Meine RegionMeine Artikel
AboAbonnieren

FachkräftemangelDer lange Weg für Pflegekräfte von Indien in den Kreis Euskirchen

Lesezeit 6 Minuten
Im Vordergrund steht eine Vase mit Tulpen, im Hintergrund wird eine Seniorin gepflegt.

Extremer Mangel: Den Experten zufolge werden im Kreis Euskirchen bis 2045 mindestens 1200 Pflegekräfte mehr benötigt. 

Die ersten fünf Pflegekräfte aus Indien sind im Kreis Euskirchen angekommen. Sie müssen nun noch neun Monate die Schulbank drücken.

Die ersten fünf indischen Pflegekräfte sind im Kreis Euskirchen angekommen. Liya Santhosh, Sony Lijo George, Mereena Jacob sowie Sajin Regi und Shameem Vattaparambil haben am Donnerstag ihren ersten Arbeitstag. Dabei werden sie zunächst als Pflegehelfer aktiv sein – und im Fokus steht zunächst weniger die Pflege, sondern mehr das Ankommen. „Ich bin froh, hier zu sein. Ich habe aber auch großen Respekt, weil die Kultur so anders ist“, sagte Liya Santhosh in – noch – gebrochenem Deutsch.

Mereena Jacob sagte bei der offiziellen Begrüßung im Kreishaus, dass für sie „ein Traum in Erfüllung geht“. Genau wie Santhosh und Sony Lijo George wird auch sie im Kreiskrankenhaus in Mechernich arbeiten. Dass drei der ersten fünf Pflegekräfte im dort arbeiten, sei reiner Zufall, berichtete Sebastian Cremer, Pflegedirektor am Kreiskrankenhaus.

Pflegekräften aus Indien werden Alltagsbegleiter zur Seite gestellt

Den neuen Mitgliedern des Pflegeteams werden Cremer zufolge zunächst Alltagsbegleiter zur Seite gestellt: „Sie werden beispielsweise bei Behördengängen helfen und das Ankommen hier im Allgemeinen erleichtern.“

Untergebracht werden die neuen Pflegekräfte in angemieteten Wohnungen des Kreiskrankenhauses. Weil der Wohnungsmarkt so angespannt sei, habe man die Wohnungen teils schon vor eineinhalb Jahren gemietet – also kurz nach dem Start des Projekts.

Pflegefachkraft in Indien und Deutschland sind zwei Paar Schuhe

Bevor die neuen Kreisbürger in ihren Einrichtungen eigenständig als Pflegerinnen und Pfleger arbeiten, wird noch fast ein Jahr vergehen. Der Grund: Der indische Pflege-Bachelor oder auch die Ausbildung zur Pflegefachkraft werden in Deutschland nicht komplett anerkannt. Pflegefachkraft in Indien und Pflegefachkraft in Deutschland seien zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.

Das Bild zeigt die fünf indischen Pflegenden, Landrat Markus Ramers, Geschäftsbereichsleiterin Birgit Wonneberger-Wrede und Projektleiterin Sabine Engisch.

Die ersten fünf indischen Pflegekräfte sind im Kreis Euskirchen angekommen und wurden im Kreishaus offiziell begrüßt.

Deswegen wird es laut Sabine Engisch, Projektleiterin beim Kreis Euskirchen, für alle Pflegefachkräfte aus Indien einen einheitlichen Kenntnislehrgang samt genormter Prüfung geben. So sei gewährleistet, dass alle auf demselben Stand seien.

Das bedeutet, dass die Pflegekräfte für mindestens neun Monate an vier Tagen pro Woche die Schulbank drücken und einen Tag pro Woche als Pflegehelfer in den Einrichtungen arbeiten, damit so schon ein wenig Bindung zum Arbeitgeber aufgebaut werden kann. Läuft also diesmal alles perfekt, stehen die ersten Pflegenden aus Indien ab 2026 als volle Arbeitskräfte den Einrichtungen zur Verfügung.

