Die Igelstation Henriette in Bonn-Kessenich kämpft bedingungslos für das Überleben von Igelkindern und alternden Igel. Mit Katzenfutter und der richtigen Behandlung kann Jedermann mithelfen.
Igelstation HenrietteDiese Bonnerin kämpft um das Überleben der Igel

Igel haben es in der Natur immer schwerer.
Copyright: dpa-tmn
Hinweis der Redaktion: Wir spielen diesen Artikel im Rahmen unserer „Best-of 2024“-Texte erneut aus.
Es war der Rasenkantenschneider, der den wenige Wochen alten Igel förmlich rasierte. Stefan, so heißt der stachelige Gartenbewohner, weil ihn sein Finder so taufte, hatte Glück im Unglück. Er kam in die „Igelstation Henriette“ in Bonn-Kessenich, wo zunächst seine Wunde am linken Fuß versorgt wurde und wo er jetzt aufgepäppelt wird. Denn Stefan ist weniger als eine Handfläche groß und mit gerade mal 167 Gramm Gewicht wie viele seiner Artgenossen in diesen Herbsttagen ziemlich schwach auf der Brust.
Christiane Waldmann, die vor fünf Jahren die Igelstation gründete und den kleinen Igel nun in ihrer Obhut hat, kämpft unermüdlich für das Überleben der Tierchen. „Stefan war noch ein Säugling, als er verletzt wurde“, berichtet sie. Er kam aus Igelperspektive eigentlich zu spät auf die Welt. „In diesem Jahr gab es in der Region Köln-Bonn einen zweiten Wurf im Spätsommer“, so Waldmann. Das sei für die Region nicht ungewöhnlich, berge aber das Risiko, dass die kleinen Stacheltiere nicht durch den Winter kämen.

Der verletzte Igel Stefan mit der verbundenen linken Vorderpfote in der „Auffangstation Henriette“.
Copyright: Igelstation Henriette
Die Natur hat den Jahreskreislauf des Lebens eigentlich anders vorgesehen. Die Igel kommen aus dem Winterschlaf, dann sorgen sie für Nachwuchs, der im Mai und Juni auf die Welt kommt. Damit bleibt genug Zeit für das Nähren und Heranwachsen. „Ein junger Igel braucht ein Gewicht von ungefähr 600 bis Gramm, wenn er Mitte November in den Winterschlaf geht. Ansonsten stirbt er in den meisten Fällen“, so die Igel-Expertin. Der späte Wurf in diesem Spätsommer habe, so Waldmann, dazu geführt, dass Jungtiere vielfach nicht mehr auf das nötige Gewicht kommen und nun Hilfe benötigen.
Population hat sich in manchen Bundesländern halbiert
Ganz grundsätzlich ist die Situation der Igel in Deutschland und Westeuropa prekär (Rundschau berichtete). Ende Oktober wurden die Winterschläfer von der Weltnaturschutzunion (IUCN) erstmals als „potenziell gefährdet“ eingestuft. Die siebenstufige Skala reicht von „nicht gefährdet“ bis „ausgestorben“. Das Problem sei der Mensch, so die IUCN: „Insbesondere die Zerstörung ländlicher Lebensräume durch Intensivierung der Landwirtschaft, Straßen und Stadtentwicklung, führt zu einem Rückgang des westeuropäischen Igels“, heißt es. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre sei die Anzahl nach Schätzungen je nach Land um zwischen 16 und 33 Prozent zurückgegangen. Im Flandern in Belgien und in Bayern sei es ein Rückgang um 50 Prozent gewesen.

„Ich würde mir wünschen, dass die kleinen Igel nachts die Nachbarschaft zusammenschreien, wenn sie vom Mähroboter verletzt werden. Dann würde sich vielleicht etwas ändern.“
Copyright: Igelstation Henriette
Christiane Waldmann hat neben den Gründen der IUCN für das Sterben der Igel noch einen weiteren Feind ausgemacht: den Mähroboter. Der steht tragischerweise am Anfang der Geschichte, die zur Gründung der „Igelstation Henriette“ in Bonn führte. Henriette hieß die ererste Igel-Dame, die bei den Waldmanns landete – ihr waren die Augen weggemäht worden. Dank Waldmann und Helfern aus der Tierarztpraxis ihres Mannes überlebte das Igel-Weibchen und für ihre temporäre Pflegerin war klar, dass sie sich dem Kampf um das Überleben der Spezies widmen wollte. Fünf Jahre später beherbergt die „Igelstation Henriette“ 16 verletzte ud abgemagerte Tiere und ist damit in diesem Herbst quasi „ausgebucht“. Und es sind nicht nur Jungtiere, die Waldmann aufpäppelt. Auch ältere Tiere fanden in den letzten Monaten zu wenig Nahung. Sie benötigen ein Gewicht von etwa 900 bis 1200 Gramm, um die Prozedur des Winterschlafes und Wiederaufwachens zu überstehen. „Gerade letzreres kostet viel Energie“, schilert Waldmann.
Und damit gehe noch eine Gefahr einher: Wenn die Temperaturen nachts dauerhaft unter acht Grad Celsius fallen, ist der Winterschlaf für die Igel quasi programmiert. Bei milden Wintern wachen sie früher wieder auf. Wenn es dann nochmal kälter wird, folgt dasselbe natürliche Ritual. Aber für das „zweite Aufwachen“, hätten die Igel dann häufig keine Kraft mehr und verenden dann.
Wer den Igeln kurz vor der Mitte November beginnenden Winterschlaf-Phase in freier Natur helfen will, sollte ein paar Tipps beherzigen, sagt Waldmann: Laub bitte nicht entsorgen. Es könnte als Winterschlafplatz dienen und ist außerdem Brutstätte für Insekten, deren Nachzucht im kommenden Frühjahr dann den Igeln wieder als Nahrung dient. Im Garten Wassernäpfe aufstellen!
Wer einen abgemagerten Igel findet und ihn durch den Winter bringen will, sollte ein warmes Plätzchen schaffen, es kann auch ein Karton sein. Als Igelnahrung eignet sich Katzenfutter, bitte keine Milch geben! Weitere Ratschläge und Informationen gibt es bei örtlichen Igelstationen und Pflegestellen. Aufgrund von möglichem Parasitenbefall oder möglichen Erkrankungen der Wildtiere sollten immer Handschuhe getragen werden.