staatsanwälte sowie zwischen 60 und 70 Polizisten in den anderen vier betroffenen Ländern.
Ein Beschuldigter flüchtete nur mit Unterhose bekleidet auf ein Dach
Elf Haftbefehle wurden vollstreckt, zwei weitere Männer vorläufig festgenommen wegen dringenden Tatverdachts. Bei der Festnahme eines der beiden Hauptbeschuldigten in Köln war der Verdächtige zunächst auf das Dach des Hauses, in dem er lebte, geflüchtet, bekleidet lediglich mit einer Unterhose. Er wurde vom SEK gefasst. In Maastricht schoss ein 29 Jahre alter Deutscher auf einen niederländischen Polizisten und verletzte ihn nur leicht, dank seiner Schutzweste, wie der Leiter der Direktion Kriminalität, der Leitende Kriminaldirektor Klaus Zimmermann, berichtete. Nach Einschätzung von Klug hätte das auch tödlich enden können.

In einem Schmuggelfahrzeug, einem Stash-Car, war ein Geheimfach zwischen Rückwand zum Laderaum und Rückbank eingebaut.
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Der zweite Hauptverdächtige wurde in Spanien verhaftet, dort wurde auch eine Luxusvilla im Wert von 1,5 Millionen Euro gesichert. Zwei Männer wurden in Sankt Augustin verhaftet, ein weiterer in Bad Honnef. Insgesamt wird gegen 21 Personen im Alter von 25 bis 62 Jahren ermittelt, darunter zwei Frauen. 18 von ihnen haben die deutsche, je eine die belgische, polnische und spanische Staatsangehörigkeit.
Neben der Villa fanden die Kräfte rund 200.000 Euro Bargeld, 27 Kilogramm Marihuana, 100 Gramm Haschisch, sechs scharfe Handfeuerwaffen, zwei scharfe Langwaffen, eine Gaspistole, acht Elektroschocker, acht Autos und ein Kleintransporter. Drei Gefährte sind sogenannte Stash-cars, also Schmuggelfahrzeuge. Dazu kamen sechs hochwertige Uhren, eine im Wert von mehr als 100.000 Euro, etwa 70 Mobiltelefone, Tablets, Computer, Speichermedien und professionell gefälschte Ausweise.

Auf dem Hof der Bonner Polizei stehen zwei der sichergestellten Fahrzeuge, der Kleintransporter wurde in Sankt Augustin gefunden.
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Die beiden Hauptverdächtigen seien noch keine 30 Jahre alt, berichtete Klug. Sie haben einen Drogenhandel im großen Maßstab organisiert. Der konkrete Vorwurf lautet zum einen, dass sie von Juli bis August 2023 arbeitsteilig etwa 1,3 Tonnen Marihuana, 13 Kilogramm Kokain und 20 Liter Amphetaminöl aus den Niederlanden und Spanien nach Deutschland importiert und hier verkauft haben.
In dem professionell umgebauten Kleintransporter, der in Sankt Augustin sichergestellt wurde, war ein nur über einen speziellen Schließmechanismus zu öffnendes Fach zwischen Rückbank und Laderaum versteckt. In einem Caddy gab es einen unter dem Rücksitz getarnten Raum, in einem Pkw ein Fach ebenfalls zwischen Rückbank und Kofferraum. Die Gruppierung, davon geht die Polizei aus, hat seit Anfang 2021 in ähnlichem Umfang mit Betäubungsmitteln gehandelt. Klug geht von einem wöchentlichen Volumen in zwei- bis dreistelliger Kilogrammmenge aus.
Sechs Beschuldigten wird vorgeworfen, von September bis November des vergangenen Jahres 350 Kilogramm Kokain mit einem Straßenverkaufswert von etwa 26 Millionen Euro aus Kolumbien und der Dominikanischen Republik über den Seeweg nach Antwerpen gebracht zu haben. Es sollte in Deutschland vermarktet werden, wurde aber im Hafen entdeckt und sichergestellt.
Die Verkaufserlöse mindestens in Höhe von 2,5 Millionen Euro wurden durch ein Geflecht von Scheinfirmen in Deutschland, Polen, Spanien und Dubai gewaschen und zurück in den legalen Wirtschaftskreislauf eingebracht oder in Kryptowährung investiert. Das haben die Finanzermittlungen im Ermittlungsverfahren ergeben.

Beamte der policia nacional waren aus Spanien nach Bonn gekommen.
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Aus Spanien waren drei Vertreter der policia nacional dabei, auch aus Polen waren Polizisten angereist. Insbesondere die intensive, internationale Zusammenarbeit deutscher Ermittlungsbehörden mit Bundeskriminalamt und Europol und den Behörden in Belgien, den Niederlanden, Polen und Spanien hätten diesen Erfolg erst ermöglicht, lobte Staatsanwalt Julius Sterzel.
Es waren vollkommen unauffällige Verdächtige.
Mehr als 50 europäische Ermittlungsanordnungen seien notwendig gewesen, über Eurojust in Den Haag hätten diese Rechtshilfemaßnahmen schnell gesteuert werden können. Denn jede Aktion musste genau abgestimmt werden. Auslöst wurde das jetzige Ermittlungsverfahren übrigens durch einen Drogenfund im Rhein-Sieg-Kreis im August 2023, bei dem einer der Hauptbeschuldigten aufgefallen war. Die weiteren Nachforschungen hätten zu immer weiteren Beteiligten geführt.
„Es waren vollkommen unauffällige Verdächtige“, sagte Sterzel. Sie seien bei der Polizei nicht bekannt gewesen, gingen aber keiner anderen Beschäftigung nach. Er geht von einer allein handelnden Gruppierung aus, die nicht in andere Hierarchien eingebunden ist. Sie hat mit einer weiteren Gruppierung in Kolumbien agiert. Der Kontakt nach Kolumbien hat uns auch gewundert, so der Staatsanwalt. Diese Konstellation hatten wir so noch nicht. Den Verdächtigen drohen allein für den bandenmäßigen Handel mit Betäubungsmitteln Freiheitsstrafen von fünf bis 15 Jahren.