33 ausländische Pflegekräfte sollen in den Kreis Euskirchen kommen

Die ersten fünf sind aber nur der Anfang: 33 ausländische Kräfte sollen in den Kreis kommen. Diesen Bedarf haben fünf Pflegeeinrichtungen zum Projektstart an den Kreis Euskirchen übermittelt – auch wenn damit längst nicht alle Personalprobleme in der Pflege gelöst werden.

Sie sollen mithilfe der Agentur „Care with Care“ in Indien angeworben und in den Kreis Euskirchen geholt werden – der Kreis hat die Koordination für das Projekt übernommen. Aktuell dabei sind das Marienheim in Bad Münstereifel, das Evangelische Alten – und Pflegeheim (EvA) in Gemünd, das Kreiskrankenhaus, das Marien-Hospital und die Marienborn gGmbH in Zülpich.

Für den Kreis Euskirchen ist es ein besonderer Tag.
Birgit Wonneberger-Wrede, Kreis Euskirchen

„Für den Kreis Euskirchen ist es ein besonderer Tag“, sagte Birgit Wonneberger-Wrede, Geschäftsbereichsleiterin des Kreises, bei der Begrüßung. Die Motivation der indischen Pflegenden sei „beeindruckend“. So sehr die eine oder andere bürokratische Hürde auch zermürbend sei, wie Wonneberger-Wrede es ausdrückte, so sehr gebe es auch das subjektive Gefühl, dass einzelne Prozesse „allmählich Fahrt“ aufnehmen. Die Digitalisierung im Visa-Vergabeverfahren etwa – ein Schritt in der letzten Phase des Prozesses – habe sich deutlich beschleunigt.

In den kommenden Wochen stehen laut Wonneberger-Wrede diverse Teambildungsmaßnahmen auf dem Programm. „Integration entsteht nicht nur durch Vorgaben, sondern durch echtes Miteinander. Im Alltag, im Austausch, in kleinen Gesten und in gemeinsamen Erfolgen“, sagte sie.

Mangels Mobilität sind die ambulanten Pflegedienste derzeit nicht an Bord

Neben der Wohnungsmarkt-Problematik gibt es eine andere große Herausforderung: die Mobilität der Pflegefachkräfte, die für eine langfristige Integration im ländlichen Raum unabdingbar ist, sagt Projektleiterin Sabine Engisch: „Aktuell gibt es keine Förderungen für den Führerscheinerwerb oder die Umschreibung eines im Ausland erworbenen Führerscheins.“

Die Umschreibung des Führerscheins umfasse den erfolgreichen Abschluss einer theoretischen und praktischen Prüfung, was ohne Fahrschulunterricht schwer zu bewältigen und mit erheblichen Kosten verbunden sei, erklärt Engisch: „Die fehlende Mobilität ist auch ein wesentlicher Grund, weshalb derzeit keine ambulanten Pflegedienste in das Projekt eingebunden sind.“

Pflegekräfte aus Indien und anderen Ländern bringen häufig eine andere Sichtweise und Perspektive, wie auch interkulturelle Kompetenzen mit in den pflegerischen Alltag.
Markus Ramers, Landrat

Landrat Markus Ramers überreichte den ersten fünf indischen Pflegekräften unter anderem ein Tablet. Aber auch ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Herzlich willkommen“ erhielten sie.

Laut dem Kreis-Chef sind viele Stellen in den 28 stationären Pflegeeinrichtungen, aber auch in den 45 ambulanten Diensten über Monate hinweg unbesetzt. Maßnahmen wie Jobbörsen oder Kampagnen zur Nachwuchsgewinnung stießen an ihre Grenzen. Die Globalisierung biete deshalb eine wertvolle Chance.

„Pflegekräfte aus Indien und anderen Ländern bringen häufig eine andere Sichtweise und Perspektive, wie auch interkulturelle Kompetenzen mit in den pflegerischen Alltag, die in einer zunehmend kulturell bunten Gesellschaft hilfreich und wichtig sind“, so Ramers. Er bedankte sich bei allen politischen Entscheidungsträgern für die Weitsicht und Bereitschaft, eine Projektleiterin einzustellen.

Ohne Sabine Engisch sei das Projekt so wohl nicht umsetzbar gewesen, sagte der Landrat: „Die wahre Wirkung des Projekts entfaltet sich erst dann, wenn es dauerhaft verankert und weiterentwickelt wird – auf Basis der Erfahrungen, Herausforderungen und Erfolge der ersten Phase.“


Pflege im Kreis Euskirchen: viele Herausforderungen, hohe Kosten

Der Pflegenotstand wird mit 33 in Indien rekrutierten Kräften längst nicht behoben sein. Mindestens 1200 Pflegekräfte werden bis 2045 zusätzlich gebraucht im Kreis Euskirchen – in der Altenpflege, die Krankenpflege ist da nicht einberechnet. Im Oktober 2023 unterzeichneten alle Beteiligten im Kreishaus die entsprechenden Verträge zum Recuiting im Ausland.

Der Kreis Euskirchen entschied sich mit den fünf Pflegeeinrichtungen, die auch auf die Hilfe aus dem Ausland setzen, um den den Fachkräftemangel in der Pflege ein wenig abzumildern, für Indien. Landrat Markus Ramers: „Uns war wichtig, politisch wie moralisch die Probleme in dem Land nicht zu verschärfen. Wir wollen nicht wildern, nur um unsere Probleme zu verringern.“

Doch bis zur Arbeit im Kreis Euskirchen ist es ein weiter Weg – und ein teurer. Mindestens ein Jahr wurde zu Projektbeginn eingeplant – und Kosten von 10.000 bis 20.000 Euro pro Fachkraft.

Auch die Sprachbarriere muss zuerst genommen werden

Auch die Sprachbarriere muss genommen werden. „Dafür sind etwa 800 bis 1200 Unterrichtseinheiten notwendig“, sagt Projektleiterin Sabine Engisch. Die Deutschkenntnisse, die mit einem Zertifikat nachgewiesen werden müssen, können laut Engisch in Indien aktuell nicht abgefragt werden: „Es werden schlicht zu wenig Prüfungen angeboten.“

Auf dem Weg von der Vertragsunterschrift bis zum Abflug der Inder nach Deutschland waren weitere Hürden zu meistern. „Leider waren die Bearbeitungszeiten bei der Bezirksregierung zu lange. Deshalb sind wir im Zeitplan hintendran“, sagt Engisch. Eigentlich sollten die ersten Pflegekräfte schon im vergangenen Jahr   ankommen.

Aktuell seien 40 Bewerber im Programm. Die Zahl liege über dem von den Pflegeeinrichtungen angemeldeten Bedarf. Das habe damit zu tun, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Interessenten im Laufe des Prozesses, aus dem Programm ausstiegen, so Engisch.

Im Kreis Euskirchen mangelt es an Wohnraum für die Pflegekräfte

Es mangelt im Kreis Euskirchen an Wohnraum für die 33 erwarteten Pflegekräfte. „Die Wohnungssuche stellt eine große Herausforderung dar. Auch in einem ländlichen Raum wie im Kreis Euskirchen ist bezahlbarer Wohnraum knapp“, sagt Projektleiterin Sabine Engisch.

Des Weiteren verschärfe die Situation, dass viele indische Pflegekräfte keinen Führerschein haben und die ÖPNV-Möglichkeiten begrenzt seien, wenn es darum gehe, zu unterschiedlichen Schichtzeiten in die Pflegeeinrichtungen zu kommen, so die Projektleiterin: „Daher wird dringend Wohnraum in der Nähe der Pflegeeinrichtungen benötigt.“

Um dieser Problematik zu begegnen, nutze der Kreis vielfältige Kanäle, von Aushängen am Schwarzen Brett in den Einrichtungen bis hin zu den gängigen Online-Plattformen. Zudem habe der Kreis Kontakt zu regionalen Wohnungsbaugesellschaften aufgenommen, heißt es aus der Kreisverwaltung